Samstag, 04.04.2020

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Spannend und kurzweilig: "Das freiwillige Jahr"

Ulrich Köhlers und Henner Winklers sehenswerter Film über ein schwieriges Vater-/Tochterverhältnis - 07.02.2020 11:00 Uhr

Was seine Tochter tut, bestimmt Ulf (Sebastian Rudolph) am liebsten selbst. © Foto: Grandfilm


 Im ländlichen Nordrhein-Westfalen steppt nicht gerade der Bär. Das jedenfalls vermitteln schon die beredten ersten Bilder im Film "Das Freiwillige Jahr". Die Landschaft ist genauso unspektakulär wie die Dörfer, der herbstliche Himmel ist von Dauergrau verhangen. Und die Bewohner der Gegend sind Menschen wie du und ich. Nicht gerade spannende Zutaten für eine attraktive Kino-Geschichte könnte man meinen – und täuscht sich sehr.

Denn die beiden Regisseure und Drehbuchautoren Ulrich Köhler und Henner Winckler haben sich ein Drama ausgedacht, das ohne Schnörkel funktioniert und mit reduzierten Mitteln, chronologischer Erzählweise sowie einer unaufgeregten Kamera ziemlich große Wirkung entfaltet.

Im Mittelpunkt steht Jette, die bei ihrem Vater Urs (Sebastian Rudolph), einem Landarzt, lebt. Geplant ist, dass die junge Frau nach dem Abi ein freiwilliges soziales Jahr in einem Krankenhaus in Costa Rica verbringt. Nach Papas tiefer Überzeugung soll sie mal rauskommen aus dem dörflichen Einerlei. Wirklich freiwillig ist in diesem Vater-Tochter-Verhältnis also eigentlich nichts. Und zu freuen scheint sich Jette (Maj-Britt Klenke) auch nicht. Allein schon, weil sie ihren Freund Mario zurücklassen muss.

Auf dem Weg zum Flughafen will Urs für Jette unbedingt noch eine Kamera bei seinem alkoholkranken Bruder Falk abholen. Als die beiden ihn nicht zu Hause antreffen, wird nicht nur die Zeit bis zum Abflug knapp. Die beiden Regisseure deuten mit Urs’ ungewöhnlich aggressiver Problemlösungsstrategie auch unterschwellig an, dass es mit der psychischen Gesundheit des Arztes nicht zum Besten steht. Doch wenn auf den letzten Metern zum Terminal dann zusätzlich noch alles schief geht, hat das auch Witz.

Ihre Story setzen Winckler und Köhler nach und nach zusammen. Manchmal genügt ein Nebensatz, um Sachverhalte zu erklären. Während Jette sich offensichtlich nicht entscheiden kann, wohin ihr Lebensweg führen soll, ist ihr Vater ein Kontrollfreak, der am liebsten selbst bestimmt, was seine erwachsene, wenn auch unreife Tochter tun und lassen soll. Doch im Grunde ist dieser manipulative Urs ein schwacher Mann, der vor allem an sich denkt und sein eigenes Verhalten nicht im Griff hat. Die Arzthelferin, mit der er eine Affäre hat, lässt er im emotionalen Notfall allein, ein Patient nennt ihn schon mal "selbstgerechtes Arschloch".

So ist der Mediziner eine ziemlich unsympathische Figur in einem Film mit etlichen sympathischen Momenten und unbeschwerten Szenen. Das unverbrauchte, authentisch spielende Darsteller-Ensemble trägt dazu bei, dass die unprätentiöse Geschichte aus abgelegenen deutschen Landen über weite Strecken überraschend spannend daherkommt. (86 Min.)

BIRGIT NÜCHTERLEIN

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