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Dienstag, 20.08.2019

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Summer Breeze Open Air: Das Wacken des Südens

Shuttlebusse, Blaskapelle: In Dinkelsbühl feiert die ganze Stadt mit - 14.08.2019 11:00 Uhr

Ist das noch Punkrock? Zum Summer Breeze bietet das Hallenbad Dinkelsbühl auch in diesem Sommer wieder eine spezielle Heavy-Metal-Wassergymnastik an. © Foto: Heiko Hercher/PR


Die Geschichte des Wacken Open Air ist bekannt. Jedes Jahr im Sommer fallen Tausende Heavy Metal-Fans aus aller Welt in der kleinen Ortschaft im hohen Norden der Republik ein und verwandeln das beschauliche Kaff in eine Rock’n’Roll-Kleinstadt auf Zeit. In Dinkelsbühl kann man am kommenden Wochenende ähnliches erleben: Das Summer Breeze gilt als bayerisches Gegenstück, quasi als "das Wacken des Südens".

Auch hier begann die Geschichte ganz klein. Weil sich kein Festival fand, das die Band von Achim Ostertag auftreten lassen wollte, veranstaltete dieser für sich und die Musiker auf seinem Plattenlabel Silverdust Records kurzentschlossen ein eigenes Open Air. 1997 war das, in Abtsgmünd unweit von Aalen. Fortsetzung folgte, doch mit jedem Sommer wurden die teilnehmenden Künstler namhafter und die Besucherzahlen stiegen – bis 2005 der Marktplatz aus allen Nähten platzte und klar war: die Gemeinde auf der Ostalb war endgültig zu klein geworden. Das Summer Breeze zog um, von Baden-Württemberg über die Landesgrenze nach Bayern in das 40 Kilometer entfernte Dinkelsbühl. Seit 2006 findet das Open Air jeweils am dritten August-Wochenende auf dem weitläufigen Fluggelände des dortigen Aeroclubs statt, wo Platzsorgen der Vergangenheit angehören. Mit rund 45 000 Besuchern pro Jahr ist das Summer Breeze heute das größte Szenetreffen im Süden Deutschlands.

Inhaltlich geht es um Heavy Metal und Artverwandtes. Das Programm – und das ist der größte Kritikpunkt – hat wenig eigenen Charakter. Die Bandauswahl wirkt wahllos zusammengebucht: ein musikalischer Gemischtwarenladen, bei dem alle Spielarten von Punk bis Progressive Rock, von Schlager bis Black Metal aufeinandertreffen und wo für jeden Geschmack etwas dabei ist. Zwischen einschlägig-verdächtigen Namen wie In Flames und Airbourne, die auch sonst an jeder Steckdose spielen, finden sich nur selten Überraschungen oder gar Handverlesenes. Immer wieder verirrt sich jedoch auch das ein oder andere Leckerli ins gefällige Aufgebot. So gibt sich in diesem Sommer die dänische Metal-Ikone King Diamond die Ehre und spielt auf der mächtigen Drehbühne (die man so noch auf keinem anderen Festival gesehen hat) einen ihrer seltenen Auftritte. Auch die norwegische Black-Metal-Band Emperor macht sich live eher rar.

Sturmerprobtes Dinkelsbühl

Dass sich das Rathaus der Stadt heute stolz als Gastgeber der großen Metalsause inszeniert, war nicht immer so. Obgleich die Stadt sturmerprobt ist (an die Belagerung durch die schwedischen Truppen während des Dreißigjährigen Krieges erinnert jeden Juli die "Kinderzeche"), fremdelten die Dinkelsbühler anfangs schon ein wenig mit der Invasion der schwarzgekleideten Metalhorden, die in die Stadt einfielen, um phonstark und bierselig den Teufel anzubeten. Im Rückblick war’s der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Zu der gehört natürlich auch, dass die Gäste von auswärts an diesem langen Wochenende (die Zeltplätze öffnen bereits am heutigen Dienstag) jede Menge Geld in der Stadt lassen ...

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Furioses Festival-Finale: So rocken die Fans beim Summer Breeze

Von Aufbruchstimmung keine Spur: Den letzten Tag auf dem Summer Breeze Open Air 2018 begingen die Metalheads gewohnt gut gelaunt und in ausgelassener Feierlaune. Bei den Finnen Korpiklaani gab es da nicht enden wollende Crowdsurfer-Ströme, die Erlanger von Feuerschwanz genossen ihr Heimspiel in Franken und Sänger Jacoby Shaddix von Papa Roach schlug zwischendurch etwas ernstere Töne an, als er Linkin Park Frontmann Chester Bennington gedachte.


Die Herzlichkeit ist nicht gespielt: Kostenlose Shuttlebusse pendeln vom Festivalgelände in die Stadt und wieder zurück. Cafés und Gasthäuser, Museum und Freibad – alle sind für den Ansturm gerüstet. Alle Infos zum Summer Breeze gibt es hier. Die örtliche Blaskapelle spielt ein Ständchen zur Eröffnung, der Italiener in der Hauptstraße reicht seine Eiskugeln ("nur an diesem Wochenende!") in schwarzen Schoko-Waffeln über die Theke. So oder so ähnlich kennt man das aus Wacken oder auch vom Wave-Gotik-Treffen in Leipzig.

Wenn hingegen in Nürnberg Rock im Park stattfindet, dann interessiert das keinen Schwanz. Wer zum Festivalgelände will oder von dort in die Innenstadt, soll sich gefälligst ein Ticket für die S-Bahn ziehen. Hinterher greint man über den vielen Müll. Vielleicht ist das der kleine, aber feine Unterschied, warum es in Dinkelsbühl so tiefenentspannt ist.

Das Summer Breeze Open Air findet von 14. bis 17. August in Dinkelsbühl statt. Wochenend-Ticket 133 Euro, Tagestickets 66,60 Euro. Infos: www.summer-breeze.de

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Sie tragen schwarz, schütteln ihr langes Haar und recken die Hände mit gespreizten Fingern in die Luft: Die Besucher des Summer Breeze Open Airs sind Metalheads, wie sie im Buche stehen. Dennoch greift der ein oder andere Odinsjünger vor dem Festival in die Kostümkiste, um das ganze Schwarz ein wenig aufzupeppen. Andere gleiten ästhetisch über die Köpfe der Zuschauer hinweg oder blödeln auf dem Campingplatz herum. Hier sind unsere besten Schnappschüsse aus Dinkelsbühl!


 

STEFAN GNAD

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