Donnerstag, 17.10.2019

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"Systemsprenger": In maßlos toller Wut

Nachhaltig aufwühlendes Langfilmdebüt - 20.09.2019 20:09 Uhr

In zwei Sekunden von Null auf Hundert: Helena Zengel spielt in „Systemsprenger“ das traumatisierte Mädchen Benni, das immer wieder ausrastet und damit sich und andere in Gefahr bringt.


Kinder, die als "Systemsprenger" gelten, halten ihre Umwelt in Atem, sie bringen ihre Mitmenschen an der Rand der Verzweiflung und um den letzten Nerv. Nicht nur, weil sie von jetzt auf gleich durch einen kleinen Impuls außer Rand und Band geraten, gewalttätig und extrem laut werden können. Sondern auch, weil Familie, Betreuer und Therapeuten solchen wütenden Ausrastern in der Regel hilflos gegenüberstehen, so dass am Ende oft nur Medikamente das Mittel der Wahl sind. So jedenfalls wird es in Nora Fingscheidts nachhaltig aufwühlendem Langfilmdebüt "Systemsprenger" geschildert. Bei der letzten Berlinale holte es den Silbernen Bären, nun ist der Film als deutscher Kandidat im Rennen um den Oscar.

"Systemsprenger" erzählt, man kann es sich denken, keine Geschichte zum Zurücklehnen. Wenn die neunjährige Benni austickt, fürchten sich nicht nur die Jungs, auch ihre verzweifelt überforderte, alleinerziehende Mutter bekommt es mit der Angst zu tun. Es fliegen Bobbie Cars, es fallen üble Schimpfwörter und es fließt schon mal Blut. . .

Man kann darüber nachdenken, ob es in Ordnung ist, einem Kind beim Aus-der-Haut-Fahren zuzuschauen. Doch Nora Fingscheidt hat zum einen keinen Dokumentarfilm, sondern einen Spielfilm gedreht. Man sieht also genau genommen eine großartige und überaus intensive junge Schauspielerin agieren. Zudem nähert sich die Regisseurin, die auch das Drehbuch schrieb, ihrem kleinen, traumatisierten "Kampfzwerg" mit enormer Empathie. Es lässt sich ohne Weiteres nachvollziehen, wie energieraubend solche Anfälle wirken, wie unkontrollierbar sie für das Kind selbst sind.

Irgendjemand hat Benni ihre vollen Windeln ins Gesicht gedrückt als sie ein Baby war. Mehr Erklärung gibt es nicht für das Trauma des blonden Mädchens. Der Film konzentriert sich vielmehr auf die unberechenbaren Krisen. Und darauf, wie Benni immer wieder mühsam gebändigt werden muss, wie sie durchs Raster des Jugendhilfesystems fällt und vergeblich versucht wird, eine passende Wohngemeinschaft für sie zu finden. Dass ihre zerstörerische Energie nicht nur für andere, sondern auch für sie selbst zur Gefahr wird, versteht sich von selbst.

Am besten kommt Benni noch mit ihrem Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch) klar, einem rauen Kerl mit gesundem Menschenverstand und offenem Herzen. Auf welch schmalem Grad sich die vorsichtig vertraute Beziehung der beiden bewegt, macht der Film auf drastische Weise deutlich.

Ohnehin herrscht von der ersten bis zur letzten Minute eine latente Spannung, die man im Kinosessel beinahe körperlich zu spüren meint. Vielleicht zeigt Fingscheidt den ein oder anderen Ausraster, die ein oder andere surreale Traum-Sequenz aus Bennis Gedankenwelt zu viel. Doch damit dokumentiert sie auch die Ausweglosigkeit der Lage.

Dass ihre kleine Heldin neben ihrer maßlos tollen Wut eine enorme Sehnsucht nach Liebe, Nähe und Geborgenheit umtreibt, spiegelt sich herzzerreißend in einer Szene, in der sie die Echowirkung ihrer Stimme ausprobiert. So taucht "Systemsprenger" den Zuschauer mit seinem authentischen Schauspieler-Ensemble in ein intensives Wechselbad der Gefühle. Letztlich ist es das, was man von einem guten Kinofilm erwartet. (D/119 Min.)

Birgit Nüchterlein

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