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"Und ich war da": Ein Mann ohne Moral

Martin Beyer stellt seinen umstrittenen Roman "Und ich war da" zur Diskussion. - 23.08.2019 15:35 Uhr

Der Bamberger Autor Martin Beyer. © Foto: Gert Eggenberger/dpa


Martin Beyer musste sich heftige Kritik anhören, schon bevor sein Buch erschienen war: Beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt hatte er ein, nein, DAS Kapitel aus seinem zweiten Roman "Und ich war da" gelesen – und Teile der Jury regten sich richtig auf. Nun stellt er sich beim Erlanger Poetenfest einer Diskussionsrunde.

"Und ich war da" ist als autobiografische Aufzeichnung eines klassischen Mitläufers konzipiert: Der Bauernsohn August Unterseher schildert seine Kindheit und Jugend in der Nähe von München, unter der schlagenden Hand eines vierschrötigen, später saufenden Vaters, ohne Mutter und mit schneidigen Hitlerjugend-Einpeitschern in der Nachbarschaft.

Es ist eine fiktive Biografie, aber dieses Leben wurde wohl von tausenden deutschen Jungs damals so erlebt. Doch nicht alle wurden Henkershelfer und führten die Mitglieder der Weißen Rose zum Fallbeil.

August, so viel kann man schon verraten, tut genau dies im letzten Kapitel. Bis dahin begegnet er Paul, einem Sohn aus jüdischem, intellektuellem Elternhaus. Und Isabell, einer jungen Kommunistin. Beide sind ihm sympathisch, beide schubsen ihn in eine andere Richtung, weg von der Gewalt und von der Hitler-Gefolgschaft. August hat nicht den Mumm, ihnen zu folgen.

Der Protagonist führt die Weiße Rose ans Messer

Martin Beyer hat einen Mann ohne Eigenschaften erdacht, einen, der merkt, was nicht gut läuft, aber nichts macht, auch nicht für sich selbst. Als es soweit ist, geht er in den Krieg, lässt sich von einem Partisanen-Mädchen den Arm zerschießen und kommt versehrt wieder zurück. Eher aus Ratlosigkeit als aus eigenem Antrieb nimmt er den Job an der Seite des (authentischen) Henkers Johann Reichhart an – und führt Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst zur Guillotine.

Dies ist der Punkt, an dem sich Teile der Klagenfurter Fachjury rieben: Martin Beyer hätte auch Todeskandidaten erfinden können. Doch er suchte sich bewusst die berühmtesten aus, die Mitglieder der Weißen Rose. Jurorin Insa Wilke warf Beyer vor, die historischen Figuren zu instrumentalisieren. Beyer wies das im Interview mit unserer Zeitung weit von sich, denn genau darum ging es ihm beim Schreiben: Die Begegnung dieser heldenhaften Widerstandskämpfer mit einem, der sich zu gleicher Zeit mutlos verhielt und dem Bösen nicht nur nicht entgegenstellte, sondern sich selbst dafür instrumentalisieren ließ. Sein Buch soll schildern, wie einer den Weg seines Lebens wählt, bewusst oder unbewusst, und so auf der Seite des Bösen landet, das eben so furchtbar banal ist.

Mangelnde literarische Ausformung

Was man dem Bamberger Autor aber durchaus vorwerfen kann, ist die mangelnde literarische Ausformung dieses August, einer problematischen Figur, der er im entscheidenden Moment aber einfach zu wenig Profil gibt. Beyer flüchtet sich in simple Vorgangsbeschreibungen, wo er zuvor noch mit viel innerer Gedankenwelt gearbeitet hat. Sprachlich und dramaturgisch bleibt er zögerlich im Vagen, wenn er zum Kulminationspunkt im Leben dieses Mannes ohne eigene Moral kommt.

Ungelenk ist auch die Schilderung von Augusts Klarträumen, mit denen – in der Rückschau des alternden Mannes, der sich seiner Familie nie offenbarte – er seine Kriegserlebnisse rekapituliert.

Diskussionsrunde in der Erlanger Orangerie

Es sind viele Brüche in diesem schmalen Buch, die wohl gewollt sind, aber deren Effekt unklar bleibt. Die Diskussionsrunde, zu der beim Erlanger Poetenfest neben Beyer auch der Reichhart-Biograf Roland Ernst zum Thema "Das Böse als Held – Ein Nazi-Henker zwischen Fiktion und Recherche" sprechen werden, dürfte interessant werden.

Martin Beyer nimmt am 31. August, 17.30 Uhr, in der Erlanger Orangerie an dem Podiumsgespräch unter dem Motto "Das Böse als Held" teil.

Martin Beyer: Und ich war da. Roman, Ullstein Verlag, 185 Seiten, 20 Euro. 

KATHARINA ERLENWEIN

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