Nürnberger GMD mit umjubelter Premiere in Salzburg

Warum Joana Mallwitz' "Cosi fan tutte" eine Sternstunde ist

8.8.2021, 12:03 Uhr
Joana Mallwitz im Großen Festspielhaus Salzburg mit Musikern der Wiener Philharmoniker.

Joana Mallwitz im Großen Festspielhaus Salzburg mit Musikern der Wiener Philharmoniker. © Barbara Gindl

Viel Applaus und Jubel im Großen Festspielhaus zu Salzburg: Nürnbergs Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz hat bei der diesjährigen Premiere von „Cosi fan tutte“ ihre Deutung von Mozarts Oper nochmals intensiviert und aufregender gemacht.

Hellwach und mit großem musikalischen Atem demonstriert sie, dass aus der eigentlich banalen und etwas kindsköpfigen Wette zweier junger Männer, ob ihre Frauen unter allen Umständen immer treu sind, der gesamte Kosmos der menschlichen Gefühle erwächst.

Im Mittelpunkt der Oper steht die Wette, ob Frauen immer bedingungslos treu sind.

Im Mittelpunkt der Oper steht die Wette, ob Frauen immer bedingungslos treu sind. © © SF

Mallwitz lässt die in Noten gegossene Conditio humana in allen ihren feinen und überraschenden Verästelungen aufscheinen und gibt dabei den Sängerinnen und Sängern viel Raum für ihre eigene Gestaltung.

Mozarts Musik wirkt hier wie eine filigrane Klangkuppel, deren melodische Schönheit, Zartheit und wärmende Freude über einem haltlosen Abgrund schwebt. In dieser Tiefe lauern die dunklen Seiten des Mensch-Seins: Schmerzen, Trauer, Ängste, Leiden.

Don Alfonso (Johannes Martin Kränzle, re.) überredet die jungen Männer zu der Wette.

Don Alfonso (Johannes Martin Kränzle, re.) überredet die jungen Männer zu der Wette. © SF / Monika Rittershaus

Vielleicht sogar, viel schlimmer: die Abwesenheit allen Lebens. Wenn Mozart das Schlagen eines vor Freude hüpfenden Herzens komponiert, denkt er immer das große, leblose Universum mit, das uns umgibt, das Vakuum des Todes.

Für einen Dirigenten bzw. eine Dirigentin ist diese Beseeltheit des Mozartklanges eine der größten Herausforderungen, die es gibt. Man kann nicht herumtricksen wie bei den Romantikern, man hat nur die eine feine Linie, die man treffen muss.

Die Männer täuschen einen Abschied vor - um bald danach verkleidet wieder aufzutauchen - in dieser Inszenierung symbolisiert das ihre bunte Kleidung.

Die Männer täuschen einen Abschied vor - um bald danach verkleidet wieder aufzutauchen - in dieser Inszenierung symbolisiert das ihre bunte Kleidung. © SF / Monika Rittershau

Und Joana Mallwitz trifft, berührt, lässt mit den Wiener Philharmonikern aus der komödiantischen Ausgangslage heftige Emotionen erwachsen: nagende Eifersucht, zarte neue Liebe, schmerzende Enttäuschung, rasende Wut. Alles in höchstem Maß fließend, elastisch, manchmal von Takt zu Takt Farbe und Stimmung wechselnd.

So wie Mozarts Musik bei Mallwitz ihr Leuchten aus einem dunklen Grund entwickelt, so lässt Regisseur Christof Loy die sechs Personen dieser Oper vor einer schlichten weißen Wand mit großer spielerischer Leidenschaft Farbe gewinnen.

Nun hat Dorabella (Marianne Crebassa, mi.) plötzlich zwei Verehrer: Ferrando (Bogdan Volkov, li.) und Guglielmo (Andrè Schuen).

Nun hat Dorabella (Marianne Crebassa, mi.) plötzlich zwei Verehrer: Ferrando (Bogdan Volkov, li.) und Guglielmo (Andrè Schuen). © SF / Monika Rittershaus

Lediglich zwei große Saaltüren sind in der Wand eingelassen, ein paar Stufen weisen Richtung Orchestergraben, das Orchester ist nah dran am turbulenten Geschehen am vorderen Bühnenrand. Zeitlos und universell ist dieser Entwurf gehalten und deutet an: das hier betrifft alle Menschen.

Das junge Mozart-Ensemble mit viel Potenzial ist zusammengeblieben und agiert im zweiten Jahr der Produktion nochmals deutlich gelöster und mit intensiver Körperlichkeit. Andrè Schuen gibt mit voll tönendem Bariton den selbstbewussten Guglielmo, der in Marianne Crebassa als Dorabella rasch Mezzo-Glut und Zuneigung entfacht.

Dorabella (Marianne Crebassa, li.) und Fiordiligi (Elsa Dreisig) sind sich ihrer Gefühle nicht mehr sicher. Despina (Lea Desandre, hinten) durchschaut das Spiel.

Dorabella (Marianne Crebassa, li.) und Fiordiligi (Elsa Dreisig) sind sich ihrer Gefühle nicht mehr sicher. Despina (Lea Desandre, hinten) durchschaut das Spiel. © SF / Monika Rittershaus

Das wird für ihren eigentlichen Partner Ferrando zur Qual, die Bogdan Volkov mit seinem lyrisch grundierten, aber kraftvollen Tenor in ambivalent-spannenden Gesang gießt. Außerdem spannt ihn die von ihm angebaggerte Fiordiligi ganz schön auf die Folter: Elsa Dreisig gestaltet ihre Zögern und Zweifeln innig mit ihrem hellen, seit letztem Jahr nochmals gereiften Sopran.

Der Drahtzieher der Partnertauschwette und des daraus resultierenden Gefühlschaos ist hier ein kerniger Charakterkopf, der mit den anderen Figuren spielt und doch mitleidet. Johannes Martin Kränzle zeichnet nicht nur ein präzises Psychogramm von Don Alfonso, sondern bringt auch viel Spielwitz und komödiantisches Talent ins Geschehen.

Das Rollentausch-Spiel läuft aus dem Ruder. Ferrando (Bogdan Volkov) ist schon ziemlich verunsichert.

Das Rollentausch-Spiel läuft aus dem Ruder. Ferrando (Bogdan Volkov) ist schon ziemlich verunsichert. © SF / Monika Rittershaus

Eine Qualität, die auch Lea Desandre mit klar-leuchtendem Sopran und enormer Gewieftheit als Zofe und Mitwisserin Despina auszeichnet. Intensität gewinnt die Inszenierung durch das körpernahe, bewegungsfreudige Spiel der Akteure: Berührungen, Umarmungen, sogar Küsse gibt es.

Als Gegenbild zu Maskenpflicht und Social-Distancing entfaltete diese „Cosi“ im Corona-Jahr 2020 eine besondere Wirkung. Die trägt auch heuer. Denn diese Pandemie sind wir noch lange nicht los, selbst wenn die Salzburger Festspiele in ihren Vorstellungen wieder abstandslos alle Plätze besetzen.

Im Rollentausch haben sich zwei neue Paare gefunden. Und nun?

Im Rollentausch haben sich zwei neue Paare gefunden. Und nun? © SF / Monika Rittershaus

Mit ihrer sängerischen und musikalischen Qualität könnte diese Salzburger Inszenierung durchaus Referenzcharakter entwickeln. Schade nur, dass es sich dabei um eine auf knapp zweieinhalb Stunden gekürzte, auch 2021 ohne Pause gespielte Version der Oper handelt. Wenn die Interpretation schon so herausragend ist, sollte davon doch die komplette „Cosi fan tutte“ profitieren!

Einigen Wirbel hatte Joana Mallwitz in den letzten Wochen in Nürnberg ausgelöst. Sie machte ihre Schwangerschaft öffentlich, sie kündigte an, ihren Vertrag als Nürnberger Generalmusikdirektorin nicht über den Sommer 2023 hinaus verlängern zu wollen.

Regisseur Christof Loy übersetzt den Wirbel der Emotionen in körperliche Bewegung.

Regisseur Christof Loy übersetzt den Wirbel der Emotionen in körperliche Bewegung. © SF / Monika Rittershaus

Hier in Salzburg lässt sie in ihren letzten Auftritten vor der Babypause die Musik sprechen, lässt Mozarts Musik am Genius Loci seiner Geburtsstadt leuchten, nur wenige hundert Meter entfernt von dem Ort, an dem dieser wunderbare Komponist im Jahr 1756 geboren wurde.

Bei Aufführungen wie diesen ist er präsenter denn je. Denn Mallwitz' hervorragende, klug strukturierte und tief-empfundene Interpretation wird den gegenwärtigen Stand der Mozart-Deutung mit fortschreiben.

Dorabella (Marianne Crebassa) küsst Ferrando (Bogdan Volkov).

Dorabella (Marianne Crebassa) küsst Ferrando (Bogdan Volkov). © SF / Monika Rittershaus

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