Keine Vertragsverlängerung

Warum Nürnbergs Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz geht

28.7.2021, 16:17 Uhr
Den Olymp der klassischen Musikkultur in Europa hat Joana Mallwitz schon erreicht: Letztes Jahr leitete sie bei den Salzburger Festspielen als erste Frau überhaupt die Opernaufführungen von

Den Olymp der klassischen Musikkultur in Europa hat Joana Mallwitz schon erreicht: Letztes Jahr leitete sie bei den Salzburger Festspielen als erste Frau überhaupt die Opernaufführungen von "Cosi fan tutte". Auch 2021 wird sie dort wieder auftreten. © BARBARA GINDL

Die Nachricht kam plötzlich, aber unvorhersehbar war sie nicht. Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz wird ihren fünfjährigen Vertrag nicht verlängern und zum Ende der Spielzeit 2022/23 das Staatstheater Nürnberg verlassen.

Als Begründung nannte die sehr beliebte und längst international erfolgreiche 35-Jährige, dass sie nach knapp zwei Jahrzehnten in festen Positionen an Opernhäusern einen „Fokuswechsel“ brauche.

Ein wichtiger Aspekt sei dabei ihre familiäre Situation: Im Herbst erwartet Joana Mallwitz ihr erstes Kind.
Eine mindestens ebenso große Rolle aber dürften die sich seit dem Aus für den geplanten Konzertsaal verdüsternden Perspektiven für die klassische Musik in Nürnberg spielen.

Auftritt vor ganz großem Publikum: Joana Mallwitz beim Klassik Open Air 2019.

Auftritt vor ganz großem Publikum: Joana Mallwitz beim Klassik Open Air 2019. © G?nter Distler

Sie bedauere es, so Mallwitz in ihrer Stellungnahme, „dass der ursprüngliche Plan, die Staatsphilharmonie bis zur Eröffnung des neuen Nürnberger Konzertsaales zu begleiten, durch die Entwicklungen des letzten Jahres leider nicht mehr in Erfüllung gehen kann.“

Schon letzten Herbst, als die Entscheidung gegen den Konzertsaal von den Verantwortlichen der Stadt Knall auf Fall verkündet wurde, nahm Mallwitz kein Blatt vor den Mund und sagte unserem Medienhaus: „Es war überraschend, ja erschreckend, dass diese Entscheidung jetzt so schnell gefällt wurde.“ Sie befürchte eine „Abwärtsspirale für die kulturelle Identität dieser Stadt“, sagte sie.

Sie deutete damals bereits an, dass das Konzertsaal-Aus auch ihre Entscheidung über eine Vertragsverlängerung in Nürnberg beeinflussen könnte.

Wie sehr sie sich um die kulturelle Zukunft der Stadt sorgt, zeigt sich auch in ihrer aktuellen Stellungnahme: „Ich bin aber sehr froh, dass es von der Stadt und vom Land zumindest ein klares Bekenntnis zum Bauvorhaben Opernhaus gibt“, heißt es dort.

Ihre

Ihre "Expeditionskonzerte" im Opernhaus wurden zum Knüller. Joana Mallwitz erklärte dabei große Werke der klassischen Musik. © Harald Sippel

Trotzdem wissen nicht nur Kenner der Klassikszene, dass die Perspektiven für Joana Mallwitz' weitere Karriere außerhalb Nürnbergs so großartig sind, dass selbst der Bau des Konzertsaals ihren Verbleib in der Stadt nicht sichern hätte können.

Der wichtigste Meilenstein für ihre internationalen Erfolge war die Wahl zur „Dirigentin des Jahres 2019“; 2020 folgte ein weiterer Ritterschlag, als sie im 100. Jubiläumsjahr der Salzburger Festspiele als erste Frau in der Geschichte des renommiertesten Klassikfestivals Europas eine Opernaufführungsserie dirigieren durfte: Mozarts „Cosi fan tutte“.

Klare Schlagtechnik, ausgeprägtes Gefühl für Klangnuancen: Joana Mallwitz hat als Dirigentin viele Qualitäten.

Klare Schlagtechnik, ausgeprägtes Gefühl für Klangnuancen: Joana Mallwitz hat als Dirigentin viele Qualitäten.

Mit diesem Projekt wird sie auch in wenigen Tagen wieder in Salzburg dabei sein, als letztes Engagement, bevor sie in die Babypause geht und voraussichtlich im Januar 2022 ihre Arbeit als GMD und Dirigentin wieder aufnehmen wird.

Auch in Nürnberg feierte Mallwitz rasch Erfolge und eroberte die Herzen der Klassikfans im Sturm.
Zuvor war die gebürtige Hildesheimerin 2014 als damals jüngste Generalmusikdirektorin Europas ans Theater Erfurt gegangen, 2018 holte sie Staatsintendant Jens-Daniel Herzog in gleicher Position ans Nürnberger Staatstheater. Plötzlich gab es in den von Mallwitz dirigierten Philharmonischen Konzerten Standing Ovations und Jubel in der nun auch tatsächlich mal ausverkauften Meistersingerhalle.

Ähnlich enthusiastisch waren die Reaktionen des Opernpublikums, als Mallwitz Prokofjews „Krieg und Frieden“, Wagners „Lohengrin“ und einen fantastisch sanglichen „Don Carlos“ von Verdi dirigierte.

Mehr Opern waren es in Nürnberg tatsächlich bis heute gar nicht. Die beiden Corona-Lockdowns unterbrachen dieses junge Aufblühen der Klangkultur im Nürnberger Orchestergraben. In der kommenden Spielzeit soll Mallwitz Debussys „Pelleas et Melisande“ und Strauss' „Rosenkavalier“ dirigieren.

Den größten Erfolg aber hatten Joana Mallwitz' bereits in Erfurt entwickelten „Expeditionskonzerte“, in denen sie persönlich in die musikalischen Geheimnisse großer Klassikwerke einführte: als Vortragende und am Klavier.

Die Chefin mit ihren Mitarbeitern: Joana Mallwitz und die Musikerinnen und Musiker der Staatsphilharmonie Nürnberg.

Die Chefin mit ihren Mitarbeitern: Joana Mallwitz und die Musikerinnen und Musiker der Staatsphilharmonie Nürnberg.

In diesem Format konnte sie die vielbeschworene Öffnung der Hochkultur für neue Publikumsschichten erlebbar machen. Nicht nur in diesen Konzerten vereinte sich ihr Charisma mit ihrer kapellmeisterlichen Klarheit und der Intuition für die einmaligen musikalischen Momente während einer Aufführung. Das ist die Mischung, aus der sich große Dirigenten- und Dirigentinnenpersönlichkeiten entwickeln können.

Im Staatstheater Nürnberg wird sie eine sehr große Lücke hinterlassen. Hätte Nürnberg einen Konzertsaal gebaut, hätte das Mallwitz sicher nicht halten können. Dass Nürnberg keinen Konzertsaal baut, macht es aber umso schwerer, einen einigermaßen adäquaten Nachfolger oder Nachfolgerin an die Stadt zu binden.

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