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Freitag, 03.07.2020

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Wege aus der Verzweiflung

Trauerarbeit: Krzysztof Zanussi inszenierte «Die entfernte Stimme» in Amberg - 15.02.2010

Becca (Susanne Uhlen, links) bekämpft ihren Verlustschmerz, indem sie sich von Erinnerungsstücken trennt. Ihre Mutter (Sabine Selle) hilft ihr. © Bernd Böhner


Die Situation von Becca und Howie ist so einfach wie fatal: Vor acht Monaten starb ihr einziger Sohn Danny. Der Achtjährige lief dem Haushund hinterher und wurde von einem Auto überfahren. Seither lähmt Trauer ihr (Sex-)Leben, vor allem, weil beide ganz unterschiedliche Strategien entwickeln, mit dem Verlust umzugehen.

Sie kann die allgegenwärtigen Erinnerungen in Form von Spielsachen, Bildern und Kleidern nicht ertragen, will am liebsten alles entsorgen, was mit ihrem Sohn zu tun hat, und eigentlich auch aus dem heimischen «Kaninchenbau» («Rabbit Hole» heißt auch der Originaltitel des Stücks) fortziehen. Er dagegen braucht die dauernde Präsenz der Dinge, spielt allabendlich Erinnerungsvideos ab und sucht in einem Betroffenenkreis das, was er mit seiner Frau nicht kann: Über die Verlustängste zu sprechen.

Das Ganze könnte in ein Selbstzerfleischungsdrama münden, in dem die mühsam aufgebaute, gehobene Mittelstandswelt von Becca und Howie wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht. Aber Feydeau-Verehrer David Lindsay-Abaire (40) ist ein zu kluger Menschenbeobachter, um nicht auch die gewollt oder auch ungewollt komischen Seiten dieser Trauerarbeit zu beleuchten. Er wählt den leichten Boulevard-Ton, ohne an Tiefgang zu verlieren. Das ist eine Kunst.

So zeigt er uns, wie Beccas leichtfüßige, schwangere Schwester Izzy (temporeich: Kristine Walther) mit ihrem Lebenshunger zum Energiequell für die beiden Verzweifelten wird. Wie Beccas Mutter (Sabine Selle), die selbst am Grab eines Sohnes gestanden hat, mit ihrer zurückhaltenden Präsenz eine große Stütze ist. Und wie der Unfallfahrer, der naive Abiturient Jason (Tobias M. Walter), mit seinen Schuldgefühlen umzugehen versucht.

Susanne Uhlen und Carsten Klemm beeindrucken durch die Konzentriertheit ihrer Mittel. Ihre Figuren bemühen sich um Sensibilität füreinander und leben sich doch weiter auseinander. Nur selten bricht es aus ihnen heraus, können sie den Schmerz nicht mehr kanalisieren. Aber in diesen Momenten entsteht eine hohe Dringlichkeit, auf die Regisseur Zanussi auch hinarbeitet. Er legt Wert auf die kleinen, aber deutlichen Gesten, unterstreicht, dass es aus der Verzweiflung – wenn überhaupt – nur einen gemeinsamen Weg gibt.

Wenn man dem soliden, geschickt gebauten und von Dagmar Windisch einfühlsam übersetzten Konversationsstück eines vorwerfen will, dann ist es vielleicht die Berechenbarkeit der Szenenfolgen, die auf einen versöhnlichen, offenen Schluss zulaufen. Nichtsdestotrotz wird das Stück auch in Deutschland seinen Weg machen. In den USA laufen derzeit die Vorbereitungen für eine Verfilmung noch in diesem Frühjahr mit Nicole Kidman als Becca. JENS VOSKAMP

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