Stilkritik

Wo kommt der Ruß her? Diese Wahlwerbespots der Parteien lösen Fremdscham aus

12.9.2021, 06:01 Uhr
Rußverschmiert im stillgelegten Kohleschacht: Hat Armin Laschet dort gearbeitet?

Rußverschmiert im stillgelegten Kohleschacht: Hat Armin Laschet dort gearbeitet? © e-arc-tmp-20210910_095437-1.jpg, NNZ

Man muss heutzutage keinen Fernseher haben, um sich an den zahlreichen Werbespots der Parteien zur Bundestagswahl zu erfreuen. Es gibt sie alle auf Youtube. Wobei festzuhalten ist, dass sich nur Menschen mit ungewöhnlich viel Freizeit eine halbe Stunde lang Wahlwerbung im Internet reinziehen dürften. Oder Journalisten.

Die erste Überraschung erlebe ich, noch bevor ich auch nur einen Spot gesehen habe. Gibt man auf Youtube „Wahlwerbespot 2021“ ein, erscheint ganz oben ein Filmchen der SGP. Sagt Ihnen nichts? Die SGP ist die Sozialistische Gleichheitspartei. Und der Spot läuft mit dem kleinen Zusatz: „Anzeige“. Ja, die Sozialistische Gleichheitspartei hat tatsächlich Geld an Youtube gezahlt, um in der Liste ganz oben zu stehen. Hasta la victoria siempre.

Nun lassen wir Armin Laschet sprechen: „Mein Vater war Bergmann. Als Ministerpräsident habe ich die letzte Zeche geschlossen. Ich weiß, was Veränderung bedeutet.“ Man sieht den Kanzlerkandidaten der Union mit einigen alt gewordenen Kohlekumpels einen Schacht entlang laufen. Sein Gesicht ist mit Ruß verschmiert. Hat Laschet gearbeitet? In der stillgelegten Zeche? Und warum hat nur er gearbeitet? Die Gesichter der neben ihm laufenden Rentner sind sauber.

Ist das noch die CDU?

Es folgen Stichworte: Corona, Modernisierung, Freiheit, Europa. Jeder (und jede) soll sich sicher fühlen in Deutschland, „egal woher man kommt, woran man glaubt und wen man liebt“ - ein Frauengesicht ist zu sehen, im Hintergrund eine Regenbogenfahne. Spätestens hier fragen sich eingefleischte Unionswähler: Ist das noch meine Partei? Doch Laschet hat gerade erst angefangen: „Wir sind uns einig. Wir müssen den Klimawandel aufhalten.“ Wie bitte? Verkündet er jetzt Förderung für Solardächer und Windenergie, das Ende von Benzinern und Kurzstreckenflügen? Nein. Laschet bleibt seiner Linie treu, generell nichts Konkretes zu äußern. Er möchte „ein Land der digitalen Dichter und Denker“. Damit meint er wahrscheinlich Leute wie den Youtuber Rezo.

Die SPD duzt. Und beginnt mit Helmut Schmidt, der den Amtseid ablegt. Dann sieht man den jungen Olaf Scholz mit langen, braunen Locken. „Als Schmidt Deutschland aus der Krise führte, stieg er für Dich in die Politik ein“, behauptet eine weibliche Stimme aus dem Off. Für mich? Ich war damals noch nicht auf der Welt, aber gut, hört sich sympathisch an.

Im Rest des Spots wird Scholz als Macher geriert. Arbeitsrechtler, Minister, Bürgermeister. Als Vizekanzler kämpfe er gegen Corona („mit Wumms“), für Grundrente, globale Steuergerechtigkeit und Soforthilfe beim Hochwasser. Man fragt sich, ob es jemanden gibt, der gegen Soforthilfe bei Hochwasser kämpft.

Waren wir nicht per Du?

Es werden noch einige Forderungen aufgezählt, dann lächelt Scholz – etwas verkniffen, wie man es von ihm kennt – in die Kamera und sagt: „Dafür bitte ich um Ihre Stimme.“ Moment mal, ich dachte, wir waren schon per Du. Zum Glück kommt wieder die Stimme aus dem Off: „Scholz packt das an. Aus Respekt für Dich.“ Jetzt fühle ich mich wieder abgeholt, aber müsste es nicht "Respekt für Dich" heißen? Jedenfalls ist da für alle etwas dabei. Scholz ist vielleicht der langweiligste Mann in ganz Deutschland, wie es der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, Jeff Kornblum, der New York Times diktierte. Aber er packt das an. Für mich. Auch wenn er selbst mit mir per Sie bleibt. Das ist schließlich seriöser.

Sie warten schon auf die Grünen? Zurecht.

Bei denen wird nämlich gesungen. „Kein schöner Land“ in einer umgedichteten Grünen-Version. Das Internet hat sich darüber schon mächtig lustig gemacht. Es ist auch ziemlich furchtbar. Dass die Sängerinnen und Sänger nicht nach stimmlichen Fahigkeiten gecastet sind, sondern nach Diversität, ist ja noch nachvollziehbar. Aber der Text tut manchmal schon weh. „Anschluss an Straße, Bus und Bahn / Und natürlich auch W-Lan“ - das kann nicht gut gehen. „Die richtigen Sahachen / Lass sie uns mahachen / Oh yeah.“ Die Partei der digitalen Dichter und Denker ist eben doch die CDU.

Am Ende wartet noch eine Enttäuschung. Robert Habeck und Annalena Baerbock singen nicht. Warum?! Das hätte ich gerne noch gehört. Stattdessen dürfen DJ Habeck und MC Baerbock in einer Art Rap das Reimschema zum Schluss führen: „Jetzt alles geben / Den Aufbruch leben / Wir sind bereit.“

Kein schöner Land also. Offenbar sind sich die Grünen ihrer jungen Wähler sehr sicher, denn die können damit nicht angesprochen sein. Während Laschet und Scholz generell absolut alle ansprechen wollen, haben sich die Grünen so etwas wie eine Zielgruppe gesucht. Ob das gut geht?

Es bleibt der Eindruck, der ein bisschen den ganzen bisherigen Wahlkampf spiegelt. Egal ob Laschet, Scholz oder Baerbock, alle wollen auf ihre Weise vor allem eins: sein wie Angie. Das ist etwas arm. Aber eine Wahlempfehlung für die SGP würde ich trotzdem nicht abgeben.

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