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ZDF-Serie über die Frauen am Bauhaus

Kampf um Gleichberechtigung: "Eine neue Zeit" von Lars Kraume glänzt mit Starbesetzung - 09.09.2019 17:37 Uhr

Szene aus der Serie „Eine neue Zeit“: Dörte (Anna Maria Mühe, Mitte rechts) und Gunta (Valerie Pachner, Mitte links) werden zusammen im Studentenwohnheim wohnen. © Foto: Anke Neugebauer/ZDF/Arte/dpa


Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 1963: Walter Gropius (als Sympathieträger gespielt von August Diehl) hat doppelten Grund zum Feiern: Der Architekt und Gründer des Bauhauses wird 80 und in New York steht sein spektakuläres, 246 Meter hohes PanAm-Gebäude kurz vor der Einweihung. Für die Zeitschrift Vanity Fair besucht die Journalistin Stine Branderup (Trine Dyrholm) den Architektur-Star zum Interview. Sie ist eine alte Bekannte, die nicht lange um den heißen Brei herumredet. "Wie lebst du mit der Lüge, dass Frauen und Männer am Bauhaus gleichbehandelt wurden?"

Viel ist im Jubiläumsjahr — das Bauhaus wurde vor 100 Jahren gegründet — über die wirkungsreiche Schule, ihre berühmten Lehrer wie Lyonel Feininger, Paul Klee und Oskar Schlemmer, die engagierten Schüler wie Marcel Breuer oder Gunta Stölzl und auch die umstrittene Frauenpolitik dort geschrieben worden. Der insgesamt viereinhalbstündige Mehrteiler ist eine ebenso informative wie unterhaltsame Zusammenschau der Anfangsjahre, zeigt den gesellschafts-(politischen) Hintergrund und packt den Zuschauer auch emotional.

Im Interview mit Stine blickt Gropius (und mit ihm der Zuschauer) zurück — auch und vor allem auf Dörte Helm, die real existiert hat, eine außergewöhnliche Schülerin und zu ihrer Zeit eine der wichtigsten Frauen am Bauhaus war. Sie wird — dargestellt von der großartigen Anna Maria Mühe — in den Mittelpunkt der TV-Reihe "Eine neue Zeit" gerückt: Eine junge Frau aus stockkonservativem Elternhaus, die sich privat und beruflich emanzipiert. Und sich — so suggeriert es die Handlung — in den mit Alma Mahler (Birgit Minichmayr) liierten Walter Gropius verliebt.

Diese Liaison ist nicht belegt, ein Stück Filmfiktion das bei den Nachkommen der 1941 verstorbenen Dörte Helm für Kopfschütteln sorgt. Im Kunstmagazin Art kritisiert Helms Tochter Cornelia Heise die erfundene Obsession Johannes Ittens (ebenso großartig wie eiskalt gespielt von Sven Schelker), Dörte Helm in seinem Vorkurs zu erniedrigen, ebenso wie die erfundene Liebesgeschichte mit dem Schulleiter. Kraume hält dagegen, dass man historischen Stoff dramatisieren müsse, um ihn zugänglich zu machen. Und damit hat er recht. Schließlich handelt es sich um einen Spielfilm und nicht um eine Dokumentation. Authentizität kann und muss also nicht das oberste Gebot sein.

Mit der Gleichberechtigung der Frauen am Bauhaus war es tatsächlich nicht so weit her, wie immer behauptet wurde. Die Studentinnen wurden in die Weberei abgeschoben. "Wenn an dieser Schule etwas Wegweisendes hervorgeht, dann werden wir nur den Bettvorleger geknüpft haben", beschwört Dörte Helm ihre Kommilitoninnen zum Kampf für wirkliche Gleichberechtigung. "Sie war sehr extrem", sagt Gropius an einer Stelle über die energische Frau, die eine der wenigen Studentinnen war, die das ganze Ausbildungsspektrum am Bauhaus durchliefen: Glasgestaltung, Weberei, Wandmalerei. Heute ist sie und ihr Werk weitgehend vergessen.

Info"Die Neue Zeit", sechsteilige Serie zum Bauhaus-Jubiläum im ZDF, 15. bis 17. September jeweils 22.15 und 23 Uhr. 

BIRGIT RUF

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