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Zoom- und drehbar: Die Region 1577 online entdecken

Auf der detailverliebten Karte sind sämtliche Orte rund um Nürnberg zu sehen - 26.01.2021 16:35 Uhr

Eine Landkarte von Nürnbergs Umgebung, wie sie sich im Jahr 1577 darbot. Wer unten im Artikel auf den Link zur Karte klickt, kommt zur Online-Version auf bavarikon.de, die sich nach Herzenslust drehen und heranzoomen lässt.

26.01.2021 © Screenshot Bavarikon


Landkarten sind etwas Wunderbares! Nicht nur eine Abbildung der Welt, sondern eine Welt für sich. Vor allem Prospektkarten, die schroffe Gebirgszüge wiedergeben, Wälder als Baummeer schildern, schäumende Wasserfälle stilisieren und hier und da ein einsames Männchen in die Landschaft stellen.


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Wer den "Herrn der Ringe"-Roman gelesen hat, hat auch nächtelang über der Karte von Mittelerde gebrütet. Liebhaber historischer Karten erheitern sich an den teils grotesken, dem damaligen Wissensstand geschuldeten Verzeichnungen. Und dann gibt es noch Karten, wo Norden unten und Süden oben ist.

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Eine Kostbarkeit hat vor kurzem das bayerische Internetportal Bavarikon im Internet zugänglich gemacht: eine Landkarte von Nürnbergs Umgebung, wie sie sich im Jahr 1577 darbot. Ein Holzschnitt, bestehend aus vier Teilen, die zwar nicht ganz passgenau aneinander anschließen, aber doch den Eindruck der Geschlossenheit vermitteln.

Der Reiz an dieser Karte: Hierbei handelt es sich um eine beliebig drehbare Karte, genauer, um einen Rundprospekt. Das heißt, die Stadt Nürnberg bildet das Zentrum, und drumherum liegt in konzentrischer Anordnung, wie das Zifferblatt einer Uhr, das Umland. Der erste Blick präsentiert dem Leser sämtliche Dörfchen nördlich von Nürnberg. Wer aber die Gegend im Osten studieren will, muss die Karte um 90 Grad drehen, die Südgegend um 180 Grad, den Westen bis Fürth um 270 Grad. Oder man legt die Karte auf einen Tisch und umschreitet diesen nach Bedarf.

Kopfüber ins Vergnügen

Das heißt nicht, dass der Leser von heute seinen Laptop auf den Kopf stellen muss. Er kann die Karte auf Vollbild vergrößern, die Perspektive kippen und Details in Hochauflösung heranzoomen. Und nun kopfüber hinein ins Vergnügen! Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: längst eingewachsene Stadtteile wie Ziegelstein und Buchenbühl sind hier noch einzelne Dörfchen; Wäldchen gedeihen, wo heute Industrie steht; Dörfer sind mit Zäunen und Palisaden umgeben, Schlösschen und Herrensitze von Gräben oder Teichen geschützt.

Dazu sieht man Bauern bei der Ernte und der Heumahd, beim Fischen oder beim Viehhüten. Fast jedes Dörfchen schmückt sich mit einem Maibaum. Am Horizont ragen die Kirchtürme von Roßtal und Fürth gen Himmel. Im Osten und Westen linst das Sonnengesicht knapp über dem Horizont und steht im Süden, hinter "Eybach", hoch im Himmel. Dafür scheint im Norden (Mitternacht) über Kraftshof die Mondsichel. Und in allen vier Ecken der Karte bläst der Wind als pausbackiger Pustefix. Nürnberg selbst wird allerdings nicht gezeigt, sondern durch seine drei Stadt- und Reichswappen symbolisiert. Wozu das Ganze? Die Freie Reichsstadt Nürnberg verließ sich nicht allein auf ihre Stadtmauer.

Die Befestigung begann weit vorher. Eine Landhege mit Wällen und Gräben umlief in weitem Abstand die Stadt und machte dem Tross eines eventuellen Feindes das Vorankommen schwer. Wie das aussah, kann man heute noch westlich von Rothenburg ob der Tauber, bei Lichtel besichtigen. Dort zieht sich ein Rest der Rothenburger Landhege mit drei bebuschten Wällen, zwei Gräben und einem Wachtturm hin. So konnte kein Kaufmann seine Waren unverzollt einschmuggeln.


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Ein Heerestross sah sich gezwungen, erst den Wachtturm zu erstürmen. Das hielt den Feind zwar nicht lange auf, verschaffte aber den Angegriffenen wertvolle Zeit, um zu reagieren. Der Nürnberger Rundprospekt, von dem nur 17 Exemplare angefertigt wurden und drei erhalten geblieben sind, diente denn auch nur den Ratsherren zur Ansicht. Er war von strategischem Wert, galt aber auch als eine Beweiskarte, die vor Gericht, wenn es um Grundstückswechsel und Besteuerungen ging, herangezogen werden konnte.

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Ein gewisser Paulus Reinhart aus Zwickau hatte die originale Karte zwischen 1577 und 1581 mit der Feder gezeichnet, der Formschneider Steffan Gansöder hat daraus einen Holzschnitt, bestehend aus vier Holzstöcken, gefertigt. 87 mal 87 Zentimeter misst das gute Stück. Ein Exemplar davon verwahrt das Germanische Nationalmuseum.

Heute kann jeder per Mausklick kartographisch über Nürnbergs Lande fliegen, über Raum und Zeit hinweg sein Auge schweifen lassen. Wer weiß, wie und ob in fünfhundert Jahren unsere Nachkommen über heutige Atlanten schwärmen oder nostalgisch seufzen, wenn sie Wald und Wiese erkennen, wo in ihrer Zeit Wüsten, der gestiegene Meeresspiegel, Eiszeit-Gletscher oder verstrahlte Zonen das Leben erschweren.

Reinhard Kalb

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