Wer wird hier angeglotzt?

Lebende Krippe in Nürnberg: Offener Brief an ein unfreiwilliges Weihnachts-Kamel

Kurt Heidingsfelder

Leben

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17.12.2021, 10:53 Uhr

"Hey Digga, du beißt doch nicht"? Das Trampeltier in der "lebenden" Krippe auf dem Jakobsplatz. © Berny Meyer; Grafik: Ralph Meidl; Montage: Sabine Schmid

Liebes Kamel,

du fragst dich sicher, was das soll: Warum schreibt mir der von der Zeitung? Der meckert doch sonst immer über irgendwas, und ich hab echt nichts verbrochen; ich steh mir in der City unschuldig die Hufe in den Bauch. Was will der Typ von mir?

Tja, so leicht lässt sich das nicht beantworten, liebes Kamel. Ich fang mal so an: Auch ich war einst Krippendarsteller. Und wie wahrscheinlich in deinem Fall auch, drängte es mich nicht wirklich zur Bühne, außerdem fand ich den Regisseur unsympathisch. Half aber nichts, es war ja der Pfarrer.

Als ich einmal bei ihm daheim nachsitzen musste, weil der Heilige Geist halt nicht so recht über mich kommen wollte, staunte ich, dass unser Gottesmann als Papierkorb einen ausgehöhlten Elefantenfuß verwendete. Für Tiere fühlte er sich offenbar nicht zuständig. Das fand ich merkwürdig.

Zurück zu meinem Krippenspiel: Die Kirche war brechend voll, wie immer an Heiligabend. Hinten, etwas versteckt, saßen die, die nach den ersten Liedern stets ein Nickerchen machten, um sich später ausgeruht für die schöne Predigt zu bedanken. Der Christbaum strahlte hell und die Kinder beteten, dass es bald vorbei sein möge. Daheim warteten die Geschenke.

Dann kam unser Auftritt, liebes Kamel, vor der ganzen Gemeinde. Mann, war ich aufgeregt! Am liebsten hätte ich mich als Schaf ins Stroh drapiert, stumm und unsichtbar. Aber kneifen wollte ich auch nicht, darum legte ich so viel Ausdruck wie möglich in den einen, meinen einzigen, Satz: "Ich bin der Eselstreiber!"

Daran erinnerte ich mich, als ich neulich bei dir vorbeikam. Ich war auf der Pirsch nach Geschenken, du musstest dich am Jakobsplatz von frechen Jungs am Fell zupfen lassen. "Hey Digga, du beißt doch nicht?" Ja, in der Weihnachtszeit sind viele Leute schräg drauf. Ich übrigens auch, ich werde melancholisch.

Auf einmal standen wir uns also gegenüber, ich, der alt gewordene Eselstreiber, Auge in Auge mit dir, einem Trampeltier (wie ich messerscharf von deinen Höckern ableitete). Ich schaute nicht weg, du auch nicht; aus deinen Nüstern dampften Aerosole; wir starrten uns einfach an; unser Krippenspiel hatte keinen Text. Was hätte ich auch sagen sollen: "Ich bin der Kameltreiber"? Es fühlte sich an wie ein Duell im Nichtblinzeln. Dann hast du die Unterlippe ausgeklappt wie Baba, der Kumpel von Forrest Gump. Da war ich raus.

Im Weggehen dachte ich: Was sagt wohl das Christkind dazu, dass die "lebenden" Teile von Krippen drinnen meistens aus Menschen bestehen, draußen, in der Kälte, aber nur die Tiere echt sind? Ich wünsche dir jedenfalls frohe und möglichst kurze Weihnachten, liebes Kamel, und dass du und deine Stallgenossen irgendwann einfach abhauen können, wenn sie jemand blöd anglotzt.

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