Donnerstag, 17.10.2019

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Lesben wollen endlich gesehen werden

Zum ersten Mal ein eigener Umzug am Tag vor dem großen CSD — "Schwul ist viel positiver besetzt" - 02.08.2018 18:37 Uhr

Zwei fröhliche Frauen zeigen mit Daumen und Zeigefinger den Lesben-Gruß: Vanessa Paprotka (links), 33, vom Organisationsteam des dyke*march ist hauptberuflich Digitalmarketing-Managerin und lebt in Nürnberg. In Bamberg geboren, gibt sie heute ehrenamtlich Deutschkurse für Geflüchtete und engagiert sich für Umweltthemen. Sie spielt zusammen mit Sandra Feuchtgruber (rechts) in der Tennismannschaft des ESV Flügelrad. Die 41-Jährige ist in Deggendorf aufgewachsen, studierte Diplom-Kulturwirtin und arbeitet als Verwaltungsbeamtin beim Freistaat. © Günter Distler


Frau Feuchtgruber, Frau Paprotka, was bitte ist ein dyke*march?

Sandra Feuchtgruber: Dyke ist das englische Wort für Lesbe. Es war ursprünglich abwertend gemeint, ist aber wie schwul auch ein sogenanntes Trotzwort. Nur dass schwul viel positiver besetzt ist. Auf der ganzen Welt gibt es diese Lesben-Umzüge inzwischen. Das Sternchen im Namen steht für Geschlechtervielfalt.

 

Warum ziehen Sie nicht einfach am 4. August beim Christopher Street Day (CSD) mit durch die Stadt?

Vanessa Paprotka: Das tun wir, unbedingt. Aber wir wollten heuer zum ersten Mal in Nürnberg unser eigenes Ding machen, einen Tag vorher, mit unseren Motorrädern vorneweg. Lesben sind Frauen, und alle Frauen tun sich nach wie vor schwerer damit, im Vordergrund zu stehen. Auch in den Medien sind beim CSD immer die Männer im Mittelpunkt. Diese Machtstrukturen wollen wir ändern.

 

Schwule und Lesben, keine selbstverständliche Solidargemeinschaft?

Feuchtgruber: Ein heikles Thema. Kommunikationsprobleme gibt es überall, auch unter Heteros. Aber wenn wir Lesben nicht aktiv werden und mitziehen, kommt auch nichts in Gang. Ich muss betonen, dass wir bei den CSD-Organisatoren herzlich willkommen waren. Dort will man uns dabeihaben, hat uns unterstützt, und wir laufen ganz vorne mit.

 

Sind Frauen eher unpolitisch? Nach dem Motto: Ich bin lesbisch, aber das ist meine Privatsache?

Feuchtgruber: Wenn alle so gedacht hätten, wäre Homosexualität immer noch strafbar und wir könnten nicht laut sagen, dass wir Lesben sind. Es gäbe die Frauenkneipe "Feuer und Flamme" in der Südstadt nicht, wo sich vier Lesben-Stammtische zusammengefunden und den dyke*march auf den Weg gebracht haben.

 

Ist Schwulsein denn irgendwie cooler?

Paprotka: Nein, aber sichtbarer. Wir haben das gemerkt, als wir prominente Rednerinnen gesucht haben, die offen und mit Stolz lesbisch sind. Schwule wären uns einige eingefallen, auch aus der Region. Bei Frauen war’s nicht so einfach.

 

Frauen können Frauen heiraten, sind rechtlich gleichberechtigt, Diskriminierung war einmal. Was muss denn noch erkämpft werden?

Feuchtgruber: Vorsicht, das ist wie mit dem Feminismus, von dem viele Jüngere glauben, sie bräuchten ihn nicht mehr. Das ist eine Täuschung. Ein Ziel ist es, wie gesagt, präsenter zu sein in der queeren Community. Denn auch hier stehen Männer an der Spitze. Die Ehe für alle ist schön, aber wenn verheiratete Frauen ein Kind großziehen, ist die Co-Mutter nicht automatisch Mutter. Der Mann in der Hetero-Verbindung aber ist automatisch Vater. Eine Lesbe muss das Kind adoptieren, mit Führungszeugnis und Hausbesuch vom Jugendamt. Unsere Freiheit muss immer wieder verteidigt werden.

 

Klingt nach einem Generationenkonflikt.

Feuchtgruber: Wir haben einen Rechtsruck, ein Rollback, also muss frau aufpassen. Eine jüngere Generation, die Gott sei Dank nie auf die Straße gehen musste, sagt vielleicht: Passt doch alles, uns geht’s gut. Aber das kann sich schnell ändern. Schauen Sie allein in unsere Nachbarländer. In Polen würden sich Lesben eher nicht auf der Straße küssen.

 

Sie waren immer schon aktiv?

Paprotka: Ich habe mit 19 einen Lesben-Stammtisch in Bamberg und später einen in Erlangen gegründet. Damals sind wir in Hetero-Lokale gegangen und haben uns gezeigt, nach dem Motto: Schaut her, wir sind ganz normal! In der Gruppe ist man geschützter. Negative Erfahrungen haben wir übrigens nie gemacht.

 

War es schwer, sich als lesbisch zu outen?

Paprotka: Mit 18, 19 war es so weit, auch wenn ich anfangs Angst hatte, abgelehnt zu werden. Meine Eltern dachten, das sei eine Phase. Das glauben sie nicht mehr (lacht). Sie nahmen’s mit Humor. Aber ich war natürlich noch nicht so offen wie heute.

Feuchtgruber: Als ich mit 20 gemerkt habe, was los ist, habe ich mich geoutet. Aber es gab niemanden wie mich in dieser Kleinstadt. In meiner Welt gab es nur Hella von Sinnen und den Tennisstar Martina Navratilowa, die auch Frauen liebten. Wäre ich damals an einem dyke*march vorbeigekommen, hätte mir das unendlich geholfen. Heute öffnet das Internet die Türen.

 

Wie meinen Sie das?

Paprotka: Sie können als Zwölfjährige im tiefsten Bayerischen Wald sitzen und doch hautnah mitbekommen, dass die Welt bunt ist, dass es Ansprechpartnerinnen gibt und Informationen. Also eine grundlegend andere Situation.

 

Haben es Frauen, die Frauen lieben, leichter als Frauen, die Männer mögen?

Feuchtgruber: Frauen sind auch nicht einfach (lacht). Alles hat seine Vor- und Nachteile. Aber ohne dieses traditionelle Gefallenmüssen lebt sich’s leichter. Sicher ist: Im Alter punktet man als Lesbe eher. Aussehen, Alter spielen keine entscheidende Rolle. Attraktivität und Alter, das ist kein Widerspruch. Gesellschaftliche Stellung, Macht und Geld, die bei Hetero-Männern wichtig sind, auch nicht.

Paprotka: Natürlich gibt es Ausnahmen, und gemeinsame Interessen und Bildung sind schon sehr wichtig. Aber eine Frau als Trophäe zum Vorzeigen? So etwas braucht es unter Lesben nicht.

Interview: CLAUDINE STAUBER

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