Montag, 19.04.2021

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Leselust und Verschwiegenheit gehören dazu

Bei der Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten kommt es nicht zuletzt auf Genauigkeit und Zuverlässigkeit an - 20.09.2017 13:39 Uhr

Ausbildungsbeauftragte Sandra Pöllot erklärt Kathrin Herrmann, wie sie eine Kostenaufstellung macht. Im Laufe der Zeit dürfen Auszubildende zu Rechtsanwaltsfachangestellten immer mehr Verantwortung übernehmen.

20.09.2017 © Foto: Barbara Lohss


Kathrin Herrmann legt eine dicke, orangefarbige Akte auf den Tisch des Rechtsanwalts. "Das ist die Farbe von Herrn Pleyer", erklärt sie. In der Kanzlei Dr. Endress & Partner hat jeder der sieben Anwälte zur schnelleren Orientierung eine eigene Farbe.

Die Akten sind der Mittelpunkt des Arbeitsalltags von Herrmann. Hier muss sie alles dokumentieren – vom Schriftverkehr über Unterlagen bis hin zum Gerichtsurteil. Noch wichtiger ist das "Fristenbuch". In dieses trägt sie – unter Aufsicht der Ausbildungsbeauftragten Sandra Pöllot – Fristen und Termine ein.

"Der Anwalt hat gesetzlich die Verantwortung für die Einhaltung von Fristen und Terminen", erklärt Pöllot. "Deshalb müssen wir die Azubis beaufsichtigen." An diesem kleinen Beispiel wird deutlich, wie verantwortungsvoll der Beruf der Rechtsanwaltsfachangestellten ist. Werden Fristen versäumt, kann das zu einem großen Schaden führen, bis hin zu einem verlorenen Prozess.

Für Kathrin Herrmann stand schon vor Abschluss der Realschule fest, dass sie im Büro arbeiten möchte. Zunächst hat sie sich für eine Ausbildung zur Industriekauffrau interessiert. Nach einem Praktikum war ihr allerdings klar, dass sie diese Richtung nicht weiterverfolgen wollte. Sie hat sich dann über die Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten informiert. Der Ausbildungsplatz in der alteingesessenen Nürnberger Kanzlei Dr. Endress & Partner war für sie nach eigener Aussage "ein Glücksfall". Für diesen nimmt sie auch die einstündige Zugfahrt von ihrem Heimatort Weißenburg gerne auf sich.

Morgens holt die 18-Jährige zunächst die Post ab, leert den Briefkasten, sichtet die Termine für den nächsten Tag und bearbeitet dann die Post oder nimmt am Empfang Mandanten und Telefonate entgegen. Hat sie "Postdienst", bespricht sie nach einer ersten Sichtung mit einem Anwalt, was zu tun ist oder kann selbst die Initiative ergreifen. "Wir schreiben auch manchmal Klagen oder Schriftsätze ans Gericht."

Jetzt wird abgerechnet

Im dritten Lehrjahr kommt die Abrechnung hinzu. In der Schule stehen neben Deutsch, Englisch und Religion Fächer wie Kostenrecht, Verfahrensrecht, Rechnungswesen, allgemeines Recht und Betriebsprozesse auf dem Lehrplan. "Teamfähigkeit" findet die Auszubildende unerlässlich für ihren Beruf, genauso wie das ordentliche und zuverlässige Arbeiten.

Ein mittlerer Bildungsabschluss (auch M-Zweig), gute Rechtschreibkenntnisse und die Form der Bewerbung sind für Sandra Pöllot zunächst einmal die wichtigsten Kriterien, nach denen sie Bewerberinnen (Bewerber gibt es in diesem Beruf nur sehr wenige) auswählt. "Der persönliche Eindruck ist aber letztlich entscheidend", sagt die Ausbildungsbeauftragte. "Wir laden potenzielle Azubis auch zu einem Schnuppertag zu uns in die Kanzlei ein." In der Regel sind pro Jahr zwei Azubis beschäftigt. Für diese hält Pöllot einmal pro Woche zusätzlich zur Berufsschule eine Schulung. "Wer Fragen hat, kann natürlich jederzeit kommen."

Paragrafen, Akten und dicke Gesetzesbücher – das wirkt auf den ersten Blick vielleicht "angestaubt". "Wer gerne liest, tut sich auf jeden Fall leichter", so die Ausbildungsbeauftragte. Man muss sich mit Gesetzestexten auseinandersetzen, die eingehende Post bearbeiten und Akten studieren. "Eine gewisse Neugier ist auch hilfreich", findet Sandra Pöllot.

Ziel der Ausbildung ist es schließlich, weitgehend selbstständig zu arbeiten. Über das, was in den Akten steht, muss man jedoch absolutes Stillschweigen bewahren. "Das kann je nach Rechtsgebiet auch sehr belastend sein", weiß Pöllot. Da die Kanzlei jedoch kein Strafrecht bearbeitet, sondern auf Arbeits-, Bau-, Miet-, Erb-, Verkehrs- und Versicherungsrecht spezialisiert ist, fällt die psychische Belastung hier nicht ins Gewicht.

"Mich interessiert, was in den Akten und Gesetzen steht", sagt Kathrin Herrmann. Sie ist der Meinung, dass ihr Ausbildungsberuf gemeinhin unterschätzt wird. Nach der Ausbildung bieten sich viele Möglichkeiten: von der Weiterbildung zum Fachwirt über den Wechsel in die Rechtsabteilung eines Unternehmens bis zum Beamtentest stehen den Rechtsanwaltsfachangestellten viele Chancen offen. Auch zum Rechtspfleger oder Gerichtsvollzieher kann sie sich weiterbilden.

BARBARA LOHSS

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