Spezialeinheit verfolgt Fälle

Missbrauch und Kinderpornografie - Zahlen in Bayern explodieren

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Roland Englisch

Nürnberger Nachrichten

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29.11.2021, 15:00 Uhr
Bayern richtete 2020 eine Spezialeinheit zur Verfolgung der Fälle ein. 

Bayern richtete 2020 eine Spezialeinheit zur Verfolgung der Fälle ein.  © Daniel Bockwoldt, dpa

Es ist eine düstere Welt, in der sich die Staatsanwälte vom ZKI bewegen. Denn der Erfolg gibt ihnen zwar recht. Doch gleichzeitig wissen sie, dass sie nur eine winzige Ecke des Dunkelfelds ausleuchten. Und dass das Leid, das sie täglich sehen, nur ein Ausschnitt eines riesigen Horrorgemäldes ist.

Das Bamberger "Zentrum zur Bekämpfung von Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch von Kindern im Internet" (ZKI) arbeitet erst seit einem Jahr. Acht Staatsanwälte widmen sich seitdem dort nur der einen Aufgabe. Zuvor waren die Zuständigkeiten verstreut auf die regionalen Staatsanwaltschaften.

Bayerns Justizminister Georg Eisenreich hat die neue Einheit bei der "Zentralstelle für Cybercrime Bayern" im September vergangenen Jahres gegründet - und ihr Erfolg ist erschreckend.

Eröffnete die Staatsanwaltschaft im Jahr 2019 noch 947 Verfahren gegen bekannte Täter, waren es 2020 bereits 1122. Seit das ZKI seine Arbeit aufgenommen hat, haben sich die Zahlen schlagartig mehr als verdoppelt. Allein in diesem Jahr haben die acht Staatsanwälte bisher 2728 Verfahren erfasst. Und das Jahr ist, wie Justizminister Georg Eisenreich betont, "noch nicht einmal vorbei".

Unfassbares Leid

"Hinter jeder Tat, hinter jedem Bild steht unfassbares Leid der Kinder", sagt der CSU-Politiker. Und was für ein Leid. Thomas Goger, Leiter der neuen Spezialeinheit beobachtet seit Jahren, wie sich in der Szene "eine starke Tendenz zu immer härterem Material" entwickelt. "Es gibt da leider keine Grenzen." Das Internet mit seiner anonymisierten Welt und seiner Verfügbarkeit rund um die Uhr hat die Szene verändert, sie globalisiert und nach den Erkenntnissen der Fahnder auch enthemmt.

Goger erzählt den Fall eines Mannes, dem seine Fahnder auf die Schliche gekommen waren. Über den Videochat-Dienst Skype hatte der weltweit nach Opfern gesucht. Und sie gefunden. Während er zuhause vor dem Bildschirm saß und zusah, vergewaltigten andere vor laufender Kamera die Kinder - strikt nach seinen Anweisungen. Zwischen 20 und 30 Dollar kostete ihn so eine Vergewaltigung. "Wir wissen aus den Chats, dass er auch noch versucht hat, diesen Preis zu drücken." Ein Gericht hat den Mann inzwischen zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Für die Fahnder sind vor allem zwei Dinge besonders belastend. Sie müssen sich zum einen das Leid der Opfer ansehen, die Videos sichten, die Fotos auswerten. Bei einem inzwischen verurteilten Täter entdeckten sie mehr als 900 000 kinderpornografische Fotos auf dem Rechner. Jedes einzelne haben sie gesichtet, analysiert und erfasst.

Zum anderen fühlen sie sich vom Gesetzgeber manchmal im Stich gelassen. Zwar hat Berlin im Frühsommer auch auf Drängen Bayerns die Strafen verschärft. Der sexuelle Missbrauch von Kindern gilt jetzt als Verbrechen und nicht mehr nur als Vergehen. Die Mindeststrafe liegt jetzt bei einem Jahr, die Höchststrafe bei 15 Jahren. Auch für Kinderpornografie hat der Gesetzgeber den Strafrahmen angehoben. Warum erst jetzt steht auf einem anderen Blatt.

Lücke im Gesetz

Die Fahnder sind dankbar, dass es überhaupt dazu gekommen ist. Zufrieden sind sie nicht. Thomas Goger, der sich als Staatsanwalt in politischen Fragen bedeckt hält, wird deutlich: "Da sind Lücken im Gesetz." In Deutschland erfahren die Fahnder nicht, wer hinter den IP-Adressen steckt. Und können so die Tatverdächtigen nicht enttarnen.

Nach Gogers Erfahrungen hat das extreme Folgen. Seine Leute arbeiten international, weil die Szene international ist. Vor allem aus den USA und Australien kämen regelmäßig Hinweise, sagt auch Georg Eisenreich. Dort gehen die Behörden besonders intensiv gegen Kinderschänder vor. Immer wieder übermitteln sie ihren deutschen Kollegen die IP-Adressen von hiesigen Verdächtigen.

"Aber diese Spuren sind kalt für uns", sagt Goger, weil die IP-Adressen hierzulande den Anschlussinhabern nicht zugeordnet werden dürfen. Das kann so weit gehen, dass die Fahnder zwar die IP-Adresse eines gerade kaufenden Missbrauchsfalles erfahren. Und trotzdem nichts unternehmen können. "Das mutet unsere Kollegen einiges zu", sagt Goger. Die müssten tatenlos miterleben "wie die Spur kalt wird, bevor wir auch nur eine ernsthafte Maßnahme ergreifen konnten, um das Kind aus dem Missbrauch zu befreien".

Als ob es nicht schon reichte, dass das Internet die größte Handelsplattform für Kinderpornografie und Missbrauchsopfer weltweit ist, schützt es zudem die Täter rund um den Globus, aller internationalen Zusammenarbeit zum Trotz. Das hält auch Justizminister Georg Eisenreich für nicht mehr hinnehmbar. "Wir wollen keinen Überwachungsstaat und keinen gläsernen Bürger", versichert der CSU-Politiker. Aber da geht es um schwerste Verbrechen." Und zumindest für sie müsse es eine befristete Speicherung der IP-Daten geben.

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