Modellversuch: Mehr Schüler in der "flexiblen Grundschule"

8.11.2011, 19:00 Uhr
Die Großen helfen den Kleinen — nur ein Vorteil der „flexiblen Grundschule“ wie hier in Stadeln.

Die Großen helfen den Kleinen — nur ein Vorteil der „flexiblen Grundschule“ wie hier in Stadeln. © Hans-Joachim Winckler

Moritz ist nicht hochbegabt, sondern einfach nur weiter als so manch anderes Kind, das die erste Klasse einer Grundschule besucht. Eine schwierige Situation für alle Beteiligten, schließlich soll kein Kind unterfordert sein und dabei doch auch der schwache Schüler zu seinem Recht kommen. Diesen Drahtseilakt für Lehrer kennt auch Ingrid Streck nach 37 Jahren im Schuldienst nur allzu gut. Die Rektorin der Grundschule Hans-Sachs-Straße in Fürth ist froh, dass es an ihrer Schule nicht so sein muss.

Seit dem Schuljahr 2010/2011 läuft an 20 Grundschulen im Freistaat ein Modellversuch, der die Kinder dort abholen soll, wo sie stehen. Das Kultusministerium führt das Projekt in Zusammenarbeit mit der Stiftung Bildungspakt Bayern durch — in Mittelfranken an der Nürnberger Volksschule St. Leonhard, der Erich-Kästner-Schule in Nürnberg sowie an Ingrid Strecks Schule im Fürther Stadtteil Stadeln.

In der Regel werden Kinder eingeschult, die im September sechs Jahre alt sind. Auf einem Entwicklungsstand müssen sie dennoch nicht sein. Die einen können schon schreiben oder rechnen, zuweilen sogar beides, während andere ganz am Anfang stehen. Manches Kind kämpft noch mit der deutschen Sprache, andere ABC-Schützen sind zwar schulreif, haben aber dennoch Probleme, etwa mit ihrer Feinmotorik. Das Alter ist als Gradmesser eben nur bedingt geeignet, um die soziale, körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes zu bestimmen. Es sagt nur wenig aus. Das erklärt auch, warum viele reformpädagogische Schulen längst die Jahrgangsstufen gesprengt haben. Wer etwa schon nach Weihnachten fit im Mathe-Stoff für die erste Jahrgangsstufe ist, der kann sich auch mit dem der zweiten Klasse beschäftigen. In anderen Fächern sogar mit dem Stoff der dritte oder vierten.

Mit der „flexiblen Grundschule“ ist dies ansatzweise auch an bisher 20 Regelschulen möglich — von rund 2400 Grundschulen bayernweit. Zum kommenden Schuljahr soll das Angebot auf 80 Schulen ausgeweitet werden, wie das Kultusministerium gestern in München mitteilte. Welche Schulen dies sein werden, steht noch nicht fest. „Es soll aber pro Schulamtsbezirk rund eine Schule sein“, wie Ministeriumssprecherin Marion Rüller der NZ sagte. Die neuen Schulen werden dann von den bisherigen Modellschulen beratend begleitet.

Bei der „flexiblen Grundschule“ sind die Jahrgangsstufen eins und zwei zu einer „Eingangsstufe“ zusammengelegt. Wobei die Kinder diese Phase in ein bis drei Jahren hinter sich bringen können und dann in die dritte Klasse wechseln. Wer besonders fit ist, der kann von der ersten Klasse direkt in die dritte Klasse wechseln. Am Ende der Eingangsstufe sollen alle Kinder flüssig lesen und schreiben können und

die Grundrechenarten im Zahlenraum bis 100 beherrschen.

Dabei ist der Lehrbetrieb ähnlich wie in einer „jahrgangskombinierten Klasse“, von denen es etwa 600 in Bayern gibt. Das Besondere an der „flexiblen Grundschule“ bleibt der Zeitrahmen von drei Jahren, in denen es ein Sitzenbleiben eigentlich nicht gibt. Schwachen Schülern bleibt dieses Stigma also erspart, während starke Schüler rascher in die dritte Klasse vorrücken können .

„Wir haben nur gute Erfahrungen damit gemacht“, sagt Rektorin Ingrid Streck. Sowohl für die Kinder als auch für die Eltern sei das Projekt ein Gewinn. „Wir haben noch mehr Möglichkeiten, individuell auf die Schüler einzugehen“, sagt sie. Dabei hat die Schule längst Erfahrungen mit jahrgangsübergreifendem Unterricht. Bereits seit fünf Jahren geht man dort auch diesen Weg.

So gut die Erfahrungen mit der „flexiblen Grundschule“ auch sein mögen, der Arbeitsaufwand jedoch steigt enorm. So steht am Anfang jeder Einschulung die Diagnostik, um den Wissensstand des einzelnen Schülers zu erfahren. Eine zeitaufwändige Arbeit, für die es jedoch keine Zusatzstunden gibt, wie Ingrid Streck bedauert. Für den Unterricht selbst stehen bisher zwei bis drei zusätzliche Stunden zur Verfügung — abgesehen von Stunden, die für Kinder mit besonderem Förderbedarf hinzukommen. „Natürlich könnten wir mehr gut gebrauchen“, sagt Ingrid Streck.

„Die Schulen bekommen künftig drei bis fünf zusätzliche Stunden“ und die betroffenen Lehrer Anrechnungsstunden“ so Ministeriumssprecherin Rüller. Zu wenig, wie der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) freilich kritisiert. „Die Schulen brauchen deutlich mehr Geld und mehr Personal“, erklärte gestern BLLV-Präsident Klaus Wenzel. Er begrüßte zwar die Ausweitung der „flexiblen Grundschulen“, forderte aber auch eine Festlegung in einem Stufenplan, bis zu welchem Zeitpunkt der bedarfsgerechte Ausbau abgeschlossen sein soll.

1100 Kinder kamen im vergangenen Schuljahr landesweit bereits in den Genuss. Rund ein Prozent wechselte nach einem Jahr in die dritte Klasse, vier Prozent werden wohl drei Jahre in der Eingangsstufe bleiben. Der Rest durchläuft die Jahrgangsstufe wie bisher üblich in zwei Jahren. An der Stadelner Grundschule schafften es dieses Jahr drei Schüler von der ersten in die dritte Klasse. Die „flexible Grundschule“ ist also nicht nur ein Projekt für schwache Schüler, sondern auch für starke — eines für alle.