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Musikalische Brücken

Im Arab-Jewish Orchestra spielen religiöse Unterschiede keine Rolle. - 19.06.2019 17:40 Uhr

Selfie von der Bühne mit Signalwert: „Für uns spielt es keine Rolle, welchen Glauben jemand hat“, sagt Flötistin Jaffi Halevi, die mit Sänger Akram Odeh auftritt. © Foto: Michael Matejka


Wenn Akram Odeh zu singen beginnt, dann weht ein Hauch Orient durch die Luft. Weinende Geigen, leises Trommeln und Flötenklänge umspielen sanft seinen melancholischen Gesang. Und der ist eine echte Überraschung, wenn man bedenkt, dass Odeh erst 26 Jahre alt ist. Er passt gut in die Gruppe, die gestern ein besonderes Gastspiel im Serenadenhof gab. Denn dort standen muslimische und jüdische Musiker auf der Bühne.

Was auf den ersten Blick sofort als pures politisches Bekenntnis anmutet, ist doch viel mehr. "The Arab-Jewish Orchestra" ist auch das Spiegelbild eines Zusammenspiels von Menschen unterschiedlichen Glaubens in Israel. Und das scheint nicht nur schiefe Töne zu kennen — trotz des seit Jahrzehnten schwelenden israelisch-palästinensischen Konflikts.

Doch das neue Nationalstaatsgesetz hat für neuen Zündstoff gesorgt: Erst im vergangenen Juli hatte die Knesset das Gesetz beschlossen, das Israel nicht nur als jüdischen Nationalstaat definiert, sondern ihm auch erlaubt, die Einrichtung von rein jüdischen Kommunen zu fördern. Araber bilden mit lediglich knapp einem Fünftel Bevölkerungsanteil die Minderheit in Israel. Kritiker werten das Gesetz als Ausdruck von Rassismus.

"In Israel spielt Apartheid keine Rolle", betont dennoch Jo-Achim Hamburger, Sprecher der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg (IKGN), die das ungewöhnliche Konzert unterstützt hat und damit einer Tradition folgt: In Nürnberg pflegen Juden und Muslime längst eine enge Freundschaft. Seit Jahren stehen die IKGN und die muslimische Begegnungsstätte "Medina" in regem Kontakt: Es gibt gemeinsame Veranstaltungen, die Kinder besuchen sich gegenseitig und 2015 reiste sogar eine Gruppe von Juden, Christen und Muslimen gemeinsam nach Israel.

Klassik und Songs

Der Brückenschlag gelingt den Musikern des "Arab-Jewish Orchestra", das sich einmal wöchentlich zu Proben in Tel Aviv trifft, auch durch sein Repertoire: Es reicht von klassischer, wie etwa von Verdi oder Rossini, über orientalisch-arabische bis hin zu jüdischer Musik. "Für uns spielt es keine Rolle, woher jemand stammt oder welchen Glauben er hat", sagt Jaffi Halevi. Die 27-Jährige spielt Querflöte — und das mit Begeisterung in dieser Zusammensetzung. "Das Wunderbare ist, dass wir uns über die Musik treffen und die ist eine Mischung aus Klassik und Songs", wie sie sagt. Im Grunde sei die Musik wie ein Brückenschlag.

Und Akram Odeh, der zu einem der beiden Sänger in dem 21-köpfigen Ensemble gehört, spricht nicht nur davon, dass das Klima in dem Orchester sehr gut sei. "Wir tun etwas", sagt er. Insofern sei der Auftritt in einer Stadt der Menschenrechte genau das Richtige, so Odeh über das erste Gastspiel in Nürnberg. Auch in anderen europäischen Städten trat das Orchester seit seiner Gründung 2002 bereits auf.

Auf der Bühne ist es dabei nicht nur ein Stück musikalischer Völkerverständigung, die da stattfindet, wenn Dirigent Nizar Elkhater den Taktstock hebt. Vor allem sitzen und stehen auf der Bühne junge Künstler, die bei aller Professionalität vor allem auch eines zu haben scheinen: Spaß miteinander. Dieses Gefühl schwappt über und lässt für einen Abend die Gräben und Probleme in Israel vergessen. 

IRINI PAUL

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