Natur auf Zeit

Neue Partnerschaften in Sandgruben und Steinbrüchen

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 05.10.2016..FOTO: Roland Fengler..MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait: Robert Gerner..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Robert Gerner

Schwabacher Tagblatt

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18.10.2021, 17:00 Uhr

"Natur auf Zeit" heißt das Kooperationsprojekt von LBV und Rohstoffe fördernden Unternehmen, das in der Wolkersdorfer Sandgrube vorgestellt wurde. © Robert Gerner, NN

Zum Beispiel die Wechselkröte. Ihre natürlichen Lebensräume in Bayern sind weitgehend verschwunden, längst steht sie auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten. Wie übrigens neun weitere der 19 in Bayern vorkommenden Amphibien-Arten. Zwei von drei Exemplare der Wechselkröte findet man im Freistaat nur noch dort, wo man das vor einigen Jahren noch nicht für möglich gehalten hat: in kleinen Tümpeln oder nassen Fahrrinnen von Sand- oder Kiesgruben.

Auch die Gelbbauchunke, die Kreuzkröte, der Kammmolch und etliche weitere Amphibien siedeln sich da an, wo der Mensch die Erde aufreißt, um Rohstoffe zu gewinnen.

Abbau und Schutz gleichermaßen

Die Frage war dann: Ist es möglich, diese Bestände zu schützen, ohne die Abbauunternehmen allzu sehr in ihrem täglichen Betrieb einzuschränken? Die Antwort lautet: Ja, das ist möglich. Wenn beide Seiten - Ökologie und Ökonomie - an einem Strang ziehen.

Entstanden ist so das Kooperationsprojekt "Natur auf Zeit", das der Landesbund für Vogelschutz (LBV) initiiert hat und bei dem der "Bayerische Industrieverband Baustoffe Steine und Erden" (BIV) und die Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Bergbau- und Mineralgewinnungsbetriebe (ABBM) mitmachen.

Stefan Köhn, Geschäftsführer der Reithelshöfer-Gruppe (2.v.li.) erklärt anhand des Plans, welche geschützten Bereiche für den Sandabbau derzeit tabu sind.

Stefan Köhn, Geschäftsführer der Reithelshöfer-Gruppe (2.v.li.) erklärt anhand des Plans, welche geschützten Bereiche für den Sandabbau derzeit tabu sind. © Robert Gerner, NN

50 Mitgliedsunternehmen haben mittlerweile Kooperationsverträge unterzeichnet, die in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Umweltministerium entstanden sind, darunter auch die SV Sandvertriebs- und Verwertungs GmbH, die seit vielen Jahren in Wolkersdorf Sand abbaut.

Die Sandvertriebs- und Verwertungs GmbH ist Teil der in Rothaurach ansässigen Reithelshöfer-Gruppe. Und Geschäftsführer der Gruppe ist Stefan Köhn.

Hier ein Teich, dort ein Graben

Köhn steht voll hinter dem Projekt. Es gibt jetzt nicht nur Pläne, wo und bis zu welcher Tiefe auf dem riesigen Areal zwischen Schwabach und Wolkersdorf das "fränkische Gold" aus der Erde gebaggert werden darf. Köhn hat auch Pläne, die zeigen, welche Bereiche für seine Bagger- und Lkw-Fahrer derzeit tabu sind. In einer Ecke hat sich ein Teich gebildet, in einer weiter hinten liegenden Zone ist ein geschützter Bereich durch eine Abzäunung gesichert. Nahe der Sandwaschanlage haben Köhns Baggerfahrer in dem dort schon ausgebeuteten Teil der Sandgrube einen flachen Graben in den Lehmboden gezogen, der fast immer Wasser führt. Ein ideales Laichgebiet für Amphibien.

Weitere sechs mittelfränkische "Rohstoffgewinnungsunternehmen", wie es offiziell heißt, haben ähnliche Projekte in ihren Sandgruben oder Steinbrüchen laufen, vom Treuchtlinger Franken-Schotter bis SHF Steinbruch bei Rothenburg.

Bald dreistellig?

Dr. Bernhard Kling hofft, dass noch mehr mitmachen. "Unser Ziel ist, dass wir bald dreistellig werden", sagte er am Rande eines Treffens in der Wolkersdorfer Sandgrube, bei dem das Kooperationsprojekt an diesem Montag vorgestellt wurde.

Kling ist der Geschäftführer des Industrieverbands Baustoffe, Steine und Erden, und als solcher sieht er seinen Verband von zwei Seiten in die Mangel genommen. Auf der einen Seite würde die Akzeptanz für Steinbrüche, für den Abbau von Sand oder Kies in der Bevölkerung immer weiter schwinden. Auf der anderen Seite dürstet die Bauindustrie nach den begehrten Rohstoffen.

Da ist es zumindest nicht hinderlich, wenn man mit einem Naturschutz-Thema punkten kann. Mit einem überaus positiv besetzten Thema. Denn:

Naturschutz-Innovation

Ein amphibienfreundlicher Rohstoff-Abbau - "das ist eine echte Naturschutz-Innovation" freute sich Dr. Christian Barth, Amtschef im Bayerischen Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz. Man könne Konflikte so auflösen, dass beide Seiten profitieren.

Barth war in Vertretung von Umweltminister Torsten Glauber nach Wolkersdorf geeilt, weil der kurzfristig beim bayerischen Streuobst-Projekt in München unabkömmlich war. Auch Mittelfrankens Regierungspräsident Dr. Thomas Bauer war bei seinem Besuch in Wolkersdorf mehr als angetan. Initiative und Umsetzung seien "sensationell", es sei eine neue Stufe des freiwilligen Naturschutzes.

Der aber vermutlich nur deshalb funktionieren kann, weil sich die Projektkosten von knapp 400000 Euro der Bayerische Naturschutzfonds (85 Prozent) und der Landesbund für Vogelschutz (15 Prozent) teilen. Die LBV-Fachleute sorgen für die fachliche Unterstützung, sie beraten und dokumentieren.

Und nach dem Sandabbau?

Und was ist, wenn eine Sandgrube ausgebeutet ist und wieder verfüllt wird? "In der Tat ist das noch ein offener Prozess", sagte Dr. Andreas von Lindeiner, der LBV-Landesfachbeauftragte für Naturschutz beim Termin in Wolkersdorf. Dann müsse man in den Randbereichen übergangsweise Rückzugsorte schaffen.

Ob die Amphibien dann aber den Sprung von einer zur nächsten Grube schaffen, ist jedoch unklar. Zwar ist da, wo der Sand ist, das Wasser in der Regel nicht weit. Aber die Brüche und Gruben liegen ja meist weit auseinander. Die im BIV zusammengeschlossenen Firmen gewinnen ihre Bodenschätze auf vergleichsweise kleiner Fläche. Bayernweit stehen nur etwa 800 Hektar zur Verfügung. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass die Firmen Jahr für Jahr 120 Millionen Tonnen Sand und Steine fördern.

Nur ein Probelauf

Doch weil der Bedarf groß ist und immer weiter wächst, werden neue Löcher entstehen, wenn alte verfüllt werden. Immer neue Chancen also für Kreuzkröte, Gelbbauchunke, Wechselkröte, Laubfrosch und Kammmolch? Ja, und mehr noch: LBV-Experte von Lindeiner sieht im Amphibienprojekt nur einen Probelauf. In Sandgruben würden sich ja auch viele Insekten und Vögel pudelwohl fühlen, "wenn man sie denn lässt".

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