Blick hinter die Kulissen

Opernhaus: Erdrückende Mängel bei Bausubstanz und Sicherheit

Isabel Lauer
Isabel Lauer

Lokalredaktion Nürnberg

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22.10.2021, 05:50 Uhr
Unterm Dach wird's ungemütlich in der Nürnberger Oper. Das 1905 fertiggestellte Gebäude war seinerzeit kurzzeitig der modernste Theaterbau weit und breit. Seit langem entspricht er nicht mehr den heutigen Anforderungen.

Unterm Dach wird's ungemütlich in der Nürnberger Oper. Das 1905 fertiggestellte Gebäude war seinerzeit kurzzeitig der modernste Theaterbau weit und breit. Seit langem entspricht er nicht mehr den heutigen Anforderungen. © Stefan Hippel, NNZ

Das Opernhaus sei marode, heißt es – aber wie, wo und warum eigentlich? Passanten am Ring sehen einen neubarocken Prachtbau mit Kuppel. Das Publikum drinnen fühlt sich in Lichterglanz und rotem Samt festlich. Alles nur schöner Theaterschein?

Peter Gormanns, Technischer Direktor des Staatstheaters, muss Übersetzungsarbeit leisten, bei jeder seiner Hausführungen. "Die Problematik ist, dass es nicht nur ein Problem, sondern mannigfaltige Probleme sind", so fängt er dann an. "Wir könnten uns eigentlich eineinhalb Tage hier aufhalten", sagt er am Donnerstag beim Rundgang durchs Opernhaus mit Medienvertretern, die sich über den Bauzustand informieren wollen. Und aus der angekündigten Stunde werden zwei.

Auf die Frage, warum dieses Theater ohne Generalsanierung im Jahr 2025 schließen wird müssen, gibt es so viele Antworten wie Winkel und Türen in dem vor 116 Jahren mit Bürgerstolz eröffneten Haus. Die schwerwiegendsten drei lauten Brandschutz, Statik und Funktionalität.

"Kein Aufschub mehr möglich"

"Der Brandschutz duldet keinen Aufschub mehr", sagt Gormanns. Vor allem die zur Erbauungszeit hochmoderne Heizungsanlage ist hier mit ihren durchs ganze Bauwerk ziehenden Lüftungsrohren und -schächten zum Verhängnis geworden. Auf dem Dachboden kann man sich ein Bild von den Stabilitätsschwächen machen. Das Tragwerk ist ein Stahlskelett, das sich durch Verschleiß nicht mehr gut an Temperaturschwankungen anpasst. Die Folge: Verformungen, Brüche, Ziegel, die seit einigen Jahren mit Klammern vor dem Absturz bewahrt werden müssen.

Peter Gormanns, Technischer Direktor des Staatstheaters, zeigt die Untermaschinerie unter der Bühne. Das Hebewerk steht mittlerweile in der Tiefe im Wasser, das womöglich durch den U-Bahn-Bau unter dem Gebäude gestiegen ist.

Peter Gormanns, Technischer Direktor des Staatstheaters, zeigt die Untermaschinerie unter der Bühne. Das Hebewerk steht mittlerweile in der Tiefe im Wasser, das womöglich durch den U-Bahn-Bau unter dem Gebäude gestiegen ist. © Stefan Hippel, NNZ

Zusätzlich hat der Architekt, der 1935 im Auftrag Adolf Hitlers den Zuschauerbereich verkleinerte und das Jugendstil-Dekor zerstörte, vieles vermurkst, man kann es nicht anders nennen. Die Akustik erzeuge seitdem leider einen "Wahnsinnsbrei". Gormanns zeigt als ein Beispiel für die Missgriffe der NS-Zeit die Aufhängung des großen Kronleuchters: Ein entscheidender Stahlträger wurde dafür zerschnitten, später provisorisch wieder stabilisiert. Die damals abgehängte Saaldecke droht jetzt auf die heutige Decke zu stürzen.

Der ehemalige vierte Rang ist schon lange für die Beleuchter umfunktioniert, aber nie modernisiert worden.

Der ehemalige vierte Rang ist schon lange für die Beleuchter umfunktioniert, aber nie modernisiert worden. © Stefan Hippel, NNZ

"Ein Opernbetrieb ist wie ein Industriebetrieb zu sehen", sagt Gormanns. "Wir arbeiten von fünf Uhr dreißig bis 24 Uhr, außer am 1. Mai und 24. Dezember." Da gehe es schon auch um die Fürsorgepflicht für die 650 Mitarbeiter des Staatstheaters, gibt er zu verstehen. Die fensterlosen Durchgangszimmer der Orchesterwarte im Keller, die im Sommer auf 40 Grad aufgeheizte Maske unterm Dach – er könne sie gerne zeigen, aber dort sei es bezeichnenderweise zu eng für eine Gruppenbesichtigung. Fluchtwege: lieber nicht daran denken.


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Stattdessen also die Untermaschinerie. "Die hat Museumscharakter." Und: "Bei manchen Wetterlagen riecht’s hier wie in einer Fäkaliengrube." Die Kanalisation von 1905 ist leck. Zusätzlich stehen Teile der Hydraulik im Grundwasser. Dieses habe sich vermutlich durch den U-Bahn-Bau in die Fundamente der Oper verlagert. Eine Folge ist Schimmel im Keller, der auch den Schuh-Fundus beschädigte, erzählt Gormanns. "Die ganzen Schuhe sind vergammelt."

Was die Belegschaft aber weit mehr quält, ist die Raumnot. 10.000 zusätzliche Quadratmeter Nutzfläche wünscht sich das Musiktheater, unter anderem für eine Seitenbühne. Das tägliche Umverlagern von Kulissen und Proben wegen Platzmangel verlangsamt den ganzen Betrieb.

"Wir brauchen das Interim"

Für den Technikchef, einen Bühnenmeister, der 2006 vom Schauspiel Bochum nach Nürnberg kam, gibt es nur eine Lösung: "Wir brauchen zuallererst ein Interim, damit man die Sanierung vernünftig planen kann." Wie lange diese dauern werde, könne niemand sagen. "Wir sprechen über ein Gebäude von 1905. Welche Mängel stellen wir bei der Entkernung fest, die wir noch gar nicht kennen?" Gormanns hofft seit mehr als zehn Jahren "mit Herzblut" auf einen Durchbruch bei der Politik. "Das Gebäude ist ein Wahrzeichen der Stadt. Ich finde nicht, dass man es abreißen und einen Glaskasten hinstellen sollte."

Der teilweise komplett fehlende Brandschutz ist das große Manko an dem Musik- und Tanztheaterhaus heute.

Der teilweise komplett fehlende Brandschutz ist das große Manko an dem Musik- und Tanztheaterhaus heute. © Stefan Hippel, NNZ

Nürnberg hat das Problem aufgeschoben. Das zeigt beispielhaft die Terminierung dieses Rundgangs zu den wunden Punkten. Unsere Zeitung hatte ihn schon vor zwei Monaten angefragt, um Details zu erfahren. Theater und Rathaus hatten anderes zu tun. Man hat ihn den Medien erst kurzfristig am Tag vor der heutigen Sitzung der Opernhauskommission gewährt, die Beschlussempfehlungen zur Sanierungsfrage für den Stadtrat im Dezember finden soll.

Kabelsalat: Die Haustechnik ist im Opernhaus immer nur stückweise erneuert worden, wo es gerade am drängendsten war.

Kabelsalat: Die Haustechnik ist im Opernhaus immer nur stückweise erneuert worden, wo es gerade am drängendsten war. © Stefan Hippel, NNZ

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