Samstag, 14.12.2019

|

zum Thema

Borniert aus Prinzip: Die neue Ignoranz im Internet

Wie immer mehr Menschen wissenschaftliche Erkenntnisse absichtlich ausblenden - 17.11.2019 18:21 Uhr

Besonders auf Facebook zeigen sich erstaunlich viele Menschen als immun gegen Fakten. (Symbolbild) © Tobias Hase/dpa


Bitte erinnern Sie sich einmal kurz an Ihre Kindheit und Jugend. Sicherlich hatten auch Sie damals in Ihrem näheren Umfeld einen älteren Menschen, der alles besser wusste. Wie man zum Beispiel den Club trainieren müsste, damit er die Bayern von der Tabellenspitze fegt. Oder wie man nationale wie internationale Probleme innerhalb von drei Tagen in den Griff bekommt.

Die vermeintlichen Lösungen, die diese Menschen präsentierten, waren meist von ausgesprochen simpler Natur und hätten in der Realität keine fünf Minuten überlebt, aber wenn man das als junger Mensch gegenüber der Person andeutete, erhielt man nur etwas wie ein grantig-überhebliches “was weißt Du denn schon?” als Antwort.

Was Sie sicherlich auch kennen, ist das Verhalten, das Kinder manchmal zeigen, wenn sie etwas gesagt bekommen, das sie nicht hören wollen: Sie halten sich die Ohren zu und singen. “Wenn ich es nicht höre, muss ich mich damit nicht auseinandersetzen”, ist das Motto.

Bilderstrecke zum Thema

Ein unterschätztes Problem: Spannende Fakten über Lichtverschmutzung

Vielerorts ist es nachts nicht mehr richtig dunkel. Künstliche Beleuchtungen überstrahlen die Dunkelheit. Wo ist die Verschmutzung am stärksten? Welche Folgen hat das? Was kann jeder Einzelne tun? Wir klären auf.


Nun kombinieren Sie diese beiden Verhaltensweisen - und geboren ist: der Dumpfbürger. Ein wunderbarer Begriff, den der Blogger und Journalist Sascha Lobo bereits im Kontext der Thüringen-Wahl verwendet hat. Im Gegensatz zu seinem nahen Verwandten, dem Wutbürger, dessen politisches Habitat meist rechts der Mitte zu finden ist, gedeiht der Dumpfbürger jedoch in allen Gesellschaftsschichten und politischen Richtungen. Es gibt ihn arm, reich, links, rechts und neutral. Zusammenfassen lässt sich seine Einstellung am ehesten durch “nach mir die Sintflut” - und er vermehrt sich rasend schnell. Zumindest kann sich dieses Eindrucks niemand erwehren, der sich viel im Internet herumtreibt.

Angezogen wird er von Themen, die sehr komplex sind (was ihm grundsätzlich schon große Angst macht) und deren Lösung möglicherweise nicht nur sein Leben direkt betreffen, sondern - welch grauenhafte Vorstellung - vielleicht auch noch dazu führen, dass er etwas an diesem Leben ändern muss.

YouTube-Links als Antwort

Ein solches Thema muss nicht einmal die “Fridays for Future”-Bewegung bzw. Greta Thunberg sein, die beide dem Dumpfbürger meist nur noch ein repetitives, Jägerzaun-spießbürgerliches “die Göre(n) soll(en) mal lieber in die Schule gehen” entlocken.

Es kann auch das Klima an sich sein. Als wir auf unseren Facebook-Seiten kürzlich einen Artikel gepostet hatten, in dem Experten darauf hinwiesen, dass der kommende Winter der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden könnte, dauerte es keine fünf Minuten. “Die Deppen können doch nicht mal das Wetter von übermorgen richtig vorhersagen. Und dann wollen die wissen wie der Winter wird?”, war eine Aussage, die so oder ähnlich erstaunlich häufig gefallen ist. Konfrontiert mit Fakten, nämlich dem Unterschied zwischen Wetter und Klima (und der Erklärung, warum Wetter tatsächlich schwerer vorherzusagen ist als Klima), folgte als Antwort beispielsweise lediglich ein YouTube-Link. Der Titel des Videos: “Die CO2-Lüge”.

Auch unter einem Artikel über das wachsende Problem der städtischen Lichtverschmutzung war einer der ersten Kommentare ein Tränen lachender Smiley, gefolgt von der rhetorische Frage: “Was für Scheiß denken die sich eigentlich noch alles aus?”. Wir antworteten mit einem Hinweis, dass die Problematik seit Jahrzehnten bekannt sei und fügten einen Link zu einem wissenschaftlichen Artikel an, der die negativen Folgen eines Übermaßes an nächtlicher Beleuchtung insbesondere für die Insekten erklärte. Die Reaktion auf diesen Link: ein weiterer Tränen lachender Smiley. Sonst nichts.

Bilderstrecke zum Thema

Bahnfahren wird billiger, Fliegen teurer: Die Inhalte des Klimapakets

Lange hat die Große Koalition um das Klimapaket gerungen, jetzt steht fest: Das Paket der schwarz-roten Koalition für mehr Klimaschutz soll ein Gesamtvolumen von mehr als 50 Milliarden Euro haben. Zur Finanzierung soll es weder neue Schulden noch eine Klimaanleihe geben. Die Maßnahmen betreffen nahezu alle Bürger.


Weniger Böller an Silvester? Einschränkung der Nutzung von Laubbläsern? Tempolimit auf Autobahnen? Fliegen soll im Sinne des Umweltschutzes teurer werden? Die Reaktionen sind stets die gleichen. Hämisches Lachen, ein simples “Schwachsinn” - oder auch das klassische “was wollen die uns noch alles verbieten!!!!!”. Mit Ausrufezeichen natürlich, nicht mit Fragezeichen. Schließlich handelt es sich dabei nicht wirklich um eine Frage, sondern um einen Aufschrei, geboren aus tiefster Empörung.

Dem zu Beginn dieses Textes erwähnten älteren Menschen konnte man seine Borniertheit auf gewisse Weise noch nachsehen. Er wusste es einfach nicht besser - und damals, vor dem Internet, war es auch schwieriger als heute, sich neues Wissen anzueignen. In der heutigen Zeit allerdings, in der seriöse wissenschaftliche Quellen zu wirklich jedem Thema nur den sprichwörtlichen Mausklick entfernt sind, ist das anders.

Das gesammelte Wissen der Welt ist jederzeit verfügbar. Es umgibt uns - und selbst wenn man nicht unbedingt danach sucht, wird man dennoch von vielen Seiten damit konfrontiert. Von Wissenschaftlern, von den Medien, von Aktivistinnen wie Greta Thunberg - oder auch von ganz normalen Mitmenschen, die sich in unzähligen Facebook-Kommentarspalten in die Diskussionen einschalten. Die Dumpfbürger könnten es also durchaus besser wissen. Sie wollen nur einfach nicht.

15

15 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Panorama