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"Digitaler Graben": Wie die Corona-Krise Teile der Gesellschaft abhängt

Von den über 70-Jährigen bewegen sich nur knapp 50 Prozent in der digitalen Welt. - 11.04.2020 06:00 Uhr

Und dazu ein Bier, ein Glas Wein oder einen Gin Tonic: Wegen des Kontaktverbots finden Stammtische bei vielen Menschen gerade per Videochat statt.

10.04.2020 © Foto: Anthony Anex/KEYSTONE/dpa


Robert und Jenny haben sich für Rotwein entschieden. Silvia und Arne für Weißwein. Dominik gönnt sich direkt einen Schnaps. Therese und ich halten uns an fränkisches Landbier. Wer sich in die euphorisch-fatalistische Stimmung versetzen will, die mit einem Kneipenquiz einhergeht, der kommt mit stillem Mineralwasser nicht weit.

Es ist Samstagabend und das "Aalhaus" veranstaltet sein berühmtes Kneipenquiz. Normalerweise stehen die Gäste schon Stunden, bevor die erste Frage gestellt wird, vor der Hamburger Bar, um einen Platz zu bekommen. 70er-Jahre-Möbel und holzvertäfelte Wände schaffen eine intime Atmosphäre, der Laden ist beliebt, auch weil Tom und Darren hier alle paar Wochen ein sehr charmantes Kneipenquiz veranstalten.

Tom und Darren moderieren auch an diesem Abend. Allerdings von ihren Sofas aus. Das "Aalhaus" hat im Moment geschlossen, so wie alle Orte in Deutschland, an denen man trinken, sich amüsieren, noch mehr trinken und am Ende vielleicht auch mal vergessen kann. Getrunken, getanzt oder geraten wird in diesen Tagen nicht mehr; zumindest nicht mehr zusammen oder nicht im selben Raum. Wer trotzdem mit seinen Stammgästen in Verbindung bleiben möchte und nicht in Vergessenheit geraten will, muss kreativ sein. Tom und Darren sind mit ihrem Kneipenquiz deshalb ins Internet umgezogen – und wir gleich mit.

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Seit das Coronavirus den Alltag einmal auf links gedreht hat, hat sich vor allem die Kommunikation verändert. Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote sorgen dafür, dass sich die Dialoge außerhalb der eigenen vier Wände oft darauf beschränken, ob es noch Klopapier und Hefe gibt. Wer tiefgründigere Unterhaltungen führen will oder wem der Gesprächsstoff ausgegangen ist mit "Angehörigen des eigenen Hausstands" (Behördendeutsch ist in diesen Tagen fast so beliebt wie Klopapier und Hefe), muss entweder telefonieren. Oder nutzt eines der vielen Programme für Videokonferenzen.

Chatformate so beliebt wie nie

Facetime, Whatsapp-Call, das fast schon vergessene Skype, Zoom, das gerade dabei ist, die Börsencharts zu sprengen, – die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt. Der Vorteil: Man hört nicht nur Stimmen, man sieht die Familienmitglieder und Freunde auch. Und kann bei der Gelegenheit gleich mal überprüfen, ob sie wenigstens noch von der Erlaubnis Gebrauch machen, spazieren zu gehen; ob der neue Alltag bei den jungen Eltern schon erste Falten im Gesicht hinterlassen hat; und ob die Auswahl im Bücherregal im Hintergrund noch genauso geschmackvoll ist wie früher.

Man sieht, dass Dominik mit der aktuellen Situation offenbar ganz gut zurecht kommt. Man glaubt zu erkennen, dass es Silvia gut geht. Man erfährt auf diesem Weg, dass Robert wieder eine Freundin hat und neuerdings eine Katze als Mitbewohner. Und man stellt darüber fest, dass man sich viel zu lange gar nicht mehr richtig ausgetauscht hat.

In der Zeit vor Corona musste oft eine kurze Nachricht zwischen Wohnungstür und Büro reichen. Ein Facebook-Post und man wusste, die Freunde sind noch am Leben. Wie sie leben und ob sie gut leben, das wusste man natürlich nicht.

Corona-Krise schafft Zeit für digitale Kontakte

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Manche kontaktieren nach langer Zeit mal wieder alte Schulfreunde, andere beleben den zuletzt sehr ausgedünnten Stammtisch im Internet neu. Man verabredet sich in verschiedenen Wohnzimmern und verschiedenen Städten zum virtuellen Kneipenquiz oder – das wird an diesem Wochenende in vielen Haushalten wohl zu einer völlig neuen Erfahrung – zur digitalen Ostereiersuche.

Vor allem für viele Großeltern dürften die Feiertage in diesem Jahr zu einer großen Belastungsprobe werden. An Ostern kommen Familien normalerweise zusammen, aber persönlicher Kontakt zu den Enkeln ist derzeit nicht erlaubt und das Risiko im Falle einer Ansteckung zu groß.

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Wer von den Enkeln nicht nur hören möchte, was der Osterhase gebracht hat, sondern auch das Strahlen in den Kinderaugen sehen möchte, dem bleibt ebenfalls nur, die Kamera des Smartphones zu aktivieren oder eine Videokonferenz zu starten. Nur: Wie vielen gelingt das von einer Generation, in der sich niemand als "Digital Native" bezeichnen kann, in der die meisten gerade in diesem Fall auf die Hilfe der Kinder oder Enkel angewiesen wären?

"Für ältere Menschen ist es eine sehr schwierige Situation", sagt Stefan Kamin und meint damit einen Interessenskonflikt während der Coronakrise, der am Osterwochenende noch ein wenig präsenter werden dürfte: "Einerseits geht es um die körperliche Unversehrtheit, andererseits um die Nähe zu den geliebten Menschen."

Kamin ist Dozent am Institut für Psychogerontologie der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg und beschäftigt sich unter anderem mit der Bedeutung von digitalen Medien für die zweite Lebenshälfte. Dass die Bedeutung gerade rasant zunimmt, dazu gibt es noch keine belastbaren Studien, aber die braucht es eigentlich auch gar nicht. Es genügt ein Blick auf die eigene Lebenswirklichkeit: Videokonferenzen in der Arbeit, Videokonferenzen nach Feierabend – "das kostet viel Energie", sagt Kamin über den Alltag in der ersten Lebenshälfte in Zeiten von Corona, "man muss sich viel mehr konzentrieren, die nonverbale Kommunikation fällt weg, oft fragt man sich: Guckt mich der andere überhaupt an oder schaut er sich andere Dinge auf dem Bildschirm an?"

In der Altersgruppe der 60 bis 69- Jährigen nutzen 80 Prozent regelmäßig das Internet. Ihnen könnte es gelingen, in diesen Tagen ihren "technischen Horizont zu erweitern", glaubt Kamin, die Beschränkungen könnten in diesem Fall "den entscheidenden Push" bringen.

Aber wie verhält es sich mit denen, die noch kaum Erfahrungen gesammelt haben, die kein Smartphone besitzen oder ein Tablet? Von den über 70-Jährigen bewegen sich nur knapp 50 Prozent in der digitalen Welt. Sich spontan per Liveschalte bei der Ostereiersuche der Enkel oder beim anschließenden Kaffeetrinken zuzuschalten, dürfte in vielen Fällen eine zu große Herausforderung sein.

Kamin sieht hier die Gefahr einer Überforderung, besonders bei Menschen mit "kognitiven Einschränkungen", also zum Beispiel einer beginnenden Demenz. Den Betroffenen könnte es zuweilen schwer fallen, die Quelle des Videos überhaupt zuzuordnen. "Wo ist die andere Person?" Diese Frage dürfte nicht selten auftauchen. Zu den bekannten Problemen wie einer wackligen Verbindung oder einem Rauschen kommen zu kleine Schriftzeichen oder zu geringe Kontraste, "die Technik", sagt Kamin, "ist ja vor allem für junge Menschen designed." Er hat schon von chaotischen Szenen in Pflegeheimen gehört, wenn Pfleger von Station zu Station eilen, um ein Smartphone herumzureichen. Am Ende haben oft beide Seiten wenig davon.


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Zum "digitalen Graben", wie es Kamin nennt, kommt in dieser Ausnahmesituation nun auch noch der "soziale Graben". Fürsorge heißt Abstand halten, den Angehörigen vor Ort die Bedienungsanleitung zu erklären, geht nicht. "Ich sehe die Gefahr, dass Menschen noch weiter ausgeschlossen werden", sagt Kamin, "und dass diejenigen, die darauf angewiesen sind, dass soziale Kontakte zu ihnen kommen, besonders leiden."

So sieht das auch Rudolf Kammerl. Er ist Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität, sein Schwerpunkt ist die Medienpädagogik. Er geht in seiner Betrachtung noch einen Schritt weiter und glaubt, dass sich der Graben im Moment nicht nur zwischen den Generationen vertieft.

"Der Bildungshintergrund spielt eine große Rolle", sagt er. Während Akademiker aus ihrem Berufsalltag Telefonkonferenzen häufig schon kennen, ist es für andere tatsächlich Neuland. Mit mehr Wohnraum lässt sich Quarantäne leichter gestalten, mit mehr Technik entsteht kein Streit, wer an den Computer darf. Außerdem – da möchte Kammerl über die Digitalisierung im Privatleben hinausblicken – gibt es viele Berufe, in denen Homeoffice nicht möglich ist. "Das Risiko, sich anzustecken, ist ungerecht verteilt."

Über einen längeren Zeitraum, auch da sind sich die Wissenschaftler einig, können Videochats persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Auch nicht unter jüngeren Menschen. Der digitale Kneipenquiz-Abend ist dafür ein gutes Beispiel. Gerne hätte man sich am Ende noch umarmt oder wenigstens ordentlich verabschiedet von den Freunden in Nürnberg, Berlin und Hamburg. Doch plötzlich ist der Bildschirm schwarz. Der Akku ist leer.


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