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Gebaute Eintönigkeit: Wieso Neubauten in Deutschland überall gleich aussehen

Ein Forchheimer Architekt und Politiker klärt auf - 30.05.2020 12:53 Uhr

Dass ein Haus dem anderen gleicht, hat auch damit zu tun, dass Kommunen Baugrund häufig in größeren Einheiten an Träger vergeben. Doch es gibt noch weitere Ursachen. © Foto: Julian Stratenschulte/dpa


In ganz Deutschland versprechen Stadtplaner bei Neubauprojekten "attraktive Quartiere" und "innovative Konzepte" – und ebenso einförmig wie die Werbesprüche sind die Ergebnisse. Viele Neubaugebiete gleichen einander so sehr, dass Besucher nur an den Nummernschildern der geparkten Autos erkennen, ob sie sich in Bayern befinden oder Schleswig-Holstein. Es dominiert der Quader mit Flachdach.

Die Gründe der gebauten Ödnis sind vielfältig, wie Fachleute sagen. Wirtschaftliche Interessen der Bauträger spielen ebenso eine Rolle wie Behörden, Politiker und die dominierende Fraktion der Modernisten unter den Architekten.

Ein maßgeblicher Faktor: die Rendite. "Wenn Sie quaderartige Schachteln mit geraden Wänden und Flachdach haben, optimieren Sie die Fläche, Sie haben immer ein paar Quadratmeter mehr Wohnfläche als mit Schrägdach", sagt der Forchheimer Sebastian Körber (FDP), Architekt und Vorsitzender des Bauausschusses im Bayerischen Landtag.

Baugrund wird in größeren Einheiten verkauft

Die Kommunen selbst tragen durch ihre Vergabepraxis dazu bei: Bis zum Ersten Weltkrieg wurden Grundstücke in der Regel einzeln oder in Gruppen weniger benachbarter Parzellen abverkauft und bebaut. So erhielt jeder Straßenzug ein individuelles Gesicht.

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Schon nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich das: Seither veräußern die Kommunen Baugrund häufig in größeren Einheiten, sodass ein Unternehmen eine Vielzahl gleichförmiger Häuser errichten kann. "Ein Hauptproblem ist, dass die Kommunen den Bauträgern große Gebiete ohne einen städtebaulichen Rahmen überlassen", sagt Christian Siedenburg, Architekt im oberbayerischen Krün und Verfechter des traditionellen Bauens. "Wenn man nicht gegensteuert, bekommt eine Kommune das, was der Bauträger ausrechnet."

Preise steigen, Schönheit und Qualität leidet

Doch sogar Bauträger mit ästhetischem Anspruch sind in einer Kostenspirale gefangen: Da Grundstückspreise und Baukosten dramatisch gestiegen sind, erhöht das den Anreiz, an anderer Stelle zu sparen – bei Schönheit und Qualität.

Die Bauordnungen der Bundesländer sind zwar in Einzelpunkten so unterschiedlich, dass Architekten und Baufirmen sich die Haare raufen, doch in den Grundzügen ähnlich. In Bayern ist ein Haus ab 22 Meter Höhe der Fußbodenoberkante eines Aufenthaltsraumes ein Hochhaus, wie Bauausschuss-Chef Körber erläutert. "Da gelten dann erhöhte Anforderungen an den Brandschutz und den zweiten baulichen Rettungsweg. Das erhöht die Baukosten teilweise um bis zu 25 Prozent." Die bundesweit üblichen 22 Meter orientieren sich an der Höhe von Feuerwehrdrehleitern, in das Standardmaß stopft die Baubranche so viel Wohnraum wie möglich.

Bürger schätzen Altbauviertel

Doch wäre es zu kurz gegriffen, nur Rendite und Vorschriften verantwortlich zu machen. Im 19. Jahrhundert war gebaute Schönheit Staatsziel: "Ich will aus München eine Stadt machen, die Deutschland so zu Ehren gereicht, dass niemand sagen kann, er kenne Deutschland, wenn er München nicht gesehen hat", erklärte Bayerns König Ludwig I. (1786-1868), ganz im heute noch üblichen Ton weiß-blauer Selbstüberhöhung. Aber auch nüchtern bürgerlich regierte Städte wie Hamburg entwickelten ehedem vergleichbaren Ehrgeiz.

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Heutige Politiker handeln sich mit jedem größeren Bauprojekt den Vorwurf der Geldverschwendung ein. Hauptsache kostengünstig, in keinem Wahlprogramm ist die Schönheit der Architektur Thema.

Und unter den Architekten haben sich weltweit die vor knapp 100 Jahren formulierten Ideen der architektonischen Moderne durchgesetzt: "Weniger ist mehr", schrieb Mies van der Rohe (1886-1969), ein Gründervater der zeitgenössischen Architektur. Im architektonischen Minimalismus dominieren kubische Formen, Flachdächer, glatte Fassaden, Glas. Dekorative Elemente sind ebenso verpönt wie Satteldächer oder die einst üblichen regionalen Baustile. Die Grundsätze des klassischen Städtebaus mit Straßenzügen in Blockbebauung, Plätzen und Sichtachsen wurden aufgegeben.

"Im Städtebau hat die Moderne versagt"

Doch die Mehrheit der Bürger empfindet Altbauviertel als schön, nicht die in der Nachkriegszeit praktizierte Zeilenbauweise mit Häusern quer zur Straßenrichtung, ganz zu schweigen von Großsiedlungen wie dem Märkischen Viertel in Berlin oder München-Neuperlach. "Im Städtebau hat die Moderne versagt, es gibt keine schönen Straßenzüge, keine Plätze, keine Achsen, nur noch in der Fläche verteilte gleichförmige Gebäude", kritisiert Architekt Siedenburg.

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"Jede einzelne alte Bebauung – sie muss nur mehr als 100 Jahre alt sein – hat bedeutend mehr Schönheit und Lebensqualität als heutige Quartiere", seufzte der Frankfurter Stadtplaner Christoph Mäckler 2017 im Deutschen Architektenblatt. Doch das sind Einzelstimmen.

"Es gibt objektive Schönheit"

Dabei würde sich eine Besinnung auf den klassischen Städtebau für Baubranche und Kommunen womöglich sogar finanziell lohnen. Die TU Chemnitz ging vor einigen Jahren der Frage nach, was Hässlichkeit für den Wert einer Immobilie bedeutet. Ergebnis: "Avantgardistische Neubauten – insbesondere aber in den 70er Jahren erbaute Nachkriegsgebäude – werden als deutlich weniger attraktiv wahrgenommen als der klassische Altbau", heißt es in der Zusammenfassung der 2014 veröffentlichten Studie. "Es gibt objektive Schönheit, und die Menschen fühlen sich wohler und haben eine höhere Zahlungsbereitschaft."

Carsten Hoefer (dpa)

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