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IS-Rückkehrer aus Syrien: "Ich war ein Kiffer"

Perspektivlosigkeit und Drogen ließen Deutschen zum Islamisten werden - 21.01.2016 08:19 Uhr

Mit gängigen Vorstellungen von einem IS-Kämpfer hat Nils D. auf den ersten Blick nichts gemein. Der großgewachsene 140-Kilo-Mann ist bartlos, trägt kurze Haare, eine Brille und ganz gewöhnliche Jeans. © Federico Gambarini (dpa)


Es könnte ein großzügiger Strafrabatt für ihn herausspringen: Nils D. ist geständig, nennt Namen von islamistischen Weggefährten auf seinem Weg in den Dschihad und unterstützt damit Justiz und Ermittler in zahlreichen Verfahren als wertvoller Zeuge.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Laut Bundesanwaltschaft gehörte der 25-Jährige aus Dinslaken einer Spezialeinheit an - dem "Sturmtrupp" der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Als Mitglied dieser Truppe habe er Spione und Deserteure gejagt, festgenommen und Gefängnissen des IS zugeführt. Er sei auch als Wachmann eines IS-Gefängnisses eingesetzt gewesen.

Dabei hatte Nils D. mit Religion eigentlich zunächst gar nichts am Hut. Er erzählt, dass er seinen Cousin belächelte, der zum Islam konvertiert war. Doch mit 15 geriet er auf die schiefe Bahn, beendete die Hauptschule als mittelmäßiger Schüler, begann schon vorher, Drogen zu konsumieren: Marihuana, Amphetamine, Kokain, Alkohol. Zuvor hatte sein Vater der Familie den Rücken gekehrt. Seine Mutter arbeitete als Servicekraft in der Gastronomie.

Nils D. begann zu stehlen und zu dealen, wurde mehrfach verurteilt: zu sechs Monaten auf Bewährung wegen Drogenhandels etwa. Es folgten Einträge ins Strafregister wegen Beleidigung, Bedrohung, Körperverletzung, Diebstahl. Für den Einbruch in eine Bäckerei bekam er schließlich acht Monate Haft ohne Bewährung, saß davon sechs ab. "Meine Mutter hat nie so richtig durchgegriffen. Es gab schon schwierige Phasen, aber keine Konsequenzen", sagt er.

Mit 15 wurde er selbst Vater, seine Freundin war damals 16. Trotz seines Lebenswandels kam er über einen Freund seiner Schwester an einen Ausbildungsplatz. Die Arbeit habe ihm Spaß gemacht, aber die Berufsschule nicht. Wegen Schwänzens verlor er den Ausbildungsplatz. Bei der Musterung zur Bundeswehr fiel er wegen seines Drogenkonsums durch. "Nach der Urinprobe war Schluss", erzählt er. Alles im freundlichen Plauderton.

Kontakt zu islamistischer Gruppe über Cousin

Über seinen - inzwischen vermutlich als Selbstmordattentäter gestorbenen - Cousin bekam Nils D. Kontakt zu einer islamistischen Gruppe, zu den "Leuten aus Lohberg". Dinslaken-Lohberg - eine darbende alte Zechensiedlung. "Ich bin im August 2011 Moslem geworden und habe dann sofort mit Drogen, Alkohol und allem aufgehört", sagt der Angeklagte.

Dann sei er in eine radikale Gruppe reingerutscht. "Wir haben uns immer in Lohberg in diesem Institut für Bildung getroffen. Das war anfangs nicht dschihadistisch. Im Internet habe ich mir Vorträge von Pierre Vogel angesehen." Nils D. ließ seinen Bart wachsen, trug knöchellange Hosen. Islamisten-Krawalle im Mai 2012 in Nordrhein-Westfalen radikalisierten seine Gruppe noch stärker. "Da haben wir uns Videos von Millatu Ibrahim angeguckt. Das war etwas anderes, aggressiver."

Doch im Dezember 2012 holten ihn seine Jugendsünden ein: Haftantritt. "Die anderen wollten in Mali kämpfen und haben zu mir gesagt. Komm mit, geh nicht ins Gefängnis." Nils D. kam nicht mit. Während er im Gefängnis war, setzten sich sechs seiner Glaubensbrüder aus Dinslaken nach Syrien ab, darunter sein Cousin. "Während ich Freigang hatte, hat er mich angerufen aus einem Trainingslager in Syrien."

Im Juni 2013 kam Nils D. wieder frei, sammelte Spenden für Syrien, für den Verein "Helfen in Not". Schon im August beschloss er, der "Lohberger Brigade" nach Syrien zu folgen. Länger als ein Jahr war er dort. Vor einem Jahr kehrte er zurück, wurde von Spezialkräften aus seinem Kleinwagen geholt und festgenommen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft - und redet.

dpa

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