Kinder als Treiber der Pandemie? So ist die Studienlage

31.1.2021, 11:35 Uhr

Immer wieder melden sich Eltern bei den Nürnberger Nachrichten, die berichten, dass sie sich wohl bei ihren Kindern mit dem Corona-Virus angesteckt hätten. "Was man derzeit weiß ist, dass Kinder viel häufiger asymptotisch erkrankt sind oder nur milde Symptome haben," sagt Dr. Michael Hubmann, Kinderarzt aus Zirndorf, der auch ärztlicher Leiter des Impfzentrums Fürths ist.

Die Mehrzahl der Kinder würde sich bei Erwachsenen anstecken, nicht umgekehrt. Verschiedene Datenlagen belegen außerdem klar, dass die Inzidenzwerte bei der Gruppe der älteren Menschen sehr viel höher ist als bei Kindern. Bei den Studien sei aber zu beachten, so Michael Hubmann, dass diese zu Zeiten mit unterschiedlichen Inzidenzen erhoben wurden und damit die Aussagekraft in der jetzigen Phase hoher Inzidenzen beschränkt ist.

Eine repräsentative Studie des Helmholz Zentrums München hat nun ergeben, dass in Bayern sechsmal mehr Kinder mit dem Coronavirus infiziert waren als gemeldet.


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"Da viele Personen, bei Kindern knapp die Hälfte, keine COVID-19-typischen Symptome entwickeln, werden sie nicht getestet. Um verlässliche Daten über die Ausbreitung des Virus zu bekommen, reicht es also nicht aus, nur auf das Virus selbst zu testen", sagt Markus Hippich, Erstautor der Studie.

"Selbst in Regionen mit hoher Infektionsaktivität stellen Kinder nur eine kleine Minderheit der diagnostizierten Fälle dar, ebenfalls werden sie viel seltener hospitalisiert als Erwachsene, und auch Todesfälle durch COVID-19 sind selten", sagt Prof. Dr. Isabella Eckerle Leiterin der Forschungsgruppe emerging viruses in der Abteilung für Infektionskrankheiten, Universität Genf, Schweiz zur Lage gegenüber dem Science Media Center.


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Die Ergebnisse einer großangelegten Studie in Island – die noch nicht in einem Fachmagazin publiziert wurden – deuten darauf hin, dass Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren sich etwa halb so häufig mit Sars-CoV-2 infizieren und es weitergeben wie Erwachsene. Meldedaten aus Deutschland bestätigen dies tendenziell, erläutert der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Die unter 15-Jährigen seien bei den neu gemeldeten Infektionen unterrepräsentiert. Allerdings ist bei solchen Daten auf die Dunkelziffer der unbemerkten Covid-19-Erkrankungen hinzuweisen.

Das Robert-Koch-Institut selbst beschreibt die Studienlage als "limitiert und heterogen". In einer Quartalsübersicht vom Dezember 2020 veröffentlichte das RKI ihre Beobachtungen zu Kindern und deren Infektiosität. Bei Ausbruchsuntersuchungen wurden Kinder grundsätzlich seltener als Primärfall einer Infektion identifiziert.

Eine Studie von Mitte 2020 kann also weniger aussagekräftig sein, als eine aktuellere. Ein weiteres Problem ist, dass die meisten Studien erhoben wurden als bereits Kontaktbeschränkungen und Lockdown-Situationen bestanden haben. Michael Hubmann rät den Eltern deshalb, sich weniger mit Studien zu befassen, sondern vielmehr mit den aktuellen Fallzahlen in ihrer jeweiligen Region.

Corona bei Kindern: Von vielen Faktoren abhängig

"Das eine Kind hustet, ist aber negativ. Der Test ist aber schon wieder vier Tage alt. Die Schwester musste zur Routineuntersuchung zum Hausarzt und könnte nun wegen anderer Patienten ohne Symptome infiziert sein." Das ist das Problem, das Eltern während dieser Pandemie oft spüren: Im Prinzip sind viele Szenarios möglich und denkbar, Sicherheit, die Kinder zum Beispiel ohne Sorge zu den Großeltern schicken zu können, gibt es nicht. Vieles bleibt vage und ungewiss.


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Einzelne Fälle machen bei Eltern von Schul- und Kindergartenkindern schnell die Runde, Gerüchte und Vermutungen häufen sich. "Das ist ein Problem, man muss sich jeden Fall einzeln betrachten, um Infektionsketten nachvollziehen zu können. Eltern helfen keine FAQ-Listen. Sie müssen im Einzelfall beraten werden," sagt Kinderarzt Michael Hubmann.

Corona kann die Psyche von Kindern belasten

Wenig oder kaum Kontakte, ausbleibende Sport- und Freizeitmöglichkeiten. Michael Hubmann weiß, dass die Situation für Kinder psychisch belastend sein kann. Wie stark sich diese Belastung nach fast einem Jahr Pandemie ausprägt ist aber unterschiedlich. "Dies hängt auch wieder von der individuellen Situation ab. Hat das Kind Geschwister? Haben die Eltern einen Garten?" Häufig seien die Kinder oft ein Spiegelbild der Eltern und könnten positive als auch negative Stimmungen schnell übernehmen.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) warnte kürzlich den vor gesundheitlichen Auswirkungen von Schul- und Kitaschließungen für
Kinder und Jugendliche. Momentan seien Vereinsamung oder Übergewicht durch Bewegungsmangel zu beobachten, sagte sie im ARD-Morgenmagazin.


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Oberste Priorität und die politischen Parameter seien derzeit aber, die Infektionszahlen zu senken. "Aus epidemiologischer Sicht wäre ein Inzidenzwert von 30 auf 100.000 Einwohner besser als ein Wert von 50 auf 100.000 Einwohner." Erst wenn die Situation wieder unter Kontrolle ist, die Krankenhäuser entlastet sind und die Todeszahlen sinken, können wieder andere Dinge in den Vordergrund rücken, so der Experte.