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Luftballon"verbot": Erst lesen, dann schimpfen

Ein Plädoyer für mehr Recherche und genaues Hinsehen - 12.09.2019 17:37 Uhr

Mit einer Äußerung zu Luftballons hat die Grüne Anne Kura quasi aus dem Nichts eine heftige Verbotsdebatte entfacht. © Caroline Seidel (dpa)


Anne Kura sind drei Themen wichtig: unsere Zukunft (Klimaschutz jetzt!), unsere Fixkosten (Wohnen darf kein Luxus sein!), unsere Nahrungsmittel (Insektensterben stoppen!). Auf der Agenda der Vorsitzenden der Grünen Niedersachsens steht nicht, Kindern Luftballons wegnehmen zu wollen. Genau das aber meinen viele seit gestern glauben zu müssen.

Auf nahezu jedem Online-Portal deutscher Medienhäuser war zu lesen, dass "die Grünen" ein Luftballon-Verbot fordern. In den dazugehörigen Texten las man, dass Kura in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung auf einen Beschluss der Stadt Gütersloh reagiert hatte, nach dem bei städtischen Veranstaltungen auf Luftballons verzichtet werden soll.

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Kura sagte: "Auf der einen Seite steht das Bild von bunten Ballons in der Luft, auf der anderen das von verendeten Vögeln. Initiativen wie die aus Gütersloh helfen, das Bewusstsein für ungewollte Folgen unseres Handelns zu schärfen." Keine Forderung, kein Ausrufezeichen, lediglich eine Feststellung, die kaum das Potenzial hat, die besorgten Bewahrer unserer Freiheit zu triggern.

Zuspitzung statt Recherche

Mit zugespitzten Überschriften ging das schon besser, viel mehr wird auf Facebook ohnehin nicht wahrgenommen. Erst unsere SUVs und dann unseren Kindern auch noch die Luftballons! Ja, was denn noch alles? Die Zuspitzung galt als legitimes Mittel, allerdings in einer Zeit, in der Leser dazu gebracht werden sollten, mehr als nur die Überschrift zu lesen.

In der digitalen Welt nimmt sich aber niemand mehr die Zeit, den im besten Fall korrekt ausrecherchierten Text zu lesen: klicken, Kopf schütteln, ätzendes Gift hinterlassen, weiterwischen.

Journalisten machen das privat nicht anders und dass sie beruflich im Kampf um Klicks ihre Sorgfaltspflicht vernachlässigen, zeigte die Enteignung eines Interviews mit Kevin Kühnert (SPD) und die Empörung über die vermeintliche Forderung Carsten Linnemanns (CDU) nach einer Einführung der Deutschpflicht an Schulen. Eine Recherche macht oft das Erregungspotenzial ebenso zunichte wie drei Minuten Lesen die Freude an der Bestätigung einer ohnehin festgefahrenen Meinung.

Erst lesen, dann aufregen

Das befeuert Politikverdrossenheit und bei Usern, die sich die Zeit nehmen, tatsächlich zu lesen, zu prüfen und dann zu bewerten, Medienverdrossenheit – was an dieser Stelle zwei Forderungen unvermeidlich macht. An Journalisten: Nehmt eure Verantwortung ernst! An alle anderen: Registriert Überschriften, klickt Links, lest Texte und überlegt dann, ob die Aussagen einer unbekannten Politikerin in einer Regionalzeitung eure Aufregung verdient haben.

Nach Massentierhaltung, Tempolimit und einem Dutzend weiterer Themen sollte man übrigens trotzdem auch über Luftballons reden. Und wer nach einem Geburtstag erlebt hat, wie sorgsam die kleinen Gäste die Kunststoffüberbleibsel einer Wasserschlacht einsammeln, der weiß, dass Kinder da schon viel weiter sind. 

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