Ohne Strom und Wasseranschluss

Seit 32 Jahren als Aussteiger im Wald: "Mir fehlt es an nichts"

24.11.2022, 09:42 Uhr
Friedmunt Sonnemann vor seiner selbstgebauten Lehmhütte im Wald.

© Harald Tittel/dpa Friedmunt Sonnemann vor seiner selbstgebauten Lehmhütte im Wald.

Seit 32 Jahren lebt Sonnemann nun mitten in der Natur - ohne Strom- und ohne Wasseranschluss. Er nennt seinen kleinen Bauernhof die "Königsfarm". "Mir fehlt es an nichts", sagt der 56-Jährige, der seinen Bart fast so lang wie sein Haar trägt. "Das hier ist die einzige Art, wie ich leben möchte."

Das Wasser zum Trinken holt er aus einer nahe gelegenen Quelle. Zum Kochen und Waschen wird meist Regenwasser genommen. "Das Klo ist Trockenkompostierung", erklärt er. Seine Hütte heizt er mit Holz. "Wenn in dem Raum ein Ofen an ist und das Thermometer in der Ecke 14 Grad zeigt, dann empfinden wir das als angenehm", sagt der gebürtige Bonner, der in Köln aufgewachsen ist. "Wir", das sind Friedmunt Sonnemann und seine "Mitstreiter", wie er temporäre Mitbewohner nennt.

"Auf keinen Fall" heizt er im Winter seine Stube auf 20 oder 21 Grad. "Das wäre wirklich Verschwendung", bekräftigt der schlanke Mann. "Wir ziehen uns im Winter auch warm an." Das Holz holt sich Sonnemann von eigenen Flächen, aber auch von außerhalb. "Da sind die Preise natürlich auch gestiegen. Aber damit kann ich leben, das ist nicht so dramatisch."

Insgesamt, meint Sonnemann, könne der Mensch mit weniger auskommen als er annehme. Ihm sei klar, dass nicht jeder so wie er im Wald leben könnte. "So viele Plätze gibt es in Deutschland nicht." Die Lebensweise in den Industrieländern, die der überwiegende Teil der Bevölkerung genossen habe, werde auf Dauer nicht zu halten sein, meint er. "Es wird auf jeden Fall ein Umdenken einsetzen."

Friedmunt Sonnemann heizt seine Lehmhütte mit Holz.

Friedmunt Sonnemann heizt seine Lehmhütte mit Holz. © Harald Tittel/dpa

Sonnemann verdient seinen Lebensunterhalt mit seltenen Pflanzen. Die hegt er auf dem rund vier Hektar großen Areal. Das dadurch gewonnene Saatgut verkauft er. Einige 100 Arten habe er inzwischen, erzählt er und streicht die Samen aus einer getrockneten Nachtkerze in eine Schüssel. "Da sind auch Pflanzen aus Urgroßmutters Zeiten dabei, die sonst verschwunden wären." Wie die Mangold-Sorte "Hunsrücker Schnitt" oder die Stangenbohnen "Hunsrücker Weiße" und "Blauhülsige".

Gerade im Klimawandel sei der Erhalt alter Kulturgutpflanzen wichtig, weil sie auf kargen Böden und bei extremer Witterung gut klarkämen. Er baut aber auch Exotischeres an: etwa Zucchini aus Kroatien und Huacatay (Gewürztagetes) aus den Anden in Südamerika. "Das ist eine meiner Lieblingspflanzen. Die wird regelmäßig für Suppen und Soßen genommen, wir machen auch Tee davon."

Friedmunt Sonnemann zeigt in seinem Garten eine Huacatay (Gewürztagetes) aus den Anden in Südamerika.

Friedmunt Sonnemann zeigt in seinem Garten eine Huacatay (Gewürztagetes) aus den Anden in Südamerika. © Harald Tittel/dpa

Von Kräutern, Kürbis, Äpfeln und Quitten alleine können die Farmbewohner aber nicht leben. "Wir kaufen auch Reis oder Nudeln dazu", sagt Sonnemann, der sich nicht als Einsiedler oder Aussteiger sieht, sondern eher als Lebenskünstler. "Ich wohne nicht alleine und ich bin aus der Welt nicht ausgestiegen, sondern hier eingestiegen. Ich mache das ja nicht alles alleine nur für mich selber."

Helfer kommen, um Abstand zu bekommen

Bei der Arbeit helfen ihm Menschen, die für eine gewisse Zeit mit auf der Farm wohnen. "Gerade sind wir acht." Die Menschen kommen, um eine Pause zu bekommen. Auch wenn Sonnemann nicht in einer Parallelwelt lebt: die Probleme der Welt außerhalb des Waldes seien in seiner Lehmhütte eher klein. Manchmal kämen sogar Leute aus Mexiko oder aus Taiwan auf den Hof.

Friedmunt Sonnemann bekommt bei seiner Arbeit Unterstützung von Menschen, die sich eine Auszeit nehmen wollen.

Friedmunt Sonnemann bekommt bei seiner Arbeit Unterstützung von Menschen, die sich eine Auszeit nehmen wollen. © Harald Tittel, dpa

Von Corona sei die Farm bisher verschont geblieben. "Wenn, dann hatte ich es mit einem sehr leichten Verlauf", sagt Sonnemann, der in den letzten Jahren nur beim Zahnarzt war. "Ich bin eigentlich mein eigener Heiler."

Die Bewohner von Longkamp im Kreis Bernkastel-Wittlich respektieren ihren Nachbarn im Wald. "Die Arbeit, die er macht, wird hier akzeptiert", sagt Ortsbürgermeister Horst Gorges (CDU). Es sei ja eine gute Sache, Saatgut und Pflanzen zu erhalten, die vom Aussterben bedroht seien. Allerdings könnten nur die wenigsten im Ort den Lebensstil von Sonnenmann nachvollziehen.

Verwandte Themen