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Totes Baby nach Hundebiss: Es bleiben offene Fragen

Fall feuert Debatte um Haltung von Kampfhunden weiter an - 10.04.2018 17:16 Uhr

Zwei Polizisten verlassen die Wohnung, in dem ein sieben Monate alter Junge nach einem Biss des Familienhundes gestorben ist. © Fabian Sommer/dpa


Das braune Mehrfamilienhaus liegt idyllisch am Ortsausgang von Bad König in einem Wohngebiet. Alles wirkt beschaulich, nur Vogelgezwitscher ist zu hören. Doch der Schein in der 10 000-Einwohner-Gemeinde im Odenwald trügt: Am Dienstag verlassen dort Polizei und Spurensicherung eine Erdgeschoss-Wohnung. Tags zuvor ist in dem Haus ein Säugling auf tragische Weise tödlich verletzt worden. Der Hund der Familie hat das Baby in den Kopf gebissen. Der sieben Monate alte Junge stirbt später im Krankenhaus.

Dabei hatte es zunächst Hoffnung gegeben. Der 23 Jahre alte Vater hatte die Rettungskräfte sofort nach dem Vorfall verständigt - der Zustand des Säuglings galt als stabil. Am späten Montagabend ist das Kind jedoch tot. Der Vater und die 27 Jahre alte Mutter standen am Dienstag unter Schock, wie die Polizei berichtet.

Rentner Frank Schoenmarker, der eine ältere Dame in einem Nachbarhaus betreut, ist entsetzt über den Vorfall. Er muss gleich an Hannover denken. Dort hat erst vor wenigen Tagen ein Staffordshire-Terrier eine 53-jährige Mutter und ihren 27-jährigen Sohn in einer Wohnung totgebissen.

Jährlich sterben in Deutschland im Schnitt drei bis vier Menschen an Hundebissen oder nach Hundestößen. Das Statistische Bundesamt zählte von 1998 bis 2015 insgesamt 64 Todesopfer.

"Schuld ist immer der am anderen Ende der Leine"

Ein anderer Rentner in Bad König kennt das Paar mit dem Baby und dem Hund vom Sehen. Aufgefallen sei ihm aber nichts, auch nicht an dem Hund. Eine 67 Jahre alte Radfahrerin ist geschockt. "Ich fahre da jeden Tag vorbei, habe aber noch nie einen Hund gesehen", sagt die Frau, die ebenfalls ihren Namen nicht nennen will. Sie selbst hat auch Kinder und züchtet Boxer. "Aber Boxer sind Familienhunde. Man weiß doch, dass man auf die Rasse achten muss. Die beste Erziehung nutzt nichts." "Schuld ist immer der am anderen Ende der Leine", betont Schoenmarker, der selbst einen Hund hat. "Manche Leute sollten einfach keinen Hund haben."

Doch die Umstände des Vorfalls sind noch nicht klar - auch nicht, ob es sich erneut wie in Hannover um einen Kampfhund handelt. "Es ist ein Mischling", sagt Polizeisprecherin Andrea Löb. Dem äußeren Anschein nach könne es sich um einen "Staffordshire-Mix" handeln. Im Tierheim, wo der Hund inzwischen untergebracht ist, wird er als hochaggressiv beschrieben.

Landestierschutzbeauftragte Martin fordert Begleithundeprüfung

In Hessen steht der Staffordshire-Terrier auf der Liste der gefährlichen Hunde. Halter müssen in der Gemeinde für solche Rassen eine Erlaubnis beantragen - und eine Sachkundeprüfung ablegen. Doch das Tier war nicht als Kampfhund registriert. "Es gibt noch widersprüchliche Informationen zu dem Hund", sagt der Bürgermeister von Bad König, Uwe Veith (parteilos). Hessens Landestierschutzbeauftragte Madeleine Martin warnt vor allzu schnellen Urteilen in solchen Fällen. Die Rasse von Hunden spiele bei der Frage, ob Hunde aggressiv reagieren, keine Rolle. "Fakt ist, dass bei einem Hund in einer gewissen Größenordnung Maßnahmen zur Erziehung ergriffen werden müssen", sagt sie der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag. Dazu müsse etwa eine Begleithundeprüfung gehören.

"Alle Hunde können beißen"

Auch der hessische Landestierschutzbund weist darauf hin, dass die Rasse eigentlich unwichtig sei. "Alle Hunde können beißen", sagt die zweite Vorsitzende Ute Heberer. Die betroffene Familie ist in dem Ort unbekannt. "Sie wohnen noch nicht lange hier", sagt der Bürgermeister. Nachbar Schoenmarker kennt sie auch nicht, hat aber Mitleid mit dem Paar. "Wie kommt man damit zurecht?", fragt er sich. "Das macht einen sehr traurig und da hat man auf der einen Seite sehr viel Mitgefühl", sagt ein anderer Mann, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will.

Der Hund wird die tödliche Attacke vermutlich ebenfalls nicht überleben. In der Regel schläfere man solche Tiere ein, sagt Hessens Tierschutzbeauftragte.

dpa

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