Rauschgift

Vom Medikament zur Droge: LSD vor dem Comeback?

1.8.2021, 05:59 Uhr
Was genau eine Pille bewirkt? Es kann sein, dass man es über eine Nebenwirkung entdeckt – die ganz neue Perspektiven eröffnet.
 

Was genau eine Pille bewirkt? Es kann sein, dass man es über eine Nebenwirkung entdeckt – die ganz neue Perspektiven eröffnet.   © picture alliance/ZB/Michael Reichel

Die Karriere des Lachgases ist, naja: in gewisser Weise lustig. Sie begann auf den Jahrmärkten des 18. Jahrhunderts, als Probanden zur Volksbelustigung vorgeführt wurden – bis dem amerikanischen Zahnarzt Horace Wells zufällig auffiel, dass ein dabei gestolperter und heftig blutender Mann offenbar keinerlei Schmerzen empfand. Er lachte weiter. Wells probierte das Lachgas im Jahr 1844 als Narkosemittel aus – es wirkte.

Heute gibt es wieder Lachgas-Partys, das Distickstoffmonoxid ist billig, legal zu erwerben und macht gute Laune. Experten warnen eindringlich davor, aber die Zahl der jugendlichen Konsumenten steigt. Sie saugen es aus Luftballons. Von der Party-Droge zur Medizin und zurück? Ja, sagt Professor Fritz Sörgel und muss selbst lachen, "so könnte man es zusammenfassen".

Der Pharmakologe aus Heroldsberg bei Nürnberg ist einer der renommiertesten deutschen Arzneimittelforscher, seine Sammlung an Präparaten umfasst Jahrzehnte der Medizingeschichte – Irrungen und Wirrungen bei Wirkung und Anwendung, sagt Sörgel, seien durchaus nichts Ungewöhnliches.

Heroin als Schmerz- und Hustenmittel

Ein wenig atemberaubend ist die Geschichte des Heroins. Dass man es einfach in der Apotheke kauft, wäre heute eine völlig abwegige Vorstellung. Aber Heroin, ein Opioid, war ein geschützter Markenname, die Bayer AG vertrieb es ab 1898 als Schmerz- und Hustenmittel – mit riesigem Erfolg, weltweit. Die Nebenwirkungen, angeführt wurden sexuelle Lustlosigkeit und Verstopfung, stufte man als harmlos ein.

Vor allem in den USA beflügelte Heroin die ohnehin weit verbreitete Morphin- und Opiumsucht, die Zahl der Abhängigen stieg drastisch an. Auf einer internationalen Opiumkonferenz in Den Haag hörte man 1912 erste Forderungen nach einem Verbot des Heroins. Aber es dauerte bis 1931, ehe die Bayer AG das Heroin aus ihrer Produktpalette entfernte. Fortan machte die French Connection das Geschäft, korsische und italo-amerikanische Mafia-Clans betrieben für Jahrzehnte einen bald mythologisierten, aber elend zynischen Rauschgifthandel, der Millionen Menschen das Leben kostete.

Zulassungskriterien im heutigen Sinne, sagt Fritz Sörgel, hat es lange nicht gegeben. Erst die Contergan-Tragödie von 1961, als das gleichnamige Schlafmittel zu Fehlbildungen der Gliedmaßen bei Neugeborenen führte, reformierte hierzulande das Arzneimittelgesetz. "Es muss etwas passieren, damit sich etwas ändert, das ist meistens so", sagt Sörgel. Schlauer ist man erst hinterher, das gilt oft auch für die Forschung.

Ob ein Irrtum wie der mit dem Heroin auch heute noch möglich wäre? Was heißt wäre, fragt Sörgel, es passiere ja gerade, immer noch. Etwa 500 000 von legalen Opioiden abhängig gewordene Menschen sind in den USA an ihrer Sucht gestorben, seit das verschreibungspflichtige Schmerzmittel Oxycontin 1996 auf den Markt kam. Die Zahl der Opfer wird noch steigen.

Für Millionen Menschen begann über die von mehreren Pharma-Firmen aggressiv beworbenen Schmerzmittel der Weg zum billigeren Heroin. Man sah eine scheinbar legale French Connection am Werk. Wegen der Opioidkrise riefen die Vereinigten Staaten im Oktober 2017 den medizinischen Notstand aus, in 40 Bundesstaaten laufen noch Klagen gegen Konzerne.

Was also ist ein Arzneimittel, was eine Droge? Ganz einfach ist das nicht zu beantworten. "Was im Betäubungsmittelgesetz steht, ist eine Droge", sagt Fritz Sörgel, wer solche Mittel ohne medizinische Indikation einnimmt, konsumiert Drogen. Aber manche Drogen können eben auch Arzneimittel sein oder darin vorkommen – solange sie heilen und zu keiner Abhängigkeit führen. Was abhängig macht, ist eine Droge. "Und alle Stoffe, die im Zentralnervensystem und im Gehirn angreifen, bergen die Gefahr, zur Droge zu werden", erklärt Sörgel.

LSD könnte vor einem Comeback stehen

Als Drogen populäre Substanzen gehen gerade den umgekehrten Weg des Heroin. Cannabis zum Beispiel, das Fachärzte hierzulande seit 2017 verschreiben können, gegen starke Schmerzen zum Beispiel oder Angststörungen. Oder LSD, das der Schweizer Chemiker Albert Hofmann, Sohn eines Werkzeugmachers aus Nürnberg, 1938 bei der Suche nach einem Kreislaufmedikament zufällig entdeckte. Es wurde zur populären Droge der Hippie-Ära der 1960er Jahre und feiert jetzt ein Comeback in der Medizin, als Mittel gegen Depressionen. Klinische Studien dazu haben in Deutschland gerade begonnen.

"Das beste Beispiel", sagt Fritz Sörgel, "ist der Erfolg des Ritalin", der selbst ihn als Forscher "überrascht hat", wie er sagt. Die Subtanz ist ein "Abkömmling des Rauschmittels Amphetamin", wie es Sörgel erklärt, und damit nahe an der Droge, "aber chemisch verändert". Sie wird erfolgreich gegen die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) eingesetzt, "bei Jugendlichen, die man früher Zappelphilippe nannte", so Sörgel. "Bei uns beiden", sagt der Professor, "hätte es die gegenteilige Wirkung, wir würden unruhig."

Was wie wirkt und wogegen, hängt manchmal von Zufällen ab. "Besonders gut", sagt Fritz Sörgel, "zeigt das der Erfolg von Viagra", der dem US-Pharma-Riesen Pfizer ein Milliardengeschäft bescherte. Ein Potenzmittel sollte die blaue Pille gar nicht werden, sondern ein Medikament gegen Bluthochdruck, ein nicht sehr probates, wie sich herausstellte. Dass ein Labor-Mitarbeiter bei Versuchsreihen festhielt, wie viele männliche Probanden von Erektionen berichteten, war ein Zufall

"Die meisten anderen hätten das unter den Nebenwirkungen notiert, und der Fall wäre erledigt gewesen", sagt Fritz Sörgel. Viagra, "eigentlich ein Tabubruch" (Sörgel) und in den USA zugelassen im März 1998, wurde zu einem der größten Renner in der Geschichte der Medizin – und fast so erfolgreich wie Coca-Cola.

Dessen Erfolgsgeschichte begann als Medikament – oder, "aus heutiger Sicht, sogar als Droge", sagt Fritz Sörgel. Der US-amerikanische Apotheker John Stith Pemberton bastelte 1886 an einem Mittel gegen Kopfschmerzen, erfand die Cola und bewarb sie, ausschließlich über Apotheken, als Medikament – das, über die Koka-Blätter, Kokain enthielt, "heute eine harte Droge" (Sörgel), damals noch nicht einmal verboten.

Kokain als Betäubungsmittel

Auch in Deutschland war Kokain zu der Zeit vor allem als lokales Betäubungsmittel im klinischen Gebrauch und in Apotheken rezeptfrei zu erwerben; Sigmund Freud, Vater der Psychoanalyse, schwärmte davon. "Man fühlt eine Zunahme der Selbstbeherrschung, fühlt sich lebenskräftiger und arbeitsfähiger", schrieb er, nur "vermisst man die durch Alkohol, Tee oder Kaffee hervorgerufene edle Excitation und Steigerung der geistigen Kräfte".

Das Kokain ist längst entfernt aus der Cola, ein Comeback in der Medizin ist trotzdem eher auszuschließen – wobei man aber für alles offen bleiben muss. "Repurposing", erklärt Fritz Sörgel, sei ein Schlüsselwort in der Pharmakologie, es lässt sich etwa mit Umnutzung übersetzen, manchmal helfe "ein Bauchgefühl" dabei. Es geht darum, bekannte Substanzen auf ihre Wirkung gegen neue Krankheiten zu testen, man erlebt es gerade im großen Stil: auf der Suche nach einem Medikament zur Behandlung von an Covid-19 erkrankten Patienten – bisher ohne überzeugenden Erfolg.

Der Besuch bei Fritz Sörgel endet wie immer mit ein wenig Drogenkonsum, natürlich einem völlig legalen – mit einem gemeinsamen Bier im Sinne Freuds, zur edlen Excitation.


Hans Böller, Magazin-Autor, musste sich in nun mehr als einem Vierteljahrhundert als Redakteur dieser Zeitung nicht für einen einzigen Tag krank melden – und hält es für möglich, dass das an der heilsamen Wirkung des in gebotenen Maßen geschätzten Weizenbiers liegt. Das ist aber nur ein Bauchgefühl. Vielleicht war es einfach bloß Glück. Oder Freude an der Arbeit?

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