Annalena Baerbock: Die mit den Grünen tanzt

20.4.2021, 18:20 Uhr
Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen.

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen. © Sepp Spiegl/imago images

Charmant, unprätentiös, fokussiert, eloquent – so erlebt man Annalena Baerbock bei öffentlichen Auftritten. Sie gewinnt ihr Gegenüber schnell für sich, vertritt ihre Positionen mit Verve, zeigt große Leidenschaft für das, was sie tut. Das macht sie für ihre Partei so wertvoll als Chefin.


Baerbock als Kanzlerkandidatin: "Sie kann den Job"


Dabei ist es noch nicht allzu lange her, da war Annalena Baerbock parteipolitisch betrachtet ein eher unbeschriebenes Blatt. Sie ist zwar bereits seit 16 Jahren Mitglied der Grünen, arbeitete ab 2008 aber zunächst eher im Hintergrund als Referentin für Außen- und Sicherheitspolitik für die grüne Bundestagsfraktion. Im Jahr darauf wurde sie eine der beiden Vorsitzenden im brandenburgischen Landesverband, 2012 rückte die studierte Völkerrechtlerin in den Parteirat der Grünen auf.

Von da an ging es steil bergauf: 2013 errang sie erstmals ein Mandat im Bundestag, profilierte sich als fleißige, detailverliebte Macherin, füllte sich auftuende Lücken und verstand es, zu einen, wo andere gespalten hatten. Es war wohl diese besondere Fähigkeit, welche dazu führte, dass sie am im Januar 2018 mit Robert Habeck zur Bundesvorsitzenden der Grünen aufstieg. Und nun, drei Jahre später, ist sie die zweite Frau in der Geschichte der Bundesrepublik, die ins Kanzleramt strebt.

Was wenige wissen: Im Kindergartenalter lebte die unweit von Hannover geborene Annalena Charlotte Alma Baerbock eine zeitlang in Nürnberg. An einige Orte in Gostenhof, so verriet sie im Interview mit unserer Zeitung, kann sie sich noch bruchstückhaft erinnern. Doch schon bald zog ihre Familie zurück nach Niedersachsen, wo sie auf einem Bauernhof aufwuchs. Im Jugendalter spielte Annalena Baerbock Fußball in einer Mädchenmannschaft und war eine begabte Trampolinspringerin, brachte es bei deutschen Meisterschaften auf insgesamt drei Bronzemedaillen.

Nach einem Jahr als Austauschschülerin in Florida und dem Abitur studierte die heutige Parteichefin Politologie und öffentliches Recht in Hamburg. Später zog es sie nach England, wo sie ihr Studium mit einem „Master of Public International Law“ an der London School of Economics abschloss. Eine zeitlang arbeitete sie als Journalistin für die Hannoversche Allgemeine Zeitung, bevor sie von 2005 bis 2008 (bis zu ihrem Wechsel nach Berlin) Büroleiterin der grünen Europaabgeordneten Elisabeth Schroedter in Brüssel wurde.

Aus der realpolitischen Ecke

Wie Robert Habeck zählt auch Annalena Baerbock zum realpolitischen Flügel ihrer Partei. Die bekannten Positionen der Grünen – raus aus der Kohle, mehr ÖPNV statt Individualverkehr, eine menschenrechtsorientierte Flüchtlingspolitik – vertritt sie ebenso vehement wie Forderungen, die man vonseiten der Grünen selten bis gar nicht hört. So plädierte sie einst für gezielte Investitionen in die Bundeswehr.

Über politische Eigentore, die die Völkerrechtlerin auch schon geschossen hat, kann sie heute herzlich lachen. Unvergessen ist ein Interview im ARD-Fernsehen, in dem sie auf eine Frage zur Elektromobilität von einem Rohstoff namens „Kobold“ sprach. Gemeint hatte sie wohl Kobalt, ein Metall das bei der Herstellung von Lithium-Ionen-Akkus zur Anwendung kommt. Diese Anekdote hält sich bis heute. Aber Annalena Baerbock wäre nicht da, wo sie heute ist, wenn sie nicht auch Nehmerqualitäten hätte.

Die beweist sie beispielsweise dann, wenn ihr vorgehalten wird, dass sie zwar Parteichefin ist, aber noch nie ein Regierungsamt innehatte. Dabei kann kaum ein Zweifel an ihrer Durchsetzungsfähigkeit bestehen: „Drei Jahre als Parteichefin, Abgeordnete und Mutter kleiner Kinder stählen ziemlich“, hält sie ihren Skeptikern gern entgegen.

Was niemand in Abrede stellen kann, ist, dass Baerbock und Habeck geschafft haben, woran ehemalige Führungsduos der Grünen grandios gescheitert sind: Die Partei tritt nach außen hin geschlossen auf, verliert sich nicht mehr in schier endlosen Grundsatzdebatten zwischen „Fundis“ und „Realos“. Parteienforscher sind sich weitgehend einig, dass dies das größte Verdienst der beiden ist und den Grünen Umfragewerte beschert, von denen sie früher nicht einmal träumen konnten.


"Annalena Baerbock war meine Wunschkandidatin"


Heute lebt Annalena Baerbock, die man in Berlin mal mit Jeans, T-Shirt und Lederjacke, anderntags im schicken Kostüm mit High Heels antrifft, mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Potsdam. Theoretisch könnte sie die erste Frau sein, die Kinder und Kanzleramt unter einen Hut zu bringen hat. „Ich halte nichts davon, alles schön zu reden und zu sagen, das kriegt man alles easy hin, so einen Rund-um-die-Uhr-Job und kleine Kinder,“ hat sie einmal gesagt. Doch dass die dynamische 40-Jährige auch das hinbekäme, daran zweifelt in ihrem Umfeld niemand.

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