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Arme Menschen leiden am meisten unter der Klimakrise

In sozial benachteiligten Stadtteilen mehr CO2-Ausstoß und weniger Grünflächen - 13.08.2019 07:43 Uhr

Ärmere Menschen sind einem höheren Gesundheitsrisiko durch verschiedene Umweltfaktoren ausgesetzt. © Kay Nietfeld, dpa


Es ist laut an mehrspurigen Straßen, in Einflugschneisen und an Bahnstrecken. Auch die Luft ist dort nicht die Beste. Am meisten betroffen von Lärm und Abgasen sind die Anwohner - Untersuchungen zufolge in mehrfach belasteten Gebieten vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen. Sie seien daher stärker betroffen, erklärt Christiane Bunge vom Umweltbundesamt. Umweltexperten wünschen sich deshalb, dass die Zusammenhänge zwischen Umweltqualität, Gesundheit und sozialen Faktoren stärker in den öffentlichen Fokus rücken. Wenn über Klimaschutz und Gerechtigkeit geredet wird, geht es aber meistens nur ums Geld.

Am 20. September will das Klimakabinett der Bundesregierung über ein Gesamtpaket entscheiden. Dabei geht es auch um eine mögliche Bepreisung des CO2-Ausstoßes. Damit würden Sprit, Heizöl und Erdgas teurer, um im Verkehrs- und Gebäudebereich das Einsparen des klimaschädigenden Kohlendioxids (CO2) zu fördern. In der Debatte wird dabei oft gefordert, dass die Belastungen durch eine CO2-Bepreisung gerecht und sozial ausgewogen sein müssten.

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Mit jedem weiteren Tag über 30 Grad heizt die Innenstadt ein Stück weit mehr auf. Die Nächte bringen kaum noch Abkühlung. Das liegt unter anderem an "Hitzeinseln", die sich in den zugebauten City-Bezirken bilden. Doch das ist noch längst nicht alles: Weitere Daten und Infos zum Sommerklima in der Großstadt.


Auch jetzt schon leiden vor allem Menschen mit wenig Geld unter den Klimaveränderungen sowie anderen Umweltfaktoren - und sind einem höheren Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Diese Zusammenhänge werden unter dem Begriff Umweltgerechtigkeit betrachtet und vor allem daran erkennbar, wer wo wohnt, wie Bunge erklärt. Belastungen wie Abgase und Lärm etwa seien innerhalb einer Stadt häufig ungleich verteilt. Zudem gebe es in sozial benachteiligten Stadtteilen meist weniger attraktive Grünflächen. Auch das hat Auswirkungen: Studien belegen, dass Grünflächen gut für körperliche und mentale Gesundheit sind.

"Bundesweit zeigt sich ganz klar, dass die Lebenserwartung mit dem Einkommen steigt", sagt Bunge. Der Unterschied betrage mehrere Jahre. "Das kann man zwar nicht allein auf die Umweltbelastungen zurückführen, aber sie haben einen Anteil daran." Dabei tragen gerade Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen weniger zu Umweltbelastungen bei: "Sie verfügen sehr viel seltener über einen eigenes Auto, auch ihr Energieverbrauch ist geringer."

Kommt es durch den Klimawandel zu mehr Hitzewellen, macht das den Städten zu schaffen und dort vor allem den Menschen, die sowieso schon mehrfach belastet sind. "Zu den gesundheitlich gefährdeten Gruppen gehören ältere Menschen und hier vor allem ärmere, allein lebende und chronisch kranke Personen." Die Wohnungen ärmerer Haushalte seien etwa häufig schlechter isoliert. Parks lägen nicht immer einfach um die Ecke. Bunge hält daher für wichtig: Schattenplätze, kühle Räume, mehr Bänke und Trinkbrunnen sowie Dach- und Fassadenbegrünung, Rollläden oder Sonnensegel.

Leitlinien zur Umweltgerechtigkeit sollen her

Die Umweltpolitik müsse einen "sehr viel genaueren Blick" darauf werfen, wer die von den Folgen der Klimaveränderungen betroffenen Bevölkerungsgruppen seien, sagt Bunge - um so Förderprogramme gezielter und effizienter umzusetzen. "Wir wünschen uns, dass das Thema Umweltgerechtigkeit einen stärkeren Eingang findet in die „großen“ Umweltthemen in Deutschland, auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene."

Das Bundesbauministerium von Horst Seehofer (CSU) verweist auf bestehende Programme zur Städtebauförderung, in deren Rahmen seit mehreren Jahren Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung und das Ziel der Umweltgerechtigkeit gefordert würden. Kurz vor der Sommerpause hat das Bundeskabinett einen "Masterplan Stadtnatur" aus dem Umweltministerium beschlossen. Förderprogramme und Zuschüsse, ein Ideenwettbewerb und Informationskampagnen sollen dafür sorgen, dass Stadtplaner, Unternehmen und Privatleute mehr grüne Flächen anlegen.

Die Umweltminister der Länder haben das Thema aufgegriffen und wollen Leitlinien zu Umweltgerechtigkeit entwickeln. Berlin hat anhand von Umwelt- und Sozialdaten einen Umweltgerechtigkeitsbericht und eine entsprechende Karte erstellt.

Gesundheitssystem müsse ans Klima angepasst werden

Die Grünen im Bundestag stellten kürzlich einen Hitzeaktionsplan vor, in dem es vor allem um den Umgang von Städtern mit extremer Hitze geht. Der klimapolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Lukas Köhler, hält auch Anpassungen im Gesundheitssystem für notwendig: Große Hitze sei bei vielen Krankheiten oft besonders schwer erträglich, zudem lasse ein sich veränderndes Klima auch Krankheiten auftreten, die hierzulande bislang kaum oder gar nicht aufgetreten seien. "Darauf müssen wir unser Gesundheitssystem frühzeitig vorbereiten, etwa durch entsprechende Schwerpunkte in der medizinischen Versorgung oder im Medizinstudium."

Union-Fraktionsvize Georg Nüßlein (CSU) erkennt das Problem, warnt aber vor zu großen Erwartungen. "Leider werden wir mit unserer Umweltpolitik auch nicht jede Ungerechtigkeit ausgleichen können." Er sieht die Politik vor einem Dilemma: Wenn für den Klimaschutz Preise für Heizen und Verkehr teurer würden, "trifft das logischerweise den Ärmeren deutlich mehr, als den, der finanziell bessergestellt ist".

Testen Sie Ihr Wissen in unserem Nachhaltigkeits-Quiz

© Patrick Pleul dpa

Finden Sie heraus, wie gut Sie sich in Sachen Umweltschutz, Klimawandel oder Nachhaltigkeit auskennen. Wir haben acht Fragen aus unserem Alltag herausgepickt mit jeweils drei Antwortmöglichkeiten - aber nur eine davon stimmt. Am Ende sehen Sie, wie Sie abgeschnitten haben.

© Julius-Maximilians-Universität Würzburg (dpa)

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Frage 1/8:

Wie lange dauert es, bis ein Kaugummi verrottet?

Mehrere Jahre - wenn überhaupt. Denn damit Kaugummi so schön gummiartig ist, braucht es sogenannte Polymere - und die basieren auf Erdölbasis. Zusammen mit Zucker oder Zuckerersatzstoffen, künstlichen Farbstoffen, Verdickungsmitteln und Geschmacksverstärkern kauen wir am Ende auf einer Substanz, die biologisch nur schwer abbaubar ist. Die ökologisch bessere Alternative sind also Lutschpastillen.

© Lukas Schulze, NZ

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Frage 2/8:

In welche Mülltonne gehören leere Tiefkühl-Verpackungen?

In den Gelben Sack - wenn nichts anderes auf dem Karton steht. Denn oft ist die Verpackung mit Kunststoff beschichtet.

© dpa

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Frage 3/8:

Und wohin gehören Kassenbons?

Kassenbons (wie auch Lotteriezettel, Automatenbelege oder manche Kontoauszüge) bestehen aus sogenanntem Thermopapier, bei dem die Farbe durch Hitze erzeugt wird. Für die dafür nötige Beschichtung wird meistens Bisphenol A (BPA) verwendet, ein Weichmacher, der als krebserregend gilt. Deshalb dürfen Kassenbons nicht in den Recycling-Kreislauf gelangen.

© Colourbox.de

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Frage 4/8:

Ein Vollbad verbraucht ungefähr 140 Liter Wasser. Und eine Dusche?

Es sind im Schnitt 15 Liter. Inzwischen gibt es aber energiesparende Duschköpfe, bei denen z.B. Luft beigemischt wird. In der Anschaffung sind sie zwar teurer als herkömmliche Duschköpfe. Je nachdem, wie oft und wie viele Menschen in einem Haushalt duschen, kann sich so ein Kauf aber schnell rechnen.

© Ina Fassbender/dpa

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Frage 5/8:

Wie viele Einweg-PET-Flaschen werden in Deutschland pro Stunde verbraucht?

Fast zwei Millionen! Laut Deutscher Umwelthilfe sind Einweg-Flaschen aus Plastik immer noch das am häufigsten verwendete Material bei Getränken. Weil für die Herstellung oft neuer Kunststoff verwendet wird, ist so viel Rohöl nötig, wie fast 400.000 Einfamilienhäusern genügen würde, um ein Jahr lang beheizt zu werden.

© Britta Pedersen/Archiv (dpa)

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Frage 6/8:

Wo ist die Umweltbilanz beim Smartphone am schlechtesten?

In der Herstellung liegt der Verbrauch an Energie und CO2 immer noch 5 bis 10 Mal so hoch wie in der Nutzung. Das liegt vor allem an Rohstoffen (Erze, Gold oder seltene Erden), die energieintensiv abgebaut werden müssen. Laut Greenpeace verschlang die Smartphone-Produktion in den letzten zehn Jahren so viel, wie ganz Indien pro Jahr für die Energieversorgung braucht.

© Bodo Marks/Archiv (dpa)

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Frage 7/8:

Wir bestellen immer öfter Kleidung online. Wie viele Pakete gehen im Schnitt zurück?

Fast jedes Zweite! Laut Verbraucherzentrale macht das rund 800.000 Pakete - jeden Tag. Der Kohlendioxid, der dadurch entsteht, entspricht 255 Autofahrten von Frankfurt nach Peking.

© colourbox.de

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Frage 8/8:

Ein Flug nach Teneriffa ist so schädlich wie ??? Autofahren.

Etwa ein Jahr lang. Diese Angabe stammt von der Umweltorganisation Germanwatch und beruft sich auf eine Studie internationaler Forscher (The carbon footprint of global tourism).

© Patrick Pleul dpa

 

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