Aufgewühlt bis zermürbt: Psychologe erklärt unsere Stimmungslage

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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26.3.2021, 09:37 Uhr
Er seziert die Stimmungslage der Deutschen: Stephan Grünewald, Psycholoe und Chef des Institits

Er seziert die Stimmungslage der Deutschen: Stephan Grünewald, Psycholoe und Chef des Institits "rheingold". © Henning Kaiser, NN

Als "aufgewühlte Gesellschaft" haben Sie Deutschland 2019 analysiert - vor Corona. Da bräuchten Sie heute eine Steigerungsform - das Land dürfte heute deutlich aufgewühlter sein...

Stephan Grünewald: Zwischen aufgewühlt und zermürbt. Wir sahen vor einem Jahr eine große Geschlossenheit angesichts dieser für viele unfassbaren Bedrohung – einen Schulterschluss von Politik, Virologen, Journalisten und Bürgern. Das führte in den kollektiven Brems-Aktivismus Wir haben sehr diszipliniert heruntergefahren. Jetzt, nach vier Monaten Lockdown, der immer wieder verlängert wird, ist eine zunehmende Zermürbung spürbar – eine Corona-Korrosion, eine Art Zersetzungsprozess.

Das lässt sich ablesen an den Umfragen. Die Zustimmung zum Regierungshandeln sinkt von Woche zu Woche – hält das so an?

Grünewald: Aktuell schunkeln wir zwischen einer löchrigen Passivität und einer zielgehemmten Aktivität hin und her. Der Lockdown im letzten Jahr kam zu spät und zu milde. Daher hatten die Menschen nicht so ein Erfolgserlebnis wie zuvor, als die Zahlen schnell runtergingen. Aber auch die Öffnungsphase Anfang März wurde nicht mit einer umfassenden Teststrategie und mit der Luca-App flankiert wie wir das im Expertenrat von Norbert Laschet in NRW empfohlen hatten. Da spüren die Bürger, dass der Staat sich im bürokratischen Dickicht verheddert, in einem sehr großen Kompetenzwirrwarr und in ständigen Schuldverschiebungen. Zudem wird deutlich, dass es derzeit kein einigendes Grundparadigma gibt, mit dem man der Krise Herr werden könnte. Die Kanzlerin als Verfechterin der Kontaktreduzierung konnte sich da aber auch nur halbherzig durchsetzen. Aber auch die auf lokaler Ebene sehr erfolgreichen Versuche einer kontrollierten Öffnung werden nur halbherzig verfolgt. Und so geraten wir in diese seltsame Schunkellogik, die jüngst beim Thema Osterruhe für Unruhe gesorgt hat.

Wir erlebten ja am Anfang eine sehr sehr große Zustimmung zur Corona-Politik. Nun sinkt die von Woche zu Woche. Warum? Ist das auch typisch deutsch - erst Hosianna, dann kreuziget ihn - zunächst Staats-Lob, nun Staats-Verdruß?

Grünewald: Es ist typisch für eine mentale Struktur, die sich etabliert hat. Wir haben in der Ära Merkel eine Art Stillhalteabkommen mit der Politik geschlossen – wir haben vieles an Verantwortung an den Politikbetrieb delegiert, weil Frau Merkel uns als extrem fürsorgliche und vertrauensvolle Gestalt vorkam. So entstand ein Gefühl: Wir müssen uns gar nicht mehr streiten um politische Wege, wir delegieren alles an Mutter Merkel und Vater Staat. Wenn's gut läuft, schweigen wir – wenn's schlecht läuft, schimpfen wir. Das ist eine ebenso bequeme wie infantile Position. Solche Retter-Fantasien bestimmen viele Menschen unterschwellig – dass der Staat mit seiner Macht oder der Impfstoff mit seiner Wirkkraft uns endgültig von Corona befreit. Nun aber merken die Menschen: Diese Erlösungsfantasien funktionieren nicht mehr. Wir müssen, ob wir das wollen oder nicht, auf lange Zeit mit diesem Virus klarkommen. Die einzige Alternative zu einem Dauer-Lockdown sind kluge und zielgenaue Öffnungsstrategien, die aber nur gelingen, wenn jeder mitmacht. Da muss man aus der Versorgungs- in eine Aktivierungsposition.

Merkel wirkt wie ein Symbol fürs Land - erschöpft, ratlos uns auch irgendwie am Ende...

Grünewald: Sie ist ja selbst in einem unentschiedenen Zustand. Eigentlich würde sie am liebsten noch den Lockdown verlängern und verhärten, das hat sie beim letzten Gipfel ja zum Teil erreicht. In der Phase kluger Öffnungen ist sie aber auch noch nicht. Und sie ist natürlich am Ende ihrer Kanzlerschaft. Das wäre eine Zeit, in der sie eigentlich daran mitwirken könnte, den Emanzipationsprozess und die Eigenverantwortung der Menschen zu stärken. Aber das fällt ihr anscheinend schwer. Bis zur Flüchtlingskrise war sie eine komplett unhinterfragte Autorität, die mit dem Diktum der „Alternativlosigkeit“ argumentieren konnte.

Hat die Politik zu wenig kommuniziert? Es gab nur eine TV-Ansprache der Kanzlerin, ganz am Anfang der Pandemie... „Es ist ernst, nehmen Sie es auch ernst“...

Grünewald: Kommunizieren ist ja kein Wert an sich. Das muss ja mit einer Vision, einem klaren Plan verbunden sein. Das, was Merkel lange propagiert hat – nämlich das Land am besten in eine Art Winterschlaf zu versetzen - , das hat sie ja gerade dadurch kommuniziert, indem sie nicht kommuniziert hat.

Auch bei Corona erleben wir wieder eine heftige Polarisierung: Viele unterstützten vor allem am Anfang alles, was der Staat tat, andere missachten denselben Staat zutiefst, sie halten die Pandemie für ein Konstrukt – wie kommen wir aus dieser Polarisierung wieder heraus?

Grünewald: Die Polarisierung wird natürlich verstärkt, wenn die Bürger das Gefühl haben, es gibt keinen konsistenten Plan und keine stimmigen Maßnahmen. Was wir seit Anfang der Pandemie feststellen: Das Virus ist eine unsichtbare Bedrohung, da fühlt man sich erst einmal ohnmächtig. Aber man kann die Bedrohung verschieben. Und dann ist auf einmal nicht das Virus der Aggressor, sondern Vater Staat, der uns die Maske auferlegt und Freiheitsrechte nimmt. Oder man sieht in den Mitbürgern, die nun nach Mallorca fliegen, den Feind – die Polarisierung ist auch in diesem Ohnmachtsgefühl verankert. Früher führte solche Ohnmachtserfahrungen zu Hexenverbrennungen und Glaubenskriegen, nun zu heftigen Anfeindungen.


Sie haben drei Typen von Corona-Deutschen ausgemacht... Wie sehen die aus?

Grünewald: Ein Gros der Bürger betrachtet sich selbst als regeltreu – auch wenn sie Zweifel am Sinn mancher Maßnahmen haben. Sie entwickeln daher Schlupflöcher und Grauzonen, sie haben nicht mehr den Respekt und die Angst vor dem Virus wie 2020. Die Bedrohung ist abstrakter geworden, sie erschüttert nicht mehr wie damals die Bilder aus Bergamo.


Dann gibt es eine zweite, kleinere Gruppe, die ist noch vorsichtiger und umsichtiger als im letzten Jahr. Das sind in der Regel Menschen, die im Umfeld schwere Verläufe erlebt oder Todesfälle zu beklagen haben oder selber einer Risikogruppe angehören. Das sind diejenigen, die eher schärfere Maßnahmen forderten.
Dann gibt es eine dritte Gruppe unterschiedlicher Couleur – Coronaleugner, aber auch Menschen, die resignieren, auch Uninformierte aus anderen Kulturkreisen oder Bildungsschichten, die versuchen, ihren Alltag unverändert fortzuführen.


Wie erleben Sie Armin Laschet in dem Expertenrat, in dem Sie mit ihm sitzen? Er schickt sich ja an, Kanzlerkandidat zu werden...

Grünewald: Ich erleben ihn als jemanden, der genau zuhört, der bereit ist, auch Perspektivwechsel vorzunehmen. Das nimmt ihm vielleicht manchmal etwas von seiner Schlagkraft. Aber man merkt, dass er sich einlässt auf Schilderungen von Lebenssituationen von Kindern in der Krise, zum Beispiel. Er ringt in einem Abwägungsprozess um die richtige Lösung und ist auch bereit, sich zu korrigieren. Da wirkt er vielleicht nicht so straight wie Herr Söder, aber sehr authentisch und glaubwürdig.

Von den Umfragen her schmiert er momentan eher ab – Söder liegt klar vor ihm. Wie geht das aus? Wagen Sie eine Prognose?

Grünewald: Puuh. Ich finde das viel zu früh. Wir führen immer sechs Wochen vor der Wahl Tiefeninterviews mit Bürgern durch. Dann ergibt sich meist ein klares Bild von der Grundstimmung im Lande, die derzeit allerdings noch in einem rasanten Wandlungsprozess ist.