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Aus grauer Städte Mauern

Von der großen, analogen Freiheit im Jugendferiencamp - 24.08.2018 08:00 Uhr

Schaurig-schöne Gesänge: Bei einer Kinderfreizeit, die unter dem Motto "Römer" stand, wird gemeinsam gesungen. © Armin Jelenik


Dazu eine Schar Jungenstimmen, die entweder hell und dünn dem Stimmbruch entgegenträllerte oder ihn gerade krächzend durchlebte.

Richtig getroffene Töne dürften Mangelware gewesen sein, doch der Begeisterung tat das keinen Abbruch: Abend für Abend sangen wir bei der Sommerfreizeit des Christlichen Vereins junger Menschen (CVJM) aus der "Mundorgel", dem berühmten "Liederbuch für Fahrt und Lager": " Aus grauer Städte Mauern", "Wenn die bunten Fahnen wehen", "Wir lagen vor Madagaskar" oder "Bolle reiste jüngst zu Pfingsten".

Genaugenommen war es auch schon Anfang der 80er Jahre anachronistisch, in ein komfortloses Zeltlager oder ein Blockhüttendorf zu fahren und 14 Tage im Schlafsack auf der Erde oder in Stockbetten zu schlafen. Die Hygiene in den Waschräumen war fragwürdig, die auf dem Donnerbalken im Wald sowieso. Längst gab es Pauschalreisen, die Familien für kleines Geld in passable Hotels irgendwo in Europa brachten. Und im heimischen Kinderzimmer dudelten aus einem Kassettenrekorder natürlich Nena und andere Popstars.

Fürs Leben geprägt

Dennoch trafen sich jedes Jahr rund 100 Jungs zwischen neun und 14 Jahren, um abends an einem Lagerfeuer im Odenwald, im Spessart oder am Vogelsberg unverdrossen angestaubte Lieder zu singen. Soziologen beklagen heutzutage, die moderne Gesellschaft habe kein Lagerfeuer mehr, um das sie sich im übertragenen Sinne versammeln könne — wir hatten eines, ein ganz reales und ein symbolisches, an dem wir begeistert zusammenkamen und das uns vielleicht sogar für unser weiteres Leben geprägt hat.

Jedes Jahr aufs Neue fieberten wir der "Freizeit" entgegen. Das Erlebnis, das uns erwartete, fühlte sich echt an, nach Abenteuer, Gemeinschaft, Erwachsenwerden, weiter Welt — auch wenn man nur ein paar Autostunden von zu Hause und den Eltern entfernt war und das Heimweh manchmal unerträglich wurde.

Es waren intensive zwei Wochen, so echt, wie es sich die Computer-Kids von heute in ihren multimedialen Bildschirmwelten vielleicht nicht mehr vorstellen können. Geländespiele und Nachtwanderungen waren die Höhepunkte eines jeden Lagers. Wir bauten geheime Unterstände im Wald und verteidigten sie gegen die gegnerischen Gruppen. Aufregend und anstrengend waren diese noch völlig analogen und oft ziemlich militaristischen Fantasy-Spiele, die selten ohne blaue Flecken abgingen.

Wem der Wollfaden, den man um den Oberarm trug, vom Gegner abgerissen wurde, der hatte sein Leben ausgehaucht und musste für den Rest des Spiels pausieren. Außer die Spielregeln sahen einen mächtigen Zauberer vor, der einen wieder zum Leben erwecken konnte. Wie es überhaupt von phantastischen Gestalten, Rittern, Trappern, Indianern und Cowboys auf den Freizeiten nur so wimmelte. Jedes Jahr stand das Treffen unter einem anderen Motto, es wurden Schwerter, Schilde, Marterpfähle, Trappermützen, Pfeil und Bogen gebastelt — je nachdem, welche Ausrüstung gerade erforderlich war.

Und abends am Lagerfeuer wurden die zum Motto passenden Geschichten erzählt. Wir ließen uns verzaubern von den Abenteuern des "letzten Mohikaners", durchstreiften mit dem "Waldläufer" die weiten Kanadas und reisten mit dem "kleinen Hobbit" ins Auenland. Vorgetragen von Menschen, die noch wussten, wie man eine Geschichte frei erzählt — so spannend, so packend, dass wir der Fortsetzung am kommenden Abend entgegenfieberten. Natürlich endete die Erzählung immer am spannendsten Punkt, und wir krochen oft mit einem leichten Schauer in unsere Schlafsäcke.

Es entstanden phantastische Welten vor unseren inneren Augen — sogar bei den mittelmäßig beliebten täglichen Andachten und Bibelarbeiten, die zu einer Freizeit des CVJM natürlich dazugehörten. Wenn das Volk Israel dem fiesen ägyptischen Pharao ein Schnippchen schlug oder Daniel in der Löwengrube schmachtete, waren wir fast live dabei.

Arbeiten an und mit der Bibel

Natürlich durfte auch hier die "Mundorgel" mit "Herr, Deine Liebe ist wie Gras und Ufer" oder "Danke für diesen guten Morgen" nicht fehlen. Die beiden Wortbestandteile "Bibel" und "Arbeit" wurden zudem ziemlich wörtlich genommen: Die theologischen Botschaften waren sehr bibeltreu und die lange Sitzungen für uns Knirpse, die lieber das nächste Abenteuer im Wald bestanden hätten, manchmal ganz schön anstrengend.

Fellmütze im Hochsommer: Der Autor auf einer Trapperfreizeit. © Armin Jelenik


Doch der Lagerleiter, der autoritär über den Tagesablauf der etwa 100 Jungen bestimmte, ließ da nicht mit sich reden. Und was machten die Mädchen in den großen Ferien? Keine Ahnung, unsere Lager waren rein männliche Veranstaltungen, die einzige Frau im Camp war, wie könnte es anders sein, die Köchin.

Doch spätestens mit dem Ende der Pubertät hatten Geländespiele, Bibelarbeiten und mädchenlose Urlaube ihren Charme verloren. Es lockte die wirklich weite Welt, die sich mit einem Interrail-Ticket besser erobern ließ als mit der "Mundorgel".

Das berühmte Liederbuch gibt es übrigens immer noch, auch wenn das gemeinsame Singen am Lagerfeuer sehr aus der Mode gekommen ist. Die aktuellste Ausgabe stammt aus dem Jahr 2001. Sie ist mit denen, die aus ihr sangen, alt geworden — und erscheint inzwischen auch im XXL-Großdruck.

Armin Jelenik, Jahrgang 1970, ist stellvertretender Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten

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