Bewegender Abschied von Soltanis Tochter Homa

13.8.2018, 11:13 Uhr
Betroffen von dem plötzlichen Verlust: Maede Soltani zusammen mit dem CSU-Bundestagsabgeordneten Sebastian Brehm und der Rechtsanwältin Christine Roth, die die Gedenkveranstaltung mit vorbereitet hat. Roth und Maede Soltani singen beide auch im Philharmonischen Chor, der zur musikalischen Umrahmung beitrug.

Betroffen von dem plötzlichen Verlust: Maede Soltani zusammen mit dem CSU-Bundestagsabgeordneten Sebastian Brehm und der Rechtsanwältin Christine Roth, die die Gedenkveranstaltung mit vorbereitet hat. Roth und Maede Soltani singen beide auch im Philharmonischen Chor, der zur musikalischen Umrahmung beitrug. © Foto: Edgar Pfrogner

Wenn die Tochter eines Menschenrechtlers stirbt, ist das normalerweise keine politische Nachricht. Im Fall von Homa Soltani, der jüngeren Tochter des seit 2011 inhaftierten iranischen Rechtsanwalts Abdolfattah Soltani, war das anders. Als die junge Frau, erst 27 Jahre alt und in der Blüte ihres Lebens, vor gut einer Woche an einem Herzversagen starb, war das ein Vorgang, der landesweit große Beachtung fand.

Mitten im Schlaf hatte sie der Tod ereilt. Die sozialen Medien waren voll davon, oppositionelle Sender berichteten, auch die iranische Ausgabe von BBC. Das US-Außenministerium kondolierte per Twitter. Nur die staatlichen Medien meldeten nichts.

Homa war selbst keine Aktivistin. Sie hatte iranische Literatur studiert, war voller Träume und wollte Kinderbücher veröffentlichen. Doch als sie nun starb, war das urplötzlich ein politisches Thema. Ihr Vater, Träger des Nürnberger Menschenrechtspreises von 2009, wurde deswegen vorübergehend aus dem berüchtigten Evin-Gefängnis entlassen.

Überwältigt von Tränen

Kein Vertreter des Staates wagte es, ihm die traurige Nachricht zu überbringen. Auch die Wärter, die Soltani mit großem Respekt begegnen, weigerten sich. Also musste ein Mitgefangener das Unfassbare mitteilen. In den sozialen Netzwerken kursiert ein Video, das zeigt, wie der Anwalt die Haftanstalt verlässt und überwältigt in Tränen ausbricht. Zu Hause erwarteten ihn viele Hundert Menschen und Unterstützer. Auch davon gibt es ein Video, das zu Tränen rührt.

Selbst Regierungsvertreter nahmen am Gedenken teil: Shahindokht Molaverdi, Präsident Hassan Ruhanis Stellvertreterin für Bürgerfragen, sowie Masoumeh Ebtekar, die Vizepräsidentin für Frauen- und Familienangelegenheiten. Auch die Tochter des ehemaligen Präsidenten Hashemi Rafsanjani, Faezeh Hashemi, kam. Die Beerdigung selbst war ein Großereignis. Tausende Menschen waren dabei, als der Vater, geschüttelt von Trauer, seine Tochter ins Grab legen musste. Viele Trauergäste forderten lauthals "Freiheit für politische Gefangene".

Auch bei der Nürnberger Gedenkfeier im Marmorsaal des PresseClubs, die Homas in Nürnberg lebende Schwester Maede (38) mit Hilfe von Freunden organisiert hatte und für die einige der rund 150 Gäste zum Teil von weither angereist waren, spielte die politische Dimension eine wichtige Rolle. In einer Grußbotschaft, verlesen von der iranischen Künstlerin Parastou Forouhar, stellte die in London lebende Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi einen Zusammenhang her zwischen Homas Angst um den inhaftierten Vater und ihrem Tod. "Das Leid war so groß, dass ein wunderbares Mädchen wie Homa es nicht aushalten konnte", ist Ebadi überzeugt, die mit Soltani gemeinsam das Teheraner Zentrum für Menschenrechtsverteidiger gegründet hatte.

Homa war erst zwölf Jahre alt, als ihr Vater das erste Mal inhaftiert wurde. Seither lebte sie mit der Angst, zumal die Gesundheit des 64-Jährigen inzwischen stark angeschlagen ist – nicht zuletzt wegen der bewusst ungesunden Gefängniskost.

Das Leid der Familien

Auch der heute in Bonn lebende frühere Geistliche Hassan Yousefi Eshkevari bekräftigte diesen Zusammenhang in einer bewegenden Rede. Auch die Familien politischer Gefangener hätten "einen beträchtlichen Anteil an dem Leid", erklärte der 68-Jährige. Eshkevari war für seine Teilnahme an der Berliner Iran-Konferenz 1990 von einem Sondergericht zum Tode verurteilt worden, eine Strafe, die später in eine mehrjährige Haftstrafe umgewandelt wurde.

Sehr berührend war auch die Rede des 33-jährigen Menschenrechtsaktivisten Seyed Mahdi Khodaei, der sechs Jahre in Haft war, davon fünf gemeinsam mit Abdolfattah Soltani. Bei einem Familienbesuch im Evin-Gefängnis hatte er auch Homa das erste Mal gesehen, "ein junges, hübsches Mädchen, fröhlich lachend und ein wenig schüchtern". Er erinnerte auch an das Versprechen, das Homas Vater noch am Grab abgab: "Ich schwöre, liebe Homa, deine Idee einer glücklichen und zufriedenen Gesellschaft weiterzutragen und mich für die Verwirklichung deines Wunsches, den Menschen zu helfen, einzusetzen."

Eigentlich sollte auch Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly eine Rede halten. Wegen eines Fahrradsturzes musste er absagen, versprach aber in einem schriftlichen Grußwort Beistand. Dies sicherte auch der Bundestagsabgeordnete Sebastian Brehm zu. Details konnte der CSU-Politiker, der von seinem Parteifreund Michael Frieser die Patenschaft für Soltani übernommen hat und im Menschenrechtsausschuss sitzt, nicht verraten. Zumindest eine Verlängerung der Haftverschonung will er erreichen. "Wir hoffen, dass wir in den nächsten Wochen Lösungen finden."

Die Mullah-Regierung hatte Soltani schon mehrfach angeboten, er könne freikommen, wenn er nur seine Fehler einräume. Zehn Jahre soll er verbüßen, wegen der Gründung des Menschenrechtszentrums, für Propaganda und die Annahme des Nürnberger Preises. Doch auf diesen Deal will sich Soltani, der noch etwas mehr als zwei Jahre abzusitzen hat, nicht einlassen.

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