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Bill Gates und seine Klimathesen: Zwischen Genie und Größenwahn

Atomkraft und Geoengineering: Neues Buch des Milliardärs spaltet - 23.02.2021 13:17 Uhr

Umstrittene Figur: Bill Gates, Microsoft-Gründer, Milliardär und Philanthrop.

22.02.2021 © Marc Mueller via www.imago-images.de


Bill Gates hat Impfungen mit Tausenden toten Kindern in Afrika zu verantworten, Bill Gates will den Menschen einen Chip einpflanzen: Wer Gegenstand so vieler Verschwörungstheorien ist wie der 65-Jährige, hat freilich auch sie kommen sehen - die unbequemen Fragen, die ihn mit Veröffentlichung seines neuen Buches erreichen würden.

"Wie wir die Klimakatastrophe verhindern", heißt dieses Buch, und Gates' Lebenswandel will nicht so recht in die Philosophie des Verzichts passen, die etwa die Aktivisten von Fridays for Future predigen. "Flugscham" jedenfalls ist Gates fremd, er verfügt sogar über einen Privatjet. Auch Cheeseburger isst er ganz gerne, und das, obwohl die katastrophalen Auswirkungen des Fleischkonsums auf das Klima längst bekannt sind. Sogar in fossile Energien hatte die Stiftung des Milliardärs lange Zeit investiert.


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Abbitte leistet Gates vorsorglich gleich in der Einführung zu seinem Werk. Ihm sei bewusst, dass er, der weit gereiste Besitzer mehrerer Häuser, "kein idealer Botschafter" sei. "Die Welt leidet nicht gerade unter einem Mangel an reichen Männern, die große Ideen haben für das, was andere Leute tun sollen, oder die glauben, dass jedes Problem durch Technologien gelöst werden könne." Das klingt selbstkritisch. Vom Schreiben abgehalten hat es Gates nicht.

Verzicht reicht nicht

Immerhin ist er in einer Hinsicht konsequent: Gates glaubt nicht, dass das Klima mit Verzicht alleine zu retten ist. Es sei den Menschen in Entwicklungsländern auch nicht zu vermitteln, dass ausgerechnet sie nicht teilhaben sollten an den Annehmlichkeiten des modernen Lebens, an Autos und Klimaanlagen zum Beispiel. Der Bedarf an Energie, folgert Gates, er wird zunehmen.

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Gates' zentrale These: Bis spätestens 2050 dürfe die Welt netto keine Treibhausgase mehr ausstoßen. Dafür müsse zweierlei geschehen: "Wir müssen die Tools, die wir schon haben - etwa Sonnen- und Windenergie -, schneller und klüger zum Einsatz bringen. Und wir müssen bahnbrechende Technologien entwickeln und in der Praxis einsetzen, mit denen wir den Rest des Weges schaffen können." Noch steckten diese Technologien aber in den Kinderschuhen, so Gates.

Fixierung auf technologische Lösungen

Das Verdienst seines Buches ist - erstens -, einen Überblick über das zu liefern, was technisch möglich ist oder möglich sein könnte im Kampf gegen den Klimawandel, und auf dieser Grundlage - zweitens - einen umfassenden, kühnen Plan zur Lösung der Klimakrise zu entwerfen. Doch es ist diese Fixierung auf technologische Lösungen, die Gates auch immer wieder Kritik selbst von Menschen einbringt, die mit ihm das Ziel eines entschiedenen Kampfes gegen den Klimawandel teilen.


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"Gefährlich und untauglich" nennt der ehemalige Grünen-Abgeordnete Hans-Josef Fell, Vorkämpfer für erneuerbare Energien, denn auch einige von Gates' Vorschlägen. Hochgefährlich seien die "Finanzierungsaktivitäten von Bill Gates unter dem Deckmantel des Klimaschutzes". Fell hebt damit insbesondere auf Gates' Investitionen in das von ihm gegründete Unternehmen TerraPower ab, das den Atomreaktor der nächsten Generation entwickeln will.

Ohne Atomkraft geht es nicht?

Ohne Atomkraft als Ergänzung zu Solar- und Windkraft, schreibt Gates, sei das Klima nicht zu retten: "Sie ist die einzige CO2-freie Energiequelle, die zuverlässig und rund um die Uhr elektrischen Strom liefern kann, zu jeder Jahreszeit und fast überall auf der Welt." Doch anstatt sich nach Nuklearunfällen wie in Fukushima um noch mehr Sicherheit zu bemühen, "haben wir einfach aufgehört, den Fortschritt auf diesem Gebiet voranzutreiben", schreibt Gates - und schiebt noch einen Satz nach, der Atomkraftgegnern die Zornesröte ins Gesicht treiben dürfte: "Stellen Sie sich einmal vor, wir alle hätten uns eines Tages zusammengesetzt und gesagt: ,Also Leute, Autos bringen Menschen um. Sie sind gefährlich. Wir müssen aufhören zu fahren und diese Autos aufgeben.'"

"Herumexperimentieren am Planeten"

Dabei denkt ein Mann wie Gates in anderen Passagen seines Buches noch größer - und redet dem Geoengineering das Wort. Der Begriff meint, den Planeten so zu verändern, dass die größten Auswirkungen des Klimawandels abgemildert werden. Unter anderem schlägt der Milliardär vor, Partikel in den obersten Schichten der Atmosphäre zu verteilen, die das Sonnenlicht streuen und damit für Abkühlung sorgen. Für den selben Effekt ließen sich auch die Wolken aufhellen, mittels eines salzhaltigen Sprays.

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"Manche Kritiker sehen im Geoengineering ein gewaltiges Herumexperimentieren am Planeten", gesteht Gates ein, argumentiert aber zugleich, der Ausstoß gewaltiger Mengen von Treibhausgasen sei weit verrückter.

Wer Bill Gates für ein Genie hält, wird in seinem Buch also genügend Belege finden. Ebenso wie jene, die ihn seit jeher vor allem für eines halten: einen Größenwahnsinnigen.

Bill Gates: Wie wir die Klimakatastrophe verhindern. Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind. Piper, 337 Seiten, 22 Euro.

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