Interview mit Leiter des Hamburger Umweltinstituts

Chemiker: "Hunderte Chemikalien in Masken gefunden" - Das können Sie tun

7.7.2021, 11:17 Uhr

In Bayern herrscht in öffentlichen Verkehrsmitteln und Läden FFP2-Pflicht. © Rolf Vennenbernd/dpa

Herr Braungart, ich achte darauf, möglichst schadstofffrei zu leben, kaufe Zahnpasta ohne Mikroplastik, Kleidung mit Öko-Label und vor allem Bio-Nahrungsmittel. Jetzt trage ich häufig über längere Zeit hinweg FFP2-Maske und habe kein gutes Gefühl dabei. Bin ich zu ängstlich?

Michael Braungart: Nein, das denke ich nicht. Wir haben am Hamburger Umweltinstitut FFP2-Masken untersucht und dabei hunderte von Chemikalien gefunden, die abgegeben werden. Fünfzig davon haben wir identifiziert und aufgelistet.

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Welche Chemikalien sind das?

Braungart: Optische Aufheller beispielsweise, die hormonell wirken. Verschiedene Klebstoffe und organische Kohlenwasserstoffe, die ab einer gewissen Konzentration krebserregend sein können. Auch Rückstände von Flammschutzmitteln waren dabei, sowie Nanosilber, das dafür bekannt ist, dass es zu Mutationen führen kann. Außerdem atmen wir am Tag wohl um die 2000 Fasern an Mikroplastik direkt ein, wenn wir über längere Zeit Maske tragen. Mikroplastik, das Sie einatmen, verbleibt im Körper, anders, als wenn sie es verspeisen, da gibt es immerhin die Möglichkeit, dass es wieder ausgeschieden wird.

Aber die Masken sind zertifiziert?

Braungart: Mag sein, aber sie fallen unter die Produktklasse der Gebrauchsgegenstände und werden daher nicht so streng bewertet wie andere Medizinprodukte. Das heißt, es gelten andere Grenzwerte. In der chemischen Industrie werden etwa 60.000 Chemikalien verwendet und bei Bedarfsgegenständen untersucht man nur einige wenige davon, nämlich diejenigen, die in der Bedarfsgegenständeverordnung gelistet sind.

Sie haben Ihre Ergebnisse bereits vor einiger Zeit veröffentlicht. Mehrere Medien haben daraufhin eigene Faktenchecks angestellt, indem sie Masken zur Prüfung an Labore geschickt haben. Auch die Stiftung Warentest hat Masken untersucht. Bei keiner der Untersuchungen wurden die von Ihnen genannten Stoffe in besorgniserregender Höhe gefunden.

Braungart: Der springende Punkt hierbei ist, dass sich diese Grenzwerte auf Volumen pro Kubikmeter beziehen. Der Raum, in dem ich unter einer Maske atme, ist aber nur etwa 30 Kubikzentimeter groß. Das heißt, die Stoffe reichern sich mit zunehmender Tragedauer an, die Konzentration steigt also. Ich finde es extrem ärgerlich, dass das nicht breiter diskutiert und untersucht wird. Die Frage ist doch, wer checkt eigentlich Faktenchecker? Mir geht es wirklich allein darum, auf gesundheitliche Risiken aufmerksam zu machen. Wie genau sich die eingeatmeten Schadstoffe langfristig auf unsere Körper auswirken, lässt sich aktuell einfach nicht mit Sicherheit sagen.

Prof. Michael Braungart lehrt an der Leuphana Universität Lüneburg und leitet das gemeinnützige Hamburger Umweltinsititut. © Raphael Gabauer



Ich lebe in Bayern, bei uns herrscht in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln FFP2-Maskenpflicht. Haben Sie einen Tipp, was ich tun kann, um so wenige Schadstoffe wie möglich abzubekommen?

Braungart: Was ganz wichtig ist, dass man die Masken eine Zeit lang an der Luft ausdünsten lässt, bevor man sie verwendet. Dabei verfliegt schon einmal ein Teil der Schadstoffe. Die Masken sind ja ohnehin nicht steril verpackt. Am besten lässt man sie sogar auf dem Fensterbrett in der Sonne liegen, denn Hitze führt ebenfalls dazu, dass mehr Stoffe abgegeben werden. Auch könnte man sie eine halbe Stunde lang bei Temperaturen um die 60 Grad in den Backofen legen, denn bis zu dieser Temperatur sind sie thermisch belastbar. Auf diese Weise kann man erreichen, dass sich ein großer Teil der Stoffe löst und man deutlich weniger von ihnen einatmet.

Menschen, die auch in Zukunft Maske tragen wollen, also beispielsweise im Winter in öffentlichen Verkehrsmitteln, müssen dann aber ein ziemlich aufwendiges Prozedere in Kauf nehmen.

Braungart: Da wäre mein Tipp, sich eine Stoffmaske mit FFP2-Einsatz zuzulegen. Ich habe gemeinsam mit Studenten kompostierbare Masken entwickelt. Das hat dazu geführt, dass das inzwischen von zahlreichen anderen Institutionen ebenfalls hergestellt wird. Wir haben die Masken so entworfen, dass man nicht mit dem Polypropylen in Kontakt kommt und dadurch kein Mikroplastik einatmet. Die Einlage kostet etwa 10 Cent.

Wir haben das testen lassen, es entspricht den gesetzlichen Anforderungen. Und weil mir das einmal vorgeworfen wurde: Ich verdiene kein Geld an unserem Produkt, und sollte es doch irgendwann Einnahmen generieren, würde ich diese selbstverständlich spenden. Ich will nur nicht nur einfach zugucken und meckern, ohne Lösungsvorschläge zu bringen.

Auch der Umweltaspekt spielt dabei eine Rolle. Wir haben 40 Jahre Umweltdiskussion geführt und jetzt schwimmen über zwei Milliarden Masken in den Weltmeeren. Deren Polypropylen hält sich 300 Jahre, bevor es als Mikroplastik ins Wasser übergeht.