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Der gefährliche Abzug aus Afghanistan

Die Rückkehr der deutschen Soldaten vom Hindukusch ist eine enorme Herausforderung - 22.05.2013 11:00 Uhr

Auch das gehört zur Abzugsvorbereitung: Drei Soldaten der ABC-Abwehrkompanie schrubben Ausrüstungsteile, die sie vorher mit Ameisensäure eingesprüht haben. Bestenfalls eine Stunde halten sie diese Arbeit in der „Materialschleuse“ durch.

20.05.2013 © Georg Escher


Es sieht aus, als müsste hier Ausrüstung nach einem Giftgaseinsatz dekontaminiert werden. Drei Soldaten der ABC-Abwehrkompanie, alle in gelben Ganzkörperanzügen mit Atemmaske, schrubben gerade Waffenteile, die sie vorher mit Ameisensäure eingesprüht haben. Eine Stunde halten sie diese schweißtreibende Arbeit in der „Materialschleuse“ genannten Halle durch, – „wenn es kühl ist“, ergänzt Flotillenadmiral Carsten Stawitzki, der den Rücktransport koordiniert. Bei Hitze – und es kann hier sehr heiß werden – allenfalls 20 Minuten.

Ein Spähpanzer vom Typ "Fennek" in der "Materialschleuße" im Bundeswehr-Lager in Masar-i-Scharif: Alles, was zu ramponiert ist oder den Transportaufwand nicht mehr lohnt, soll in Afghanistan bleiben. So werden Panzerfahrzeuge, die durch einen Sprengsatz schwer beschädigt wurden, nicht mehr nach Deutschland gebracht. Wenn der Motor noch taugt, wird der ausgebaut. Der Rest wird verschrottet und an örtliche Händler verkauft. Immerhin 500 der 1700 Fahrzeuge sollen hier bleiben.

22.05.2013 © Georg Escher


Seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes im Jahr 2002 hat sich eine unglaubliche Menge Material angesammelt. Auf 1700 Fahrzeuge ist der deutsche Fuhrpark am Hindukusch angewachsen: Panzer, Transporter, SUVs, und so weiter. Aber zum Lager gehören nicht nur viele Zelte und Wohncontainer, sondern auch eine Großküche, eine Wäscherei, ein Fitness-Studio, ein Postamt, eine Krankenstation, eine Kirche, Computer, riesige Satellitenschüsseln, ein Dieselkraftwerk.

6000 Containereinheiten kommen da zusammen. 4800 sollen bis Ende 2014 in die Heimat geschafft werden. Alles, was zu ramponiert ist oder den Aufwand nicht lohnt, soll in Afghanistan bleiben. Beispielsweise Dingo-Panzerfahrzeuge, die durch Sprengsätze beschädigt wurden: Taugt der Motor noch, wird der ausgebaut. Der Rest wird verschrottet und an örtliche Händler verkauft. Immerhin 500 der 1700 Fahrzeuge sollen hier bleiben.

„Von einem Baum runterzuklettern ist komplizierter, als schnell hinaufzugehen“, schwante Verteidigungsminister Thomas de Maizière schon Ende 2011. Im Schnitt müssen bis Ende 2014 jeden Tag 15 Container verschickt werden. Und jedes Einzelteil muss mit Ameisensäure desinfiziert werden, damit ja kein unerwünschter Keim aus Afghanistan eingeschleppt wird.

Teure Sandsäcke

Einige Fehler, die etwa den Amerikanern unterlaufen sind, will die Bundeswehr vermeiden. Bei den in die Heimat versandten US-Uniformen etwa stellte sich heraus, dass der Sand doch nicht ganz abzuschütteln war. „Das waren die teuersten Sandsäcke der Welt“, spötteln die Deutschen.

Was den Abzug so gefährlich macht: Zwar wird die deutsche Truppenstärke am Hindukusch von derzeit 4200 zügig abgebaut. 2015 sollen nur mehr 600 bis 800 Soldaten stationiert sein – zur Ausbildung und Beratung der afghanischen Streitkräfte. Doch die Bedrohung durch die Taliban wird keineswegs geringer. Auch deswegen sind vier „Tiger“-Hubschrauber und der erste von vier brandneuen NH90-Helikoptern von der deutschen Truppe dringend erwartet worden.

Überaus kompliziert ist auch die Frage, auf welchem Weg die ganze Ausrüstung außer Landes geschafft werden soll. Die ideale Route wäre die über Pakistan, wo die Container dann ab Karatschi per Schiff nach Schleswig-Holstein transportiert werden könnten. Doch das krisengeschüttelte Pakistan schließt immer wieder seine Grenzen für die Nato, und es drohen Angriffe von Taliban. Auch die nördliche Route über Usbekistan, Kasachstan und Russland ist kaum nutzbar – aus anderen Gründen.

In Usbekistan werden ganz unverblümt „transportfördernde Leistungen“ erwartet, also Schmiergeld. Einmal steckte ein vollbeladener Zug 30 Tage lang im Zoll fest. Auf Korruption wollten sich die Deutschen aber nicht einlassen, und so wird nur ganz wenig über Usbekistan transportiert. Dem Land gehe nun „viel Geld durch die Lappen“, bedauert Christian Schmidt, der parlamentarische Verteidigungs-Staatssekretär aus Fürth. „Das ist das Problem, wenn man die Kuh, die man melken will, gleichzeitig schlachtet“, sagt einer im Tross.

Das ist überaus ärgerlich. Und es macht den Transport auch sehr viel teurer. „Billiger wird’s nicht“, sagt Schmidt leicht gefrustet. Für den Landtransport eines Containers per Bahn oder Lkw waren 7500 Euro kalkuliert worden. So wird nun ein Großteil der Ausrüstung von Masar-i-Scharif nach Trabzon an die türkische Schwarzmeerküste geflogen. Dort wird alles dann auf Schiffe verladen und über das Mittelmeer nach Deutschland gebracht. Auf diesem Weg kostet die Fracht pro Container allerdings rund 24000 Euro.

Auf dem Flugfeld in Masar-i-Scharif werden täglich russische Antonov-Maschinen beladen. Panzer und mehrere gepanzerte Transporter passen gleichzeitig in diese riesigen Transporter, die mit ungeheurem Lärm von der Piste abheben.

22.05.2013 © Georg Escher


 "Sicherheitssensibles Material“

Panzer, Waffen, Funkgeräte und anderes „sicherheitssensibles Material“ sollte aber ohnehin nicht auf den gefährlicheren Landweg geschickt werden. Es wird auf direktem Weg nach Leipzig ausgeflogen. Die Kosten pro Container liegen hier aber bei bis zu 40000 Euro.

Auf dem Flugfeld in Masar-i-Scharif werden täglich russische Antonov-Maschinen beladen. Panzer und mehrere gepanzerte Transporter passen gleichzeitig in diese riesigen Transporter, die mit ungeheurem Lärm von der Piste abheben.

Der Abzug ist jedenfalls in vollem Gange. Der Stützpunkt „OP North“ in der Provinz Baghlan, der wohl gefährlichste Posten der Bundeswehr, wo zuletzt ein deutscher Soldat der Elitetruppe KSK umkam, soll demnächst geräumt werden. Danach wird das Feldlager in Kundus aufgelöst.

Staatssekretär Schmidt hat zwar an manchen Stellen auch seine Zweifel, ob die Übergabe der Sicherheitsverantwortung wirklich klappen wird. Dennoch gibt er sich grundsätzlich optimistisch. „Die afghanischen Sicherheitskräfte können das auch“, versichert er, zumal die Afghanen auch nach 2014 nicht völlig alleingelassen werden sollen. Auch aus früheren, schlechten Erfahrungen habe man gelernt, ergänzt er. „Unaufmerksamkeit werden wir uns nicht leisten. Die Erfahrung von 2004 im Kosovo, wo die Übernahme im ersten Anlauf schieflief, wird nicht vergessen.“

GEORG ESCHER

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