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Expertin erklärt: Was, wenn Freunde plötzlich an Corona-Verschwörung glauben?

Birgit Mair sagt: "Das Wichtigste ist Aufklärung" - 25.05.2020 05:57 Uhr

Der Milliardär Bill Gates steht häufig im Fokus der Verschwörungstheorien rund um Corona.

© Ralph Peters via www.imago-images.de


Wie entstand die Idee zum Seminar?

Birgit Mair: Während des Lockdowns bekam ich von Bekannten plötzlich viele Videos per Whatsapp, hauptsächlich von KenFM. Grundtenor war oft, Corona sei eine Erfindung und viel harmloser als behauptet. Ich habe die Absender gefragt, ob sie überhaupt wissen, wer KenFM ist? Viele sagten: Nein, das weiß ich nicht genau. Das hat mir jemand geschickt, und ich fand es ganz interessant. Durch diese Auseinandersetzung bin ich quasi unfreiwillig in das ganze Thema reingekommen. Als dann noch die Demos dazukamen, war ich mit mir im Zwiespalt. Einerseits halte ich mich an die Kontaktbeschränkungen, andererseits wollte ich die Demonstrationen beobachten. Nur so kann ich sie wissenschaftlich analysieren.

Birgit Mair kennt die rechte Szene. 


Wann haben Sie festgestellt, dass auch Neonazis und sonstige extrem Rechte teilnehmen?

Mair: Von Anfang an. Schon bei der ersten derartigen Demonstration am 25. April entdeckte ich Leute, die ich zuvor bei der Nürnberger Holocaust-Leugner-Demo im Juni 2018 gesehen habe. Manche davon nahmen auch regelmäßig an Pegida-Demonstrationen in Nürnberg teil. Und: Schon am 25. April gab es ein Schild, auf dem stand: "Nürnberger Prozesse – Geschichte, die verpflichtet“. Demonstranten verglichen die aktuellen Zustände mit der NS-Zeit. Diese Vergleiche mit der NS-Zeit sind unerträglich, weil sie diese verharmlosen.

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Weiteres Beispiel: Bei der jüngsten Demo der so genannten Corona-Rebellen an der Meistersingerhalle bezog sich eine Rednerin, offenbar eine Impfgegnerin, auf die Nürnberger Prozesse gegen NS-Ärzte in der Nachkriegszeit. Kurz zusammengefasst: Die Entwicklung von Impfstoffen gegen Covid-19, das Impfen selbst und eine – nicht existierende – Impfpflicht wurden mit den abscheulichen medizinischen Experimenten der Nazi-Ärzte gleichgesetzt. Eine derartige Verharmlosung der NS-Verbrechen zieht natürlich extrem Rechte aller Couleur an, weil hier der gesellschaftliche Konsens der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit deutlich verlassen wird.


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Abseits der NS-Vergleiche – welche rechtsradikalen Tendenzen sehen Sie noch auf diesen Demonstrationen?

Mair: Zunächst ist es scheinbar überraschend, dass auf Demonstrationen von Menschen aus dem esoterischen Umfeld plötzlich Neonazis und andere extrem Rechte stehen. Diese haben natürlich erst einmal auf ihre gängigen Symbole verzichtet und waren deshalb nicht gleich erkennbar. Inzwischen ist das bekannt und ich vermisse eine klare Abgrenzung zu Neonazis und extrem Rechten seitens der Demo-Veranstalter. Ich erwarte von ihnen, dass sie beispielsweise zu Beginn klar sagen, dass Menschen mit rechtsradikalem Gedankengut nicht willkommen sind. Man muss sich klar machen: Rechtsradikale versuchen immer, Krisensituationen für sich auszunutzen und auf diesen Demonstrationen Kontakte zu knüpfen. Ein enormes Problem ist auch der wachsende Antisemitismus, der sich auf den Demos auf T-Shirts oder Plakaten zeigt, die sich unter anderem auf die QAnon-Verschwörung beziehen. Auch im Gebrauch des "Judensterns“ spiegelt sich Antisemitismus wider.


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Neu ist auch, dass Gegendemonstrationen ausbleiben.

Mair: Ja, dieses antifaschistische Korrektiv fehlt derzeit, weil sich die meisten Menschen an die Kontaktbeschränkungen halten. Der Protest läuft derzeit eher über soziale Medien. Und das ist bedenklich, denn es war vor allem den Gegendemonstranten zu verdanken, dass beispielsweise Pegida alias Nügida in Nürnberg nicht bedeutender wurde, als die Bewegung 2015 begann.

"Das Wichtigste ist Aufklärung"

Manche Leute sagen: Du kannst für deine Idee demonstrieren. Aber wenn dort auch Rechtsradikale mitlaufen, musst du gehen! Gibt es andere Optionen?

Mair: Ich denke nicht. Nicht, solange sich Veranstalter nicht klar distanzieren und offensichtlich Rechtsradikale auf ihren Demos dulden.

In Ihrem Seminar werden sicher Szenarien wie folgendes eine Rolle spielen: Eine befreundete Ärztin sendet plötzlich über Whatsapp Videos von KenFM, in denen die Gefährlichkeit des Coronavirus verharmlost wird. Es steigert sich: Am Ende schickt sie Videos der Identitären Bewegung. Wie reagiert man darauf am besten?

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Mair: Das Wichtigste ist Aufklärung. Man muss erklären, wer Ken Jebsen von KenFM ist und für welche Verschwörungstheorien er steht, und dass er 2011 vom rbb entlassen wurde, weil er den Holocaust relativiert hat. Und man muss auch klar sagen, dass die Identitäre Bewegung eindeutig extrem rechts zu verorten ist. Die Leute müssen wissen, dass sie eine Verantwortung haben, wenn sie diese Videos verbreiten und, dass das keine objektive Berichterstattung ist, sondern man die Rechtsradikalen durch diese medialen Echoblasen, die da produziert werden, noch tiefer in die Gesellschaft eindringen lässt.

"Dann bleibt nur, sich deutlich zu distanzieren"

Und wenn ich damit nicht weiterkomme? Man bekommt ja nicht selten zur Antwort, dass das ja nur die systemgesteuerte Presse behaupte, der man nichts glauben kann?

Mair Ja, es zerbrechen derzeit auch Freundschaften an genau diesen Fragen. Lässt sich jemand gar nicht überzeugen, bleibt manchmal nur, sich deutlich zu distanzieren.

Claudia Urbasek

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