"Flugtaxi-Firmen könnten das deutsche Apple werden"

4.12.2018, 09:02 Uhr
Längst mehr als eine Vision: Dieser Prototyp eines Flugtaxis des Herstellers Lilium ist beim Nürnberger Digitalgipfel zu sehen. Im März war Dorothee Bär nach einem Interview noch belächelt worden, in dem sie von Flugtaxis sprach.

Längst mehr als eine Vision: Dieser Prototyp eines Flugtaxis des Herstellers Lilium ist beim Nürnberger Digitalgipfel zu sehen. Im März war Dorothee Bär nach einem Interview noch belächelt worden, in dem sie von Flugtaxis sprach. © Foto: DanielKarmann/dpa

Für den Bürger ist das sehr praktisch. Warum tun wir Deutschen uns so schwer mit e-Government?

Dorothee Bär: 80 Prozent der Dänen sagen in Umfragen Ja, wenn sie gefragt werden, ob sie ihre Daten gerne mit dem Staat teilen. Bei uns sind es nur rund 30 Prozent. Die Deutschen machen zwar bei Google und Amazon alle Häkchen, um den Service nutzen zu können. Wenn aber der Staat etwas wissen möchte, sind die Bürger sehr zurückhaltend. Ich glaube, dass das zum einen an unserer Geschichte liegt – die Erfahrungen in der DDR und die Debatte um die Volkszählung haben zu einer Grundskepsis geführt. Für uns, für die Politik, heißt das: Wir müssen einen Service bieten, der einen solchen Mehrwert hat, dass die Bürger ihre Daten gerne teilen – zum Beispiel, wenn sie online ihren Pass verlängern oder ihre Nummernschilder bestellen können.

Immerhin haben wir jetzt schon mal unser Bürgerportal - www.beta.bund.de - online. Es gibt zwar noch nicht viele Anwendungen, aber wir gehen damit den Weg erfolgreicher Länder: Wir fangen einfach mal an und trauen uns, etwas Imperfektes zu machen, selbst wenn wir scheitern. Das ist vielversprechender, als so zu agieren, wie wir es in Deutschland sonst gemacht hätten: nämlich erst alle 575 Verwaltungsdienstleistungen zu digitalisieren und erst dann auf den Startknopf zu drücken. Denn es ist illusorisch, dass dann alles auf einen Schlag so funktioniert, dass der Bürger zufrieden ist. Wir müssen die Lösungen nah am Bürger entwickeln und mit einzelnen Projekten beginnen, aus den Erfahrungen lernen und dann immer besser werden.

Besteht nicht bei all dem Gerede über e-Government die Gefahr, dass Sie große Teile der Bevölkerung nicht mitnehmen? Menschen, die sagen: Ich will aber noch ins Rathaus gehen und dem Beamten persönlich gegenübertreten?

Bär: Der Dreh- und Angelpunkt ist es, Technik erlebbar zu machen. Bei einem Workshop mit Wohngeld-Empfängern in Berlin sagte eine Mittsechzigerin, sie will nichts in den Computer eingeben. In so einem Fall kommt es darauf an, die Vorteile sichtbar zu machen. Die Frau hat zum Beispiel erzählt, dass, wenn sie ihren Wohngeld-Antrag auf Papier abschickt, sie vom Amt keine Bestätigung erhält, ob der Antrag angekommen und vollständig ist. Übers Internet bekommt sie so eine Bestätigung sofort. Völlig überzeugt war sie dann, als herausgekommen ist, dass man in Berlin normalerweise drei Monate auf die Zahlung des Wohngelds wartet, wer seinen Antrag online ausfüllt, aber nur vier Wochen. Plötzlich war sie total begeistert. Das meine ich mit Technik erlebbar machen.

Dorothee Bär    ist Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt – und eine Politikerin, die im Internet zu Hause ist: Über Facebook, Twitter und Instagram lässt sie die Nutzer an Karriere und Privatleben teilhaben, fotografiert sich zum Beispiel auch schon mal auf einer Schaukel mit ihrem Bruder.

Dorothee Bär ist Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt – und eine Politikerin, die im Internet zu Hause ist: Über Facebook, Twitter und Instagram lässt sie die Nutzer an Karriere und Privatleben teilhaben, fotografiert sich zum Beispiel auch schon mal auf einer Schaukel mit ihrem Bruder. © Eduard Weigert

Anders formuliert heißt das doch: Der Staat muss die Bürger zur Digitalisierung erziehen. Eine problematische Vorstellung von Staat.

Bär: Nicht erziehen, erlebbar machen! Jeder kann nach wie vor Papier nutzen, muss aber für sich selber entscheiden, ob er das will. Wenn Sie im Jahr 2006 die Bürger gefragt hätten: Wollt ihr ein Gerät mit euch herumtragen, das euren Aufenthaltsort, eure Termine und Fotos kennt, hätte keiner gesagt: Das will ich. Dann kam 2007 das iPhone auf den Markt und die Leute haben mit dem Geldbeutel in den Apple Stores abgestimmt. Deswegen bin ich fest davon überzeugt, dass erlebbare Technik auch bei Behördengängen funktionieren wird – ohne staatliche Erziehung.

Die Bundesregierung stellt auf dem Digitalgipfel ihre KI-Strategie vor. Wo steht Deutschland bei der Künstlichen Intelligenz?

Bär: Wir stehen sehr gut da in der Grundlagenforschung an den Universitäten. Das bezeugen Experten aus Deutschland und dem Ausland. Wo wir besser werden müssen, ist in den Ausgründungen. Wir brauchen einen anderen Gründergeist, eine andere Unternehmenskultur. Fast jeder Start-up-Gründer sagt: Der Gedanke, dass man mit einer Idee auch Geld verdienen kann, ist nicht in Deutschland gekommen, sondern zum Beispiel beim Auslandssemester in Großbritannien oder in den USA. Das liegt an unserer Erziehung. Ich habe in Bayern Abitur gemacht, ohne einmal mit dem Satz in Berührung zu kommen: Man darf auch Unternehmer werden.

Warum ist das so?

Bär: Deutschland ist ein Land, das auch deswegen eine so große Industrienation ist, weil wir viele Innovationen haben. Gleichzeitig aber ist Deutschland innovationsängstlich. Die Universität Wien bescheinigt uns in einer Studie, von allen Nationen in der Welt diejenige zu sein, die am meisten Angst vor dem Wandel hat. Dieselbe Studie sagt aber auch, dass die Gesellschaft, die Wandel am besten bewältigen kann, die deutsche ist.

Was empfehlen Sie, um diese Ängste abzulegen und auch in der Bundesrepublik den Gründergeist in der Digitalära zu wecken?

Bär: Bei uns herrscht immer noch die Meinung, dass es reicht, wenn Kinder in der Grundschule Lesen, Schreiben und Rechnen lernen – alles andere halten wir von den Kindern erst mal fern. Grundschüler müssen heutzutage aber wissen, was ein Algorithmus ist. Zwar kommt dann oft der Einwand "Die müssen ja nicht alle Programmierer werden." Natürlich müssen sie das nicht. Als wir das Große Latinum gemacht haben, hat doch aber auch niemand gesagt: "Jetzt müsst ihr aber alle Altphilologen werden."

Der Digitalpakt, der den Schulen die für den digitalen Wandel nötigen Milliarden gegeben hätte, ist aber auch deswegen bedroht, weil sich unter anderem das Land Bayern querstellt.

Bär: Ich will jetzt nicht den Föderalismus aufkündigen, aber man muss sich überlegen, ob bei der Digitalisierung in den Schulen der Föderalismus nicht ein Totengräber sein kann. Wenn wir wirklich wollen, dass unsere Kinder gut ausgebildet sind, dass sie weltweit mitspielen können, dann geht das nicht, dass sich 16 Kultusministerien aus Befindlichkeiten heraus nicht auf bundesweite Standards einigen. Der Bund will ihnen nichts wegnehmen – es geht um eine gemeinsame Linie.

In der Bundesregierung haben gleich mehrere Ministerien Berührungspunkte mit der Digitalisierung. Schlichten Sie als Digital-Staatsministerin den halben Tag lang Kompetenzgerangel?

Bär: Ich habe es mir schwerer vorgestellt. Die Ministerien greifen gerne auf die Koordinierung im Kanzleramt zurück. Ich sage es seit langem: Jedes Ministerium muss ein Digitalministerium sein – es gibt keinen Bereich, der analog ist, der von der Digitalisierung nicht berührt ist.

Die Lösung wäre also nicht ein einziges Digitalministerium mit allen Zuständigkeiten?

Bär: Ich will mich solchen Diskussionen nicht verschließen, wenn es ein schlüssiges Konzept dafür gibt. Was ich mir aber nicht vorstellen kann, wäre, aus allen Ministerien die digitalen Themen abzuziehen und sie in ein Digitalministerium zu verlagern. Es macht keinen Sinn, wenn sich beispielsweise das Gesundheitsministerium nicht mehr um die elektronische Gesundheitskarte kümmert.

Es gibt Untersuchungen, die sagen, dass man den Deutschen ihre Digitalisierungsängste nehmen könnte, wenn die Politik klar sagen würde: Dahin wollen wir in den nächsten Jahren.

Bär: Ich würde Ihnen gerne zustimmen, habe aber auch andere Erfahrungen gemacht. Auf der einen Seite heißt es: Ihr denkt nur in Legislaturperioden. Wenn man auf der anderen Seite über Flugtaxis und andere Visionen spricht, heißt es immer: Jetzt macht erst mal eure Hausaufgaben hier vor Ort. Es braucht aber beides: die Erledigung der Hausaufgaben vor Ort und die Visionen. Den Spruch "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", finde ich übrigens furchtbar. Wir brauchen ganz dringend Visionen.

Für Ihre Vision des Flugtaxis wurden sie nach einem Auftritt im heute-journal erst einmal belächelt – zu Unrecht?

Bär: Stand ist, dass wir in Deutschland und Europa weltweit am weitesten sind. Mit Lilium im Landkreis München, Volocopter in Bruchsal und City-Airbus von Airbus haben wir allein in Deutschland drei große Anbieter. In Brüssel haben wir vor kurzem mit der Europäischen Kommission, mit der Easa und mit der FAA (die europäische bzw. US-amerikanische Luftfahrtbehörde, d. Red.) über Regulierung und Zulassungen gesprochen – auch da sind wir weiter als die Amerikaner. Wir haben inzwischen zwei Testfelder eingeweiht, das eine in Ingolstadt, das andere in Aachen – mit Partnern wie Airbus und Audi. Ein Realbetrieb ist bis 2021 möglich. Wir können es diesmal schaffen, vor die Welle zu kommen.

Bislang gibt es in Deutschland – Grundlagenforschung hin oder her – kein Unternehmen, das den Rang von Apple oder Google hat. Wann wird es denn so weit sein?

Bär: Ich glaube, dass die Flugtaxi-Hersteller tatsächlich ein deutsches Apple werden können, wenn man es so nennen will. Oder denken Sie an den Bereich Finanzen und elektronischer Zahlungsverkehr: Wirecard hat jetzt die Commerzbank aus dem Dax verdrängt. Wirecard ist weltweit führend. Allein durch die Tatsache, dass ein Unternehmen, das vorher kaum jemand auf dem Schirm hatte, plötzlich in den Dax aufrückt, sieht man, dass schon Player da sind, die wir vielleicht noch nicht so kennen. Bei unseren Landmaschinen-Herstellern sind wir auch auf einem guten Weg, was digitalen Fortschritt bei smart farming angeht.

Was halten Sie von düsteren Prognosen, die Roboter würden dank Künstlicher Intelligenz den Menschen irgendwann gefährlich werden?

Bär: Viele sagen: Hört halt auf mit dem Stichwort Künstliche Intelligenz, nennt es lieber Maschinelles Lernen. Vielleicht hätten die Bürger tatsächlich mit dem Begriff weniger Probleme. Wenn Sie sich aber die Titel der großen Nachrichtenmagazine in den letzten Jahrzehnten anschauen, kommt alle zehn Jahre "Roboter nehmen uns die Arbeit weg". Roboter erleichtern uns aber auch die Arbeit. Ein Exoskelett hilft zum Beispiel dabei, große Lasten hochzuheben. Der einzelne Pfleger könnte damit länger arbeiten, weil der körperliche Verschleiß weniger wäre. Habe ich also Angst davor, dass uns die Roboter ersetzen? Nein, überhaupt nicht. Alles was hier sitzt (deutet aufs Herz), alles, was den Menschen ausmacht, unsere Werte, unsere Emotionen – das kann eine Maschine nicht. Also: Ich bin da null Komma null kulturpessimistisch.

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