Schubs in die "richtige" Richtung?

Geld gegen Impfung? So agieren Unternehmen in der Region

Michi Endres
Michi Endres

Online-Redaktion

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Impfanreize von Firmen: So ist der Stand in der Region.

Impfanreize von Firmen: So ist der Stand in der Region. © Sebastian Gollnow/dpa

Sollten Impfanreize gesetzt werden, dass auch bisher Ungeimpfte sich den Corona-Immunschutz abholen? Diese Frage schlägt derzeit hohe Wellen. Zusammen mit der Debatte darüber, ob Unternehmen in Zukunft Gesundheitsdaten wie den Impfstatus von Mitarbeitenden abfragen dürfen sollen, was Gesundheitsminister Jens Spahn ins Spiel gebracht hat, gewinnt das Ganze einerseits an Brisanz; andererseits heizt es die Debatte um Impfanreize nochmals an.

Aktuell dürfen Firmen die Daten ihrer Mitarbeitenden nicht abfragen. Aber: Er sei gerade hin- und hergerissen, ob man das Gesetz ändern solle, damit Arbeitgeber zumindest für die nächsten sechs Monate nach dem Impfstatus fragen dürften, so der CDU-Minister in der ARD-Sendung Hart aber fair.

"Wenn alle im Großraumbüro geimpft sind, kann ich damit anders umgehen, als wenn da 50 Prozent nicht geimpft sind", so Spahn. Hintergrund für diese Gedanken der Politik dürfte der aktuelle Stand der Impfungen in Deutschland sein. 61,7 Prozent der Gesamtbevölkerung sind vollständig geimpft (Stand 8. September). Bayern liegt laut impfdashboard.de mit 59,7 Prozent knapp über dem Bundesschnitt.

Impfanreize als Booster für die Impfunwilligen?

Weiterhin soll eine möglichst hohe Impfquote erreicht werden, vor allem um denjenigen einen Schutz zu bieten, die sich nicht durch eine Impfung schützen können, wie Menschen mit transplantierten Organen oder mit Immunerkrankungen. Hier könnte eine Abfrage des Impf- oder auch des Genesenenstatus von Mitarbeitenden am Arbeitsplatz einerseits für eine einfachere Koordination des Risikomanagements der Firmen sorgen, da man Ungeimpfte beispielsweise nicht in Großraumbüros unterbringen könnte. Andererseits würde der Druck auf Ungeimpfte erhöht, sich mit einer Impfung genauer auseinanderzusetzen.

Eine andere Möglichkeit, möglichst viele Menschen von einer Impfung zu überzeugen, wäre es, Impfanreize zu schaffen, die auch explizit von Unternehmen angeboten werden können. Dass dieses Mittel durchaus erfolgversprechend ist, beweist der Regensburger Edeka-Kaufmann Raphael Dirnberger, wie welt.de berichtet. Alle vollständig geimpften Mitarbeitenden bekommen bei ihm 200 Euro. Angenommen worden sei das Angebot von fast allen der 170 Beschäftigten. Er habe viel positives Feedback erhalten, sagt der Kaufmann: "Selbst Angestellte, die vorher skeptisch waren, haben sich impfen lassen".

Impfanreize: Der Schubs in die "richtige" Richtung?

Das Prinzip, das hinter den Impfanreizen steckt, heißt "Nudging" (auf Deutsch: anstoßen). "Beim Nudging bewegt man jemanden auf mehr oder weniger subtile Weise dazu, etwas Bestimmtes einmalig oder dauerhaft zu tun oder zu lassen", wird das Prinzip im Gabler Wirtschaftslexikon erklärt. Vereinfacht gesagt schubst man die noch Ungeimpften mit einem Anreiz in die "richtige" Richtung. Anreize können hier, Geldzulagen, aber auch immateriell sein, wie beispielsweise Zusatz-Urlaubstage.

Firmen können mit diesem Prinzip selbst versuchen, die interne Impfquote zu erhöhen. Die Vorteile hierfür liegen auf der Hand, aber dennoch bergen Impfanreize auch Risiken. Materielle oder immaterielle Versprechen verursachen Kosten. Zudem dürfte - wenn sie nicht von den Initiatoren selbst gestellt wird - bei den Mitarbeitenden zeitnah die Frage aufkommen, ob auch bereits Geimpfte diese Vorteile rückwirkend erhalten können.

500-Euro-Impf-Bonus? Das sagt eine Expertin

Wie der WDR berichtet, schätzt das Ifo-Institut den sozialen Wert pro Impfung auf 1500 Euro ein, da weniger Krankheitsfälle die Volkswirtschaft belasten. Die Ökonomie-Professorin Nora Szech vom Corona-Experten-Kreis der Helmholtz-Gemeinschaft spricht sich deshalb auch für finanzielle Anreize aus. Laut einer Studie von ihr zu Anreizen für Impfungen steigt die Impfbereitschaft um zehn Prozent (von 70 auf 80 Prozent) unter den Erwachsenen, wenn diese 100 Euro angeboten bekommen, berichtet der WDR.

Szech plädiert im WDR5-Morgenecho dabei sogar für eine Prämie von 500 Euro, da das Robert-Koch-Institut eine noch höhere Quote anstrebt: "Da zeigen unsere Daten, wir kommen Richtung 90 Prozent Impfbereitschaft." Erhalten sollten den Bonus ihr zufolge aber alle, auch die bereits Geimpften - "damit es fair ist".

"Mit Fuerteventura könnten sie einen locken"

Beim Blick auf die Ifo-Schätzung mit den 1500 Euro meint Szech: "Da können wir den Leuten ruhig 500 Euro davon abgeben." Eine Straßenumfrage des WDR zeigt aber auch das ethische Dilemma, das die Frage nach Impfanreizen mit sich bringt. Eine Frau, die es "sehr ungerecht" fände, falls einige bevorzugt werden sollten, meint: "Auf keinen Fall Geld zahlen oder irgendwas, da wird das ja dann noch belohnt." Ein weiterer Befragter ist Impfanreizen gegenüber aufgeschlossen: "Mit Fuerteventura könnten sie einen locken, aber nicht mit 100 Euro - ich warte noch." Die Aussagen zeigen die Gefahr, dass der positive Effekt, den die Anreize mit einer wahrscheinlich höheren Impfquote hätte, daneben aber auch zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft auf dem Weg dorthin führen könnte.

Impfanreize: So wird das bei Firmen aus der Region gehandhabt

Wie gehen Firmen aus der Region mit der Situation um? Wie ein Sprecher von Adidas gegenüber unserem Medienhaus erklärt, sei das Angebot, sich impfen zu lassen, von den Beschäftigten "auch ohne spezielle Anreize sehr gut angenommen" worden. Auch die Nürnberger Versicherung, die Datev oder Siemens geben keine speziellen Impfanreize an die Belegschaft heraus.

Alle drei Unternehmen haben den Mitarbeitenden jedoch ein internes Impfangebot gemacht, was jeweils auch angenommen wurde. So hat die Datev nach eigener Aussage vor den Sommerferien 2400 Mitarbeitende geimpft, die Nürnberger Versicherung in der Firmenzentrale 4280 Menschen vollständig geimpft, davon 1587 eigene Mitarbeiter sowie die Belegschaft von Partnerunternehmen, und auch Siemens hat Anfang Juni seiner gesamten Belegschaft in Deutschland ein Impfangebot unterbreitet.

Vorteile für Ungeimpfte gegenüber Geimpften: "Ein Konflikt besteht nicht"

Hier reihen sich auch die Städtischen Werke Nürnberg, die VAG Verkehrs-Aktiengesellschaft und die N-Ergie ein: "Es werden keine monetären oder vergleichbaren Anreize gesetzt", so eine Sprecherin auf Anfrage von nordbayern.de. Den Beschäftigten wird auch hier die Möglichkeit geboten, sich beim Betriebsarzt konzernintern impfen und über die Impfung aufklären zu lassen.

"Die Schutzimpfung ist grundsätzlich während der Arbeitszeit möglich. Es handelt sich dabei um eine bezahlte Arbeitsbefreiung," erklärt die Stadt Nürnberg gegenüber nordbayern.de. Auf die Frage, nach Konfliktpotential zu Mitarbeitenden, die sich bereits freiwillig impfen haben lassen und den Vorteil nicht erhalten heißt es: "Ein Konflikt besteht nicht." Grund dafür sei, dass die bezahlte Arbeitsbefreiung bereits im Frühjahr 2021 angeboten wurde. "Ein Großteil der Mitarbeitenden hat erst zu diesem Zeitpunkt ein Impfangebot erhalten."

Extra Impfanreize hat auch das Klinikum Nürnberg nicht gesetzt. Auf Anfrage heißt es, dass Mitarbeiter aus dem sogenannten weißen Bereich, die beispielsweise mit der Versorgung von Covid-Patienten und -Patientinnen betraut waren, ein großes Interesse daran hatten, möglichst schnell geimpft zu werden. "Wir hatten somit mehr Nachfragen als zeitweise Impfstoff", erklärt eine Sprecherin des Klinikums.