Bundestagswahl

Gelingt Tessa Ganserer in Nürnbergs Norden der große Coup?

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Elke Graßer-Reitzner

Lokalredaktion Nürnberg und Rechercheteam

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8.6.2021, 06:00 Uhr
Tessa Ganserer sitzt derzeit noch im bayerischen Landtag. Im Herbst will sie in den Bundestag einziehen und dabei für die Grünen gleich das erste Direktmandat in Bayern holen.

Tessa Ganserer sitzt derzeit noch im bayerischen Landtag. Im Herbst will sie in den Bundestag einziehen und dabei für die Grünen gleich das erste Direktmandat in Bayern holen. © Christian Hilgert, NN

Es gibt Stadtteile in Nürnberg, in denen spiegelt sich die große Politik wie unter einem Brennglas. Wenn sich der Wind für die Regierenden in Berlin dreht, spürt man mitunter an der Pegnitz das Lüftchen genauso schnell wie an der Spree. Das war schon 1998 so, als die Menschen nach 16 Jahren Kohl-Regierung einen politischen Wechsel herbeisehnten.

Sebastian Brehm (CSU) hat sich als finanzpolitischer Sprecher seiner Partei etabliert. Er muss den Wahlkreis Nürnberg-Nord verteidigen.

Sebastian Brehm (CSU) hat sich als finanzpolitischer Sprecher seiner Partei etabliert. Er muss den Wahlkreis Nürnberg-Nord verteidigen. © Christoph Hardt /imago images/Future Image

Damals gelang der SPD eine kleine Sensation, ihr Kandidat Günter Gloser eroberte das Direktmandat im Wahlkreis Nürnberg-Nord von der erfolgsverwöhnten CSU. Konkurrentin Dagmar Wöhrl musste - das einzige Mal in ihrer bundespolitischen Karriere - über die Liste in den Bundestag einziehen. Gloser, der Jahre später zum Staatsminister im Auswärtigen Amt aufstieg, hatte nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Wöhrl seinen Erfolg auch einer Wahlempfehlung der Grünen zu verdanken.

Auf solche Geschenke braucht Glosers Nachfolgerin Gabriela Heinrich, die stellvertretende Fraktionschefin der SPD im Reichstag, bei der Wahl im September gar nicht erst zu hoffen: Diesmal greifen die Grünen in Nürnberg-Nord selbst nach den Sternen. Die 44-jährige Tessa Ganserer will das "historische Ereignis" schaffen und hier das erste Direktmandat für ihre Partei in Bayern überhaupt holen.

Gelingt der Diplomingenieurin für Wald- und Forstwirtschaft das bislang Unmögliche, färbt sie die Heimatstadt von CSU-Ministerpräsident Markus Söder grün? Das Erfurter Markt- und Sozialforschungsinstitut INSA jedenfalls sah bei drei Umfragen im Mai, wie auch zuvor schon einmal Ende April, das Erstimmen-Ergebnis für Tessa Ganserer jeweils knapp vor der CSU. Seitdem changiert die Stimmung bei den Kandidaten zwischen aufgeregt-erwartungsfroh und cool-gelassen.


Horch amol, der Podcast mit Tessa Ganserer


Katja Hessel (FDP), Vorsitzende des Finanzausschusses, ist  sicher im neuen Bundestag vertreten. Sie hat Platz zwei auf der bayerischen Landesliste erhalten.

Katja Hessel (FDP), Vorsitzende des Finanzausschusses, ist  sicher im neuen Bundestag vertreten. Sie hat Platz zwei auf der bayerischen Landesliste erhalten. © Roland Fengler

"Wir bleiben auf dem Teppich, das ist noch lange nicht das Wahlergebnis", sagt die Transgender-Frau, die als derzeitige Landtagsabgeordnete den Unterschied zwischen Stimmungen und Stimmen sehr wohl kennt. Bei den Bürgern sei noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Vor vier Jahren holte die Grünen-Kandidatin Britta Walthelm 12,7 Prozent an Erststimmen, diesmal sollen es "deutlich über 20 Prozent" werden.

Seit der frühere Club-Torhüter Raphael Schäfer öffentlichkeitswirksam der Ökopartei beigetreten ist, spürt man weiter Aufwind, die Mitgliederzahl hat sich seit der Nominierung von Annalena Baerbock zur Kanzlerkandidatin auch in Nürnberg fast verdoppelt. Keine andere Partei setze sich so für den Zusammenhalt der Gesellschaft ein, sagt Ganserer, ganz im angriffslustigen Wahlkampfmodus.

Tatsächlich dürfte es nicht so einfach werden, Sebastian Brehm von der CSU das Direktmandat abzujagen. Zwar fuhr Brehm vor vier Jahren mit gut 31 Prozent an Erststimmen das schlechteste Ergebnis aller Direktkandidaten in Bayern ein. Doch das mag auch an der Beschaffenheit des Wahlkreises liegen. Zu ihm gehören eher "linke" Viertel wie Gostenhof, die Altstadt, St. Johannis und Wöhrd, in denen SPD, Grüne und Linke punkteten. Aber auch das Knoblauchsland, Erlenstegen und Laufamholz gehören dazu, traditionell die Hochburgen der Konservativen.

"Die Grünen haben einen Lauf, ganz klar", sagt Sebastian Brehm. Doch bange sei ihm vor der Entwicklung nicht, er nehme sie vielmehr sehr ernst. "Jeder kann bis zu fünf Prozentpunkte aufholen", ist sich Brehm sicher. Er setzt auf seine Erfolge, die er als Finanzexperte für seine Stadt vorweisen kann: Millionenschwere Zuschüsse für die Volksbad-Sanierung, Lärmschutz für die Buchenbühler entlang der Autobahn, alles Geld, das er geholt habe.

Gabriela Heinrich kandidiert für die SPD im Wahlkreis Nürnberg-Nord. Sie hat einen aussichtsreichen Listenplatz erhalten und will wieder in den Bundestag einziehen.

Gabriela Heinrich kandidiert für die SPD im Wahlkreis Nürnberg-Nord. Sie hat einen aussichtsreichen Listenplatz erhalten und will wieder in den Bundestag einziehen. © SPD

Während Brehm wohl beim Verlust des Direktmandats das bundespolitische "Aus" droht, haben die meisten seiner Mitbewerber die Fahrkarte nach Berlin bereits in der Tasche. Tessa Ganserer ist auf Platz 13 der Grünen abgesichert, mit 20 Plätzen aus Bayern rechnet man im September. "Das ist das Minimum", sagt Ganserer nicht gerade bescheiden.

Auch Gabriela Heinrich geht auf Listenplatz 8 der SPD entspannt in die nächsten Wochen. "Ich mach mein Ding", sagt sie unbeeindruckt von der neuen Konstellation Schwarz gegen Grün vor ihrer Haustür. Sie wolle viel mit den Menschen reden, über Bürgerversicherung und soziale Arbeit, über Klima-Themen und digitale Zukunft.

Wenig Sorgen müsste sich auch Katja Hessel machen. Die Vorsitzende des Finanzausschusses im Bundestag steht auf Platz zwei der FDP-Landesliste und ist damit sicher wieder im nächsten Bundestag vertreten. Doch sie hat ein ehrgeiziges Ziel: Ihr Ergebnis müsse nun, nach den 7,2 Prozent an Erststimmen im Jahr 2017, unbedingt zweistellig werden.


Horch amol: Der Podcast mit Katja Hessel


Dass Tessa Ganserer siegt, hält sie für noch längst nicht ausgemacht. "Umfragen sind Momentaufnahmen", sagt sie. Bis September passiere noch viel, der Hype um die Grünen bringe jetzt unnötige Unruhe ins Geschehen. Wo ihre Präferenzen liegen und wen sie gerne wieder sehen würde, sagt sie auch: Sie drücke Sebastian Brehm ganz fest die Daumen. Schließlich sei er nicht über einen CSU-Listenplatz abgesichert.

Einen lässigen Start in den Wahlkampf kann sich Linken-Stadtrat Titus Schüller leisten. Er kandidiert auf Platz sechs seiner Partei, "kein unwahrscheinliches" Sprungbrett, schließlich entsenden die bayerischen Linken derzeit sieben Abgeordnete in den Reichstag. Zudem hat er den Eindruck, dass viele seiner Kollegen im Nürnberger Rathaus "ganz froh wären, wenn ich nach Berlin ginge". Dass die Grünen in seinem Nürnberger Wahlkreis siegen, hält er nicht für glaubwürdig. Sie seien bisher nicht "durch überragende Wahlergebnisse in Bayern aufgefallen", kommentiert er trocken.

Mit dieser Aussage liegt er, auch das ist neu, gar nicht weit entfernt von Nürnbergs CSU-Chef Michael Frieser. Es werde sicher ein enges Rennen zwischen Schwarz und Grün im Norden, gibt Frieser zu, der selbst sein Bundestags-Direktmandat im südlichen Wahlkreis verteidigen muss. Aber noch warte er gespannt darauf, dass Frau Ganserer inhaltlich wirklich etwas zu sagen hat... Das klingt dann doch wie das berühmte Pfeifen im Wald.

Im Bundestagswahlkreis 244 Nürnberg-Nord kandidieren außerdem direkt: MdB Martin Sichert für die AfD, Thomas Estrada für die Freien Wähler, Kreisvorsitzender Christian Rechholz für die ÖDP und Klaus Kinzel für Die Basis.

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