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Donnerstag, 18.07.2019

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Globuli als Kassenleistung: Es wird eng für die Homöopathie

Immer mehr Politiker können sich ein Ende der Erstattungsfähigkeit vorstellen - 14.07.2019 05:48 Uhr

Vor allem Kinder werden gerne mit Homöopathie behandelt. © Foto: Frank Rumpenhorst/dpa


Langsam wird es eng für die Anhänger der Homöopathie in Deutschland – zumindest dann, wenn sie ihre Globuli wenigstens teilweise als Kassenleistung erhalten wollen. Immer mehr Verantwortliche aus der Gesundheitspolitik lassen nämlich durchblicken, dass sie diese Finanzierung durch die Gemeinschaft der Kassenmitglieder nicht mehr länger verantworten wollen. Jeden Tag wird die Liste derer länger, die sich kritisch äußern.

Jüngstes Beispiel sind die Experten aus den Reihen der GroKo, die gleich reihenweise auf Distanz gingen. Erwin Rüddel (CDU) bezeichnete es als "schwer vermittelbar", wenn Geld für Homöopathie vorhanden sei, "während an anderer Stelle gespart werden muss". Er könne sich "ein Ende der Erstattungsfähigkeit" vorstellen. Und der Mann ist immerhin Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag. Sabine Dittmar (SPD) äußerte sich ähnlich. Sie wies darauf hin, dass die Wirksamkeit dieser Mittel nicht nachgewiesen sei.


Von wegen sanft: Der deutsche Globuli-Irrsinn muss aufhören


Selbst die Opposition, häufig anderer Meinung als die Regierungsparteien, unterscheidet sich in der Frage kaum. Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) hat nichts gegen Homöopathie – aber bitte "auf Selbstzahlerbasis". Der Ansbacher Linken-Abgeordnete Harald Weinberg sticht da etwas heraus. Aber nicht, weil er ein glühender Globuli-Anhänger wäre, sondern, weil er die Debatte angesichts vergleichsweise geringer Kosten für überzogen hält und lieber über aus seiner Sicht wichtigere Probleme diskutieren möchte.

Die Politiker sind nicht die Einzigen, die ein grundsätzliches Ende der Globuli als Kassenleistung fordern. Im klassischen Leistungskatalog der Versicherungen sind sie ohnehin nicht vorgesehen.

Die Methode "nicht adeln"

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hatte sich tags zuvor zu Wort gemeldet. Ihr Wunsch: Die Solidargemeinschaft soll nichts mehr dafür bezahlen müssen, so Bundesvorsitzender Andreas Gassen. Auch hier wird die scharfe Kritik mit dem Fehlen ausreichender wissenschaftlicher Belege begründet.

Das wohl wichtigste Gremium in diesem Zusammenhang, der Gemeinsame Bundesausschuss, fordert, die umstrittene Methode der Homöopathie solle durch Erstattungen "nicht geadelt" werden. Dabei handelt es sich immerhin um das höchste Beschlussgremium in der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens (mit Vertretern von Kassen, Ärzten und Patienten). Hier wird letztlich entschieden, was zu den offiziellen Leistungen gehört und was nicht.

Besonderes Kugellager: Die Apotheke eines Homöopathen. © Foto: Frank Rumpenhorst/dpa


Ziemlich einsam steht es inzwischen um Michaela Geiger. Die niedergelassene Hausärztin und Notfallmedizinerin ist Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte. Sie warnte gestern vor einer medizinischen "Monokultur", die entstehen könne, wenn diese Leistungen ausgegrenzt würden. Es gebe gute Gründe dafür, weiter zu zahlen – zum Beispiel angesichts der Herausforderungen bei chronisch Kranken und Menschen, die Antibiotika nicht mehr vertragen.

79 Prozent der Deutschen wünschten sich das einer repräsentativen Umfrage zufolge auch in ihrem Land, sagt Michaela Geiger. Auch der Ärztetag habe sich im vergangenen Jahr ausdrücklich für die Homöopathie ausgesprochen und die Anforderungen für die Mediziner an das Führen dieses Zusatztitels erhöht. Die Vorsitzende weist im Zusammenhang mit der hiesigen Debatte auf die Schweiz hin, wo Homöopathie seit 2017 von der Grundsicherung voll erstattet werde.

 

Man kann aber statt in Richtung Süden auch in Richtung Westen blicken. Nach Frankreich. Dort wird im übernächsten Jahr das letzte Stündlein der (erstattungsfähigen) Homöopathie schlagen. Ab dem Jahr 2021 soll es kein Geld mehr dafür geben. In Großbritannien ist es bereits so.

Nach einem Bericht des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie haben die Krankenkassen in Deutschland im Jahr 2017 etwas mehr als zehn Millionen Euro für homöopathische Mittel ausgegeben. Das ist angesichts der Milliardenkosten im Gesundheitswesen nicht besonders viel Geld, wenn auch für die Kritiker bereits zu viel. Einige Stimmen in der Politik warnen vor einer zu harten Auseinandersetzung. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Karin Maag hält eine freiwillige Finanzierung für "vertretbar", die Mitglieder hätten schließlich auch das Recht des Kassenwechsels.

Kassen im Zwiespalt

Manche Fronten gehen quer durch ein Bundesland. So stellte sich die saarländische Juso-Vorsitzende Kiri Braun gegen die in der schwarz-roten Landesregierung zuständige Landesgesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU), die eine Kostenübernahme befürwortet. "Auch im Sinne des Verbraucherschutzes", so die Jungsozialistin, solle das nur bei Medikamenten geschehen, "deren Wirksamkeit bewiesen ist".

Die Kassen befinden sich in einem Zwiespalt. Sie wissen, dass ein Teil ihrer Mitglieder die Homöopathie schätzt und die Mittel erstattet haben möchte, aber sie nehmen auch die zunehmende Kritik in der Gesellschaft wahr. AOK-Vorstand Martin Litsch forderte deswegen den Gesetzgeber auf, "Klarheit zu schaffen". Die Kassen könnten das nicht eigenständig tun, denn sie stünden in dieser Frage "zwischen Baum und Borke". 

Harald Baumer

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