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Gysi: "Der Staatssozialismus ist zu Recht gescheitert"

Der Linken-Politiker spricht im Interview auch über die Macht der Ironie - 13.04.2018 18:09 Uhr

Gregor Gysi (70) war mit 23 Jahren jüngster Rechtsanwalt der DDR. Mit 19 trat er in die SED ein, deren letzter Vorsitzender er im Dezember 1989 wurde. Danach war er Fraktionschef der Linken im Bundestag, dem er als direkt gewählter Abgeordneter immer noch angehört. Vor kurzem erschien seine Autobiografie "Ein Leben ist zu wenig", die er in der Erlanger Buchhandlung Rupprecht vor 420 Zuhörern vorstellte. © Klaus-Dieter Schreiter


Herr Gysi, Sie sind der Lieblings-Linke des konservativen Bürgertums im Land. Wie erklären Sie sich das?

Gregor Gysi: Das war ja nicht von Anfang an so. Ich habe meine Autobiografie nicht deshalb "Ein Leben ist zu wenig" genannt, weil ich etwa Buddhist wäre, sondern weil ich meine, dass ich bisher sechs Leben hatte. Das erste war meine Kindheit und Jugend, das zweite meine Studentenzeit. Das dritte Leben war mein Anwaltsleben in der DDR, das vierte die ganze politische Wendezeit 1989/90. Dann wurde ich Bürger der Bundesrepublik und hatte ein fünftes und ein sechstes Leben. Im fünften Leben lehnte mich die große Mehrheit der Bevölkerung und der Medien ab – und zwar zutiefst. Da ich mich aber selbst etwas netter fand, habe ich ein bisschen preußisch stur um meine Akzeptanz und die der Partei gerungen. Erst in meinem sechsten Leben habe ich bei einer Mehrheit diese Akzeptanz dann gewonnen.

Wann begann das?

Gysi: Im Osten, als ich die Komitees für Gerechtigkeit gründete...

... Anfang der 90er Jahre.

Gysi: Wir haben den Leuten damals bei einer riesigen Massenarbeitslosigkeit, die zum Glück der Westen nicht erleben musste, geholfen, Anträge zu stellen auf Sozialhilfe, Arbeitslosengeld, Rente etc. Wir wurden eine Art Kümmererpartei und ich zur Stimme des Ostens. Den Ruf habe ich dort noch bis heute.

Und im Westen?

Gysi: Da dauerte es länger. Da haben meine Auftritte im Bundestag und meine Art zu reden dazu geführt, dass die Leute irgendwann gesagt haben: Nee, er ist ja gar nicht so schlimm. Hinzu kommt, dass ich versuche, den Linken zu erklären, dass die Wirtschaft auch bei ihnen funktionieren muss. Deshalb bin ich Mitglied des politischen Beirates des Bundesverbands der mittelständischen Wirtschaft. Da hat sich dann auch im Bürgertum die Akzeptanz erhöht. Eine offizielle Anerkennung war auch die Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst, denn das ist eine rein bürgerliche Angelegenheit.

Man schätzt Sie eben als Unterhalter. Riskiert man mit der nicht uneitlen Liebe zu rhetorischer Brillanz und Ironie auch manchmal politische Harmlosigkeit?

Gysi: Man muss immer aufpassen. Wenn man eitel ist, was ich auch bin, gibt es eine entscheidende Frage: Beherrschst du deine Eitelkeit, oder beherrscht sie dich? Wenn sie dich beherrscht, wirst du grottenschlecht. Außerdem geht es mir zuerst immer um etwas anderes: Ich will die politische Sprache übersetzen. Ein Bonmot kann dabei helfen.

Zum Beispiel?

Gysi: Wenn ich dagegen bin, Bundesstraßen zu privatisieren und dann erkläre, was das mit der Maut und auf der Ebene der Länder und der Kommunen bedeutet, dann geht das bei Ihnen zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Wenn ich aber androhe, dass ich – wenn das käme – die Straße des damaligen Finanzministers Schäuble kaufte und es für ihn teuer und peinlich würde, wenn er nach Hause will in die Straße Zum Gysi Nr. 1, ist das mehr als ein Bonmot, sondern die Leute verstehen sofort, dass das nicht geht. Und ich glaube, eine Stärke von mir ist, dass ich nicht nur ironisch, sondern auch selbstironisch bin.

War Ihnen klassenkämpferisches Pathos immer zuwider?

Gysi: Das ist nicht mein Stil. Ich mag auch diese Gesten nicht. Natürlich kann man die Faust erheben, aber es hat auch immer etwas sehr Autoritäres. Als gebe es nur diese eine Wahrheit. Meine Lebenserfahrung ist: Man muss offen sein.

"Der Kapitalismus kann keine soziale Gerechtigkeit herstellen", sagt Gregor Gysi. Er zügelt die Gier der Reichen nicht und kümmert sich zu wenig um die Nöte der Armen. © Foto: Sophia Kembowski/dpa


Was Sie aber nicht vom Glauben an den Sozialismus abgebracht hat. Wieso hat sich diese alte Idee bisher nie zufriedenstellend umsetzen lassen?

Gysi: Der Staatssozialismus ist gescheitert, und so wie er war, ist er zu Recht gescheitert. Er hat weder Freiheit noch Demokratie gewährleisten können, auch keine wirkliche Emanzipation des Menschen, und vor allem hatte er eine Wirtschaft, die weit hinter der kapitalistischen zurückblieb. Aber: Es gab in der Weltgeschichte nur drei Versuche für einen demokratischen Sozialismus – Pariser Commune, Tschechoslowakei 1968 und Chile mit Allende. Alle drei wurden militärisch kaputtgemacht.

Deshalb glauben Sie weiter an die sozialistische Idee?

Gysi: Und weil ich weiß, was der Kapitalismus kann und was er nicht kann. Er kann zum Beispiel – und das ist dann wieder mein Streit bei der Linken – eine effiziente Wirtschaft hervorbringen. Er kann eine Top-Wissenschaft und Top-Forschung hervorbringen. Und er bringt auch eine Top-Kunst und -Kultur hervor. Die setzt sich zwar kritisch mit ihm auseinander, aber er bringt sie immerhin hervor. Das darf man alles nicht unterschätzen. Und er kann demokratisch sein, aber er muss nicht.

Und was kann der Kapitalismus nicht?

Gysi: Er kann den Frieden nicht wahren. Die ökonomischen Interessen an Ressourcen und Kriegen sind zu groß, es wird zu viel an Kriegen verdient. Das Zweite ist: Er kann keine soziale Gerechtigkeit herstellen. Der Reichtum konzentriert sich in wenigen Händen. Die 42 reichsten Menschen der Erde – es waren mal 366 – besitzen genau so viel wie die finanziell untere Hälfte der Menschheit. Und das Schlimmste ist, dass diese 3,7 Milliarden Menschen in den letzten fünf Jahren 41 Prozent ihres Vermögens verloren haben. Eine Emanzipation des Menschen schafft er nicht. Außerdem hat der Kapitalismus große Probleme mit der Ökologie. Nicht dann, wenn es damit verbunden ist, dass wir etwa zusätzliche Teile fürs Auto kaufen sollen, sondern dann, wenn man etwas nicht mehr kaufen darf. Und denken Sie an das Klima.

Was folgt für Sie aus dieser Zuordnung von Stärken und Schwächen?

Gysi: Ich möchte einen Transformationsprozess, wo wir das überwinden, was der Kapitalismus nicht kann, aber jenes erhalten, was er kann. Und das nenne ich dann für mich demokratischen Sozialismus. Übrigens: Meine Tante Doris Lessing hat im Spiegel behauptet, ich sei ein romantischer Sozialist. (Lacht) Ich finde das besser als ein unromantischer.

Wie sehr verübeln Sie als Kümmerer und "Stimme des Ostens" es denn den Menschen dort, dass sie sich bei Wahlen immer öfter für die rechte AfD entscheiden?

Gysi: Es gibt vier Gründe, weshalb die AfD im Osten prozentual stärker gewählt wird als im Westen. Der erste ist: Die Ostdeutschen empfinden sich als die Verlierer der Geschichte. Sie hatten die sowjetische Besatzungsmacht, hier waren die westlichen. Viele im Westen denken, sie seien einen Tick besser, aber im Grunde ist das blanker Zufall. Wären die Besatzungszonen andersherum gewesen, wäre auch die Entwicklung andersherum verlaufen. Der zweite Punkt: Die DDR war eine geschlossene Gesellschaft. Leipzig war durch die Messe noch relativ offen, Ostberlin auch, weil da aus Westberlin Menschen verschiedener Nationalitäten hinkamen. Aber in Dresden gab es keine Menschen muslimischen Glaubens. Und dann gibt es einen Knall, alle Tore gehen auf, und plötzlich kommt eine Vielfalt von Menschen. So etwas kann auch überfordern.

Fehlen noch zwei Gründe.

Gysi: Der dritte Grund: Bei der Herstellung der deutschen Einheit wurden die Ostdeutschen Deutsche zweiter Klasse. Du möchtest aber nicht unten stehen. Und da gibt es Leute, die suchen sich Menschen dritter Klasse. Das ist zwar völlig falsch, weil der Kampf Armer gegen Arme immer falsch ist, aber so entsteht Fremdenfeindlichkeit. Und viertens: Durch die Massenarbeitslosigkeit nach 1990 sind die sozialen Ängste im Osten doppelt so groß wie im Westen. Und sie empfinden uns nicht mehr ausreichend als Schutz, weil wir uns nicht gegen die Flüchtlinge stellen, die fälschlicherweise in ihren Augen ihre soziale Situation gefährden.

Wie müsste man auf die Ängste reagieren?

Gysi: Wir müssten mit Medien, Kultur, Wissenschaft, Kirchen, Gewerkschaften, Wirtschaft und allen demokratischen Parteien darüber sprechen, was die unterschiedlichen Aufgaben von all diesen sind, um das Interesse, AfD zu wählen, in ganz Deutschland abzubauen. Man muss verstehen, dass die CSU dabei eine ganz andere Aufgabe als die Linke hat. Das Ergebnis der Großen Koalition wird, glaube ich, leider eine stärkere AfD sein. In Amerika wurde Trump auch gewählt, weil man das politische Establishment ablehnt. Das haben unsere Regierungspolitiker noch nicht begriffen.

In der Linken auch nicht alle.

Gysi: Hm. Die Linke hat natürlich nicht mehr den Charakter einer Protestpartei, wenn wir im Land Berlin und in Brandenburg in der Regierung sind und in Thüringen den Ministerpräsidenten stellen.

Glauben Sie, dass SPD und Linke irgendwann wieder zu einer linken Volkspartei zusammenfinden?

Gysi: Nein, ich weiß auch gar nicht, ob das gut wäre. Es hat sich historisch eigentlich bewährt, wenn die SPD nicht nur von rechts und von der Mitte, sondern auch von links unter Druck steht. Nur anders umgehen müssen wir miteinander und irgendwann vielleicht sehen, dass man nur gemeinsam die Gesellschaft verändern kann. 

Hans-Peter Kastenhuber Nürnberger Nachrichten E-Mail

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