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Heiße Luft? Grüne entfachen Streit um Luftballon-Verbot

"Vögel fressen die Ballonreste und verhungern dann mit vollem Magen" - 12.09.2019 16:46 Uhr

Die Grünen in Niedersachsen wollen Luftballons auf Umweltschutzgründen abschaffen. © dpa/Stephanie Pilick


Selten wurde abseits von Kindergeburtstagen so leidenschaftlich um Luftballons gestritten. Niedersachsens Grünen-Chefin hat eine Debatte über die Umweltgefahren von Ballons angestoßen, und die politische Konkurrenz geht in die Luft. Das weiche Plastik von fliegen gelassenen Luftballons sei vor allem für Vögel schädlich, argumentierte Anne Kura in Hannover. Sie betonte aber: "Wir fordern kein generelles Luftballonverbot. Luftballons auf Kindergeburtstagen im Wohnzimmer sind völlig okay und machen Spaß."

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Gütersloh verbannt Gasluftballons

Den Anstoß für die Diskussionen lieferte ein Beschluss in Gütersloh, auf den Kura von der Neuen Osnabrücker Zeitung angesprochen wurde: Die Stadt in Nordrhein-Westfalen hatte Anfang September entschieden, bei städtischen Veranstaltungen künftig auf den Aufstieg gasgefüllter Luftballons zu verzichten. "Das ist aus meiner Sicht eine lohnende Initiative", sagte Kura.

Ein Ballonverbot sei das aber nicht. "Mir geht es tatsächlich darum, dass, wenn man gasgefüllte Luftballons steigen lässt, die auf jeden Fall in der Natur landen und dann von Vögeln gefressen werden, die daran qualvoll verenden", erläuterte Kura. Für dieses Problem wolle sie das Bewusstsein schärfen. Auf der einen Seite steht das kurze schöne Bild von bunten Ballons in der Luft, auf der anderen das von verendeten Vögeln", sagte Kura der NOZ. Das niedersächsische Umweltministerium lehnte die Verbotsforderung bislang ab.

"In den Himmel steigende Luftballons haben die Menschen schon immer mit Träumen und Hoffnungen verbunden", sagte ein Sprecher von Landesumweltminister Olaf Lies (SPD). "Ein Ballonverbot rettet die Welt ganz bestimmt nicht."

Der Gütersloher Beschluss sieht auch vor, dass der Ballonaufstieg in Genehmigungen zur Überlassung öffentlicher Flächen untersagt wird. In Einzelfällen, die auf höherrangigem Recht beruhen, etwa bei Demonstrationen, könne der Aufstieg von Ballons aber nicht verhindert werden, heißt es. Verabschiedet wurde der Beschluss in Gütersloh einstimmig, auch mit sechs Stimmen der CDU.

Verbot wurde auch auf EU-Ebene diskutiert

Auf EU-Ebene war ein Verbot von Luftballons im vergangenen Jahr diskutiert, dann aber verworfen worden. Von 2021 an sollen zwar Produkte mit Einmal-Plastik, für die es Alternativen gibt, vom europäischen Markt verschwinden, dazu gehören Plastikteller, Strohhalme und auch Luftballonstäbe, nicht aber die Ballons selbst.

Anders sieht es in den Niederlanden aus: Dort gab es im Frühjahr 2019 schon in 17 Prozent der Kommunen ein Verbot, Luftballons steigen zu lassen. Mehrere Parteien im Parlament in Den Haag wollen sich für weitere Verbote einsetzen, denn sie sind besorgt über Schäden durch Ballonreste in der Nordsee. Kura sieht das Nachbarland als Vorbild: "Dadurch ist das Bewusstsein dafür gestiegen, dass man mit einem Luftballon im Prinzip Müll in die Natur steigen lässt", sagte sie.

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Die Küste ist der Grünen-Politikerin zufolge von dem Problem besonders betroffen. In der Tat stellten Forscher der australischen Universität Tasmanien im Frühjahr fest, dass fast jeder fünfte Seevogel, der Ballonteile verschluckt, daran stirbt. "Ballons oder Ballonteile sind der tödlichste Müll im Meer", sagte Lauren Roman von der Uni damals. Ballons verstopften den Magen-Darm-Trakt der Vögel, weil sie nicht so leicht durchrutschten, schrieben die Forscher im Fachmagazin "Scientific Reports". "Auch in der Nordsee werden immer wieder Vögel gefunden mit Plastikmüll im Magen", sagte Kura.

Der FDP-Fraktionsvize im Bundestag, Michael Theurer, sprach von einem "Verbotswahn" der Grünen und einer "Öko-Radikalisierung" der Partei. "Wenn der Staat so dirigistisch, so autoritär, vor allen Dingen auch so kleinteilig in die individuellen Lebensentwürfe der Menschen eingreift, braucht man sich am Ende nicht wundern, wenn man in einer Ökodiktatur aufwacht", sagte Theurer.

Die CDU Niedersachsen schrieb auf Twitter über die Grünen als Partei, die "allen Kindern im Land ihre Ballons wegnahm". In dieselbe Kerbe stieß CSU-Generalsekretär Markus Blume: "Die Grünen wollen scheinbar auch unseren Kindern jede Freude vermiesen." Der Braunschweiger CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Müller verwies zudem auf den Online-Shop der Grünen: "Für 15 Cent das Stück sind hier nach wie vor grüne Luftballons bestellbar", sagte Müller.

Alternativen für den Straßenwahlkampf

Tatsächlich haben auch die Grünen in ihren Wahlkämpfen immer wieder auf Luftballons gesetzt. Kura sagte dazu, der niedersächsische Landesverband habe sich jetzt darauf verständigt, bei eigenen Veranstaltungen keine Ballons mehr steigen zu lassen: "Ich persönlich werde keine Luftballons mehr steigen lassen, und wir sind bemüht, uns alternative Möglichkeiten zu überlegen für den Straßenwahlkampf."

Wie beliebt Ballons längst nicht nur bei Kindern sind, zeigt ein Blick in die Innenstädte: Allein in Hannover gab es Anfang 2019 einem Bericht zufolge acht Ballonläden, auch online gibt es zahlreiche Anbieter für das Geschäft zu Geburtstagen, Hochzeiten & Co.

Der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, findet die Aufregung dennoch übertrieben. "Es ist erstaunlich, wie Geschichten konstruiert werden, weil sie in Klischees passen", sagt er. Kuras Vorstoß schließe er sich an. Auch er begrüße den Ballonverzicht in Gütersloh, "weil die Reste von Ballons sonst im Vogelmagen landen".

Der Artikel wurde um 16.45 Uhr aktualisiert. 

dpa

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