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"Ich habe mich keine einzige Minute mehr sicher gefühlt"

Der palästinensische Fotograf Ezz Al Zanoon stellt in Nürnberg aus - 05.02.2018 19:35 Uhr

Eines der Bilder von Ezz Al Zanoon: Es zeigt Menschen, die in Gaza an den Strand kommen, um sich dort etwas zu erfrischen – viele andere Möglichkeiten gibt es nicht. Doch das Gefühl von Freiheit ist eine Illusion, das Wasser und der Sand sind verdreckt. Und in elf Kilometern Entfernung beginnt die israelische Meeresblockade.


Herr Al Zanoon, viele Ihrer Fotos in der Ausstellung wirken sehr persönlich. Es geht um die Menschen, weniger um den politischen Konflikt. Warum?

Ezz Al Zanoon: Ich habe Fotos von drei Kriegen in Gaza gemacht. Und ich habe viele Kinder sterben sehen, von den Bomben, die hier abgeworfen wurden. Ich habe mich auf die Kinder konzentriert, denn die können gar nichts dafür. Ich verstehe, dass Israel ein Problem hat mit der Hamas, aber in diesen Kriegen sind so viele ganz normale Leute gestorben, die damit nichts zu tun haben. Gerade im letzten Krieg 2014 habe ich so viele Kinder sterben sehen. Irgendwann wollte ich nicht mehr nur solche Fotos machen, ich war einfach müde. Ich wollte die schönen Seiten in Gaza zeigen, die es auch gibt, die die Menschen im Alltag aber gar nicht mehr wahrnehmen. So ist die Idee zu dieser Ausstellung entstanden.

Natürlich wird der sehr dadurch bestimmt, dass Israel die Grenzübergänge kontrolliert und die Einfuhren streng begrenzt . . .

Al Zanoon: Seit langer Zeit hat Israel den Daumen drauf auf der ganzen Bevölkerung in Gaza. Sie bestimmen, was reinkommt und was rausgeht. Klar, es gibt da eine Sicherheitsfrage, aber man darf nicht vergessen, dass da zwei Millionen Leute in Gaza leben, die total eingeschränkt werden und kein Leben mehr haben. Die meisten dieser zwei Millionen Menschen haben keine Beziehung zur Hamas oder auch zur Fatah (der Partei des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas, die im Westjordanland regiert; Anm. d. Red.). Die sind nicht politisch, die wollen einfach nur leben. Man kann nicht alle Menschen so bestrafen und ihnen nur ein Stück Brot pro Tag geben.

Wie hat sich die Lage seit dem letzten Krieg von 2014 verändert?

Al Zanoon: Dieser Krieg hat 52 Tage gedauert. Es ist so viel zerstört worden. Viele Leute dachten, okay, vielleicht kommt jetzt wenigstens eine Lösung. Vielleicht wird es besser. Im Endeffekt wurde alles noch schlimmer. Es gibt noch weniger Raum zu leben.

Ezz Al Zanoon (25) hat vor kurzem Gaza verlassen. Seit dem 20. Dezember vergangenen Jahres hält er sich in dem Flüchtlingslager Gilze in den Niederlanden auf. Er begann 2006 zu fotografieren und erarbeitete sich internationale Anerkennung durch renommierte Medien wie Le Monde, Al Jazeera , AFP oder The Guardian. Wegen der schwierigen Lage im Gazastreifen engagierte er sich für lokale und internationale Organisationen wie das Internationale Rote Kreuz und setzte sich für Menschenrechte und Pressefreiheit ein. Seit jeher ging seine Arbeit über den Journalismus hinaus, im Zentrum seines Schaffens steht die Fotografie als Kunstform. © Foto: David Skilanda


Und die Menschen in Gaza?

Al Zanoon: Die Leute wollen keinen Krieg mehr – und sie wollen die Hamas nicht mehr. Natürlich ist es hart, wenn Israel immer wieder die Grenzen schließt. Genauso ist das mit Ägypten. Israel versorgt uns mit ein bisschen Strom und lässt eine bestimmte Menge Lebensmittel durch. Aber das reicht nicht.

Mit anderen Worten: Die Menschen sind bereit für ein Friedensabkommen – wie immer das dann aussehen würde?

Al Zanoon: Ja. Die Menschen in Gaza brauchen einfach Ruhe. Seit 50 Jahren gibt es immer wieder Krieg. Vor dem letzten Krieg haben viele Menschen aus Gaza in Israel gearbeitet. Sie haben gutes Geld verdient. Nun haben sie gar nichts mehr.

Sie sind für Ihre Fotoausstellung gerade aus einem Flüchtlingslager in den Niederlanden nach Nürnberg gekommen. Warum haben Sie Gaza verlassen?

Al Zanoon: Ich habe schon vor fünf Jahren versucht, Gaza zu verlassen. Es war wegen der Hamas-Regierung. Seit die Hamas im Jahr 2007 gewaltsam die Herrschaft in Gaza übernahm, ist alles immer nur schlimmer geworden. Die Hamas-Führung, diese Leute kontrollieren die ganze Wirtschaft, sie haben reichlich Geld, teure Autos. Und die einfachen Leute haben gar nichts, keine Arbeit und kein Geld. Sie haben kein gutes Leben, kein sauberes Wasser und keinen Strom. Auch der Strand ist dreckig. Alles ist fürchterlich teuer. Aber niemand darf über diese Lage reden. Als die Hamas die Macht übernahm, haben sie eine Menge Leute erschossen. Und danach traute sich niemand mehr, etwas zu sagen.

Da stören auch solche Fotos wie Ihre . . .

Al Zanoon: Ich habe ein Problem mit der Hamas, weil ich über ich das reale Leben der Menschen in Gaza schreibe und das fotografiere oder auch filme. Über all den Mist, den die Hamas in Gaza veranstaltet, über das Fehlen von Strom, über die Gewalt und all das. Ich bin Journalist, und ich versuche, Menschen von außerhalb ein realistisches Bild zu vermitteln.

Ihre Bilder wurden ja auch in Israel veröffentlicht.

Al Zanoon: Das stimmt. Ich schreibe Artikel über die Lage in Gaza und mache dazu Fotos. Der Hamas passt das nicht. "Warum sprichst du über den Alltag? Niemand muss das wissen", sagen sie. Sie haben eine Paranoia. Sie wollen, dass ich mit ihnen arbeite. Aber ich bin Journalist, ich gehöre nicht zum Muchabarat (arabisch für Geheimdienst).

Wie gehen Sie damit um?

Al Zanoon: Die letzten sechs Monate waren wirklich, wirklich gefährlich für mich. Ich habe mich keine einzige Minute mehr sicher gefühlt. Jede Woche kamen irgendwelche Geheimdienstler und haben mich geholt. Sie haben mir mein Handy genommen, meinen Laptop, meine Kamera, alles. Ich durfte weder einen Anwalt anrufen noch meine Familie. Sie haben mir immer wieder gedroht: "Wenn du irgendetwas auf Facebook schreibst oder woanders, wir können dich töten. Wir sagen einfach: Du hast mit Israel gearbeitet. Das ist ganz einfach."

Wie ist es Ihnen dann gelungen, aus Gaza herauszukommen?

Al Zanoon: Es hat damit zu tun, dass die Hamas und die Fatah sich versöhnt haben. Ein Teil der Vereinbarung war, dass erstmals seit zehn Jahren der Grenzübergang Rafah nach Ägypten wieder geöffnet wurde, aber nur für drei Tage. Er wurde von der Fatah kontrolliert. Und die haben mich durchgelassen.

Wie sind Sie eigentlich zur Fotografie gekommen?

Al Zanoon: Mein älterer Bruder Mohammed war Fotograf. 2006 gab es wieder Einschläge in unserer Nachbarschaft. Mohammed ist rausgegangen, um zu sehen, was da los ist, und er wollte fotografieren. Ich war damals ein junger Kerl und stand vielleicht 30 Meter entfernt. Da wurde er von einem Splitter einer israelischen Drohne in die Seite getroffen. Es war überall Blut, er lag am Boden. Er wurde dann ins Krankenhaus gebracht, und am nächsten Tag in ein Krankenhaus in Israel, weil in Gaza niemand helfen konnte. Ich habe mir in dieser Situation, als Mohammed am Boden lag, die Kamera gegriffen und angefangen zu fotografieren. Das war mein Einstieg.

Und dann waren Sie plötzlich bekannt . . .

Al Zanoon: Das war 2012. Da war mein Bild plötzlich im Time Magazine. Ich habe einfach Bilder gemacht und an Agenturen geschickt. Aber ich hatte keine Ahnung, was damit passiert. Die Leute waren alle begeistert und haben gesagt: "Oh, Time!" Aber ich wusste gar nicht, was das bedeutet. Und dann ging es weiter. 2013 gewann ich mit einem Foto einer palästinensischen Familie in ganz ärmlichen Verhältnissen den ersten Preis bei einem Fotowettbewerb bei der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu.  (Der damalige türkische Ministerpräsident) Erdogan war wohl selbst involviert in den Jury-Prozess.

Haben Sie Freunde in Israel?
Al Zanoon: Ja. Mein bester Freund ist ein Jude aus den USA. Seine Familie hat mir meine jetzige Kamera gegeben – ich hatte zuvor eine ziemlich schlechte. Manchmal diskutiere ich auch mir israelischen Freunden über die Situation. Warum muss das so sein? Das brauchen wir, nicht Krieg. Das muss aufhören. Es wird nur Blut vergossen, enorm viel Blut.

Wie erklären Sie sich diesen Anstieg des Radikalismus?
Al Zanoon: Dieser Mist hat schon vor längerer Zeit angefangen, nicht nur in Gaza, sondern in ganz Arabien und sogar darüber hinaus. Das kommt alles aus Saudi-Arabien, diese wahhabistische Auslegung des Islam. Nehmen Sie Afghanistan: Das war ein sufistisches Land (eine sehr  friedliche, mystische Form des Islam; Anm. d. Red.). Die Saudis haben dort die Taliban stark gemacht. Sie haben im Iran und in Syrien mit ihrem Geld Daesh (arabisch für  Islamischer Staat/IS) geschaffen.

Sie sehen also nicht nur ein Problem mit Israel, sondern vielleicht mehr noch mit Saudi-Arabien…
Al Zanoon: Natürlich habe ich auch ein Problem mit Israel. Ich stamme aus Jaffa (das heute mit Tel Aviv fast verschmolzen ist; Anm. d. Red.), meine Mutter stammt aus Akko in Nordisrael. Natürlich kann ich das nicht vergessen. Also, wir haben etwas zu klären mit Israel. Aber das größte Problem ist Saudi-Arabien. Dieses Land richtet Chaos im ganzen Nahen Osten an. In den Medien sagen sie: ‚Wir unterstützen Palästina, wir schicken Geld.‘ Aber wir brauchen dieses Geld nicht. Wir brauchen ein normales Leben.

Das Nürnberger Amt für Internationale Beziehungen zeigt Fotos von Ezz Al Zanoon bis zum 28. Februar montags bis freitags im Heilig-Geist-Haus, Nürnberg, Hans-Sachs-Platz 2. Am Mittwoch, 7. Februar, beginnt dort um 19.30 Uhr eine Podiumsdiskussion zu "Jugendkultur in Gaza". 

Interview: Georg Escher

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