Jemen: "Wir können das Allerschlimmste noch vermeiden"

1.8.2017, 12:42 Uhr
Jemen:

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NZ: Fast 20 Millionen Menschen im Jemen sind auf Hilfe angewiesen, es gibt dort über drei Millionen Flüchtlinge im eigenen Land, neun Millionen Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, sauberem Wasser und Sanitäranlagen. Nun noch die Cholerakrise. Wo fangen Sie mit Ihrer Arbeit an?

Wolfgang Jamann: Im Prinzip ist eine ganze Nation in Not. CARE ist seit 25 Jahren im Jemen, wir haben dort bereits vor der akuten Krise sehr lange gearbeitet, insbesondere an der Bereitstellung von Infrastruktur für Wasser, Hygiene und Latrinenbau. Allerdings liegt im Moment der Fokus komplett auf der Nothilfe wegen der Cholera und der Unterernährung von Kindern. Viele Familien stehen vor der unfassbaren Alternative, ernähre ich mein Kind oder gebe ich das wenige Geld, das ich zur Verfügung habe, für die Gesundheit meines Kindes aus. Wir versuchen, den Familien in dieser Situation zu helfen.

NZ: Wie sieht Ihre Infrastruktur aus?

Jamann: Das ist leider das dritte Drama, der Jemen befindet sich im Krieg, wird bombardiert. Wir haben selber Bombardements und sehr viel Zerstörung erlebt. Tatsächlich werden nicht nur Infrastruktur wie Brücken und Tankstellen bombardiert, sondern auch Wasserstellen. In der Provinz Hajja, in der ich mich im wesentlichen bewegt habe, ist die internationale Gemeinschaft derzeit vielleicht in der Lage, ein Drittel des Bedarfs zu decken. Es muss sehr viel Druck ausgeübt werden auf die Krieg führenden Parteien, dass das Investment in die Wiederherstellung dieser lebensnotwendigen Infrastruktur nicht wieder dem nächsten Bombenangriff zum Opfer fällt.

NZ: Sie sind gerade aus dem Jemen zurückgekommen. Welche Eindrücke haben Sie mitgebracht?

Jamann: Hajja an der Grenze zu Saudi-Arabien ist eine der am schwersten betroffenen Provinzen. Im Prinzip sieht man in jedem Dorf Cholerafälle, dazu relativ viele offensichtliche Fälle von Unterernährung von Kindern. Die Hospitäler beziehungsweise die Gesundheitsstationen sind nicht adäquat ausgestattet. Allerdings, und das ist die gute Nachricht, schafft es die internationale Gemeinschaft eigentlich, an allen Stellen, an allen Orten, wo humanitäre Not herrscht, auch zu antworten. Das heißt, wir sind immer noch in der Lage, das Allerschlimmste zu verhindern. Wir glauben aber, dass wir mit der entsprechenden Öffentlichkeit und auch mit der Unterstützung der Gebergemeinschaft hier eine große Katastrophe verhindern können.

NZ: Es heißt, bis Ende des Jahres werden 600.000 Cholerafälle erwartet.

Jamann: WHO-Experten zufolge kann noch immer viel getan werden. Im September gehen die Kinder wieder in die Schulen, dann steigt die Ansteckungsgefahr, im Oktober beginnt die nächste Regenzeit. Wir müssen jetzt mit Impf- und Hygienekampagnen beginnen. Wir haben jetzt noch die Möglichkeit, diese Choleraepidemie einzudämmen und das Allerschlimmste zu verhindern.

NZ: Woher nehmen Sie den Optimismus?

Jamann: Das ist unsere Berufskrankheit. Die Menschen im Jemen haben Besseres verdient. Diese 20 Millionen sind ja nicht diejenigen, die hier den Krieg führen. Das sind Zivilisten, das sind Kinder, das sind Frauen – wunderbare Menschen. Sie zeigen auch unglaublich viel an Eigeninitiative, wir führen sogenannte "Cash-for-Work"-Programme durch, das heißt, wir geben Geld, lassen die Gemeinden selber am Straßenbau, an der Wiederherstellung der Infrastruktur arbeiten. Da zieht wirklich jeder an einem Strang, und alleine deshalb haben es die Menschen verdient, dass die internationale Gemeinschaft hier nicht wegsieht.

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NZ: Es heißt, gerade die saudische Regierung behindert die Arbeit von Hilfsorganisationen und auch Journalisten. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Jamann: Es ist sehr schwer. Der Zugang sowohl ins Land, als auch der Zugang innerhalb des Landes wird durch eine ganze Reihe von Faktoren erschwert. Ich bin selber in einem Flugzeug in Dschibuti stecken geblieben, in dem drei BBC-Journalisten mitreisen sollten, und Saudi-Arabien hat diesen Flug gestoppt. Das hieß aber auch, dass ein Dutzend humanitärer Helfer nicht weiterkommen konnte. Innerhalb des Landes gibt es überall Straßensperren, da ist ein hohes Maß an Abstimmung erforderlich. Es ist ein unglaublicher Aufwand, den wir betreiben müssen, und die Energie bräuchten wir eigentlich für etwas anderes.

NZ: Warum ist das internationale Interesse so gering?

Jamann: Der Jemen schickt keine Flüchtlinge nach Europa, hier gibt es drei Millionen Vertriebene innerhalb des Landes. Deswegen reagiert die internationale Gemeinschaft nicht ganz so besorgt, wie das in Ländern der Fall ist, wo ein Flüchtlingsexodus droht. Das ist schizophren und eigentlich nicht hinnehmbar.

NZ: Sie waren gerade vor Ort, haben das ganze Ausmaß der Katastrophe gesehen. Wie gehen Sie persönlich mit dem um, was Sie erleben?

Jamann: Ich war vor neun Jahren das erste Mal im Jemen. Wir haben damals in einer friedlichen Umgebung gearbeitet, in einem sehr armen Land. Ich habe damals schon gesehen, dass es sehr schwierig ist, dort zu arbeiten. Jetzt sieht man, dass die kleinen Fortschritte, die wir gemacht haben, durch den Krieg zerstört werden. Was wirklich ans Herz geht, sind die Schicksale der einzelnen Menschen. Mich hat ein alter Mann angesprochen und hat gesagt: "Ich weiß nicht mehr, wie ich über den nächsten Tag komme. Wir haben angefangen, die Blätter von den Bäumen zu essen. Wir sind verschuldet, wir wissen nicht, ob wir unsere Kinder füttern oder ins Hospital schicken können." Das nagt an einem, wir ziehen natürlich die Kraft aus dem Positiven, was wir ja bewirken können. Aber inmitten einer Katastrophe ist es für uns und unsere Kollegen vor Ort nicht einfach. Die Arbeit zehrt an den Nerven und an der Motivation.

NZ: Was müsste geschehen?

Jamann: Durch die Blockaden, durch das Stilllegen jeglicher Infrastruktur, ist auch die Wirtschaft zum Erliegen gekommen, insbesondere im Nordteil des Jemen. Und das heißt, dass im Prinzip auch die Möglichkeit, Einkommen zu erwirtschaften, für jeden Jemeniten zusammengebrochen ist. 80 Prozent der Haushalte sind verschuldet, Kinder werden verheiratet, die Gewalt ist gestiegen. Dieses Land ist wirtschaftlich zusammengebrochen, und alles, was getan werden muss, hängt an der Arbeit der humanitären Helfer. Das überfordert unsere Kapazitäten. Im Grunde muss dafür gesorgt werden, dass das wirtschaftliche Handeln wieder in Schwung kommt, dass die Leute auf die Märkte gehen können, dass sie etwas verkaufen können, dass sie etwas kaufen können, dass sie wieder Geld verdienen.

NZ: Dabei denke ich an das, was ich in Somalia selbst gesehen habe: Ein Land, das seit 25 Jahren unter katastrophalen Bedingungen existiert. Sehen Sie diese Zukunft für den Jemen?

Jamann: Möglicherweise sind Somalia, Syrien, der Ost-Kongo, sind Nord-Niger, Nord-Mali und auch der Jemen Beispiele dafür, dass wir uns darauf vorbereiten müssen, dass wir eine Reihe von Staaten haben, in denen die Ordnung zusammenbricht. Und dass die Menschen, die dort leben, wahrscheinlich auf Dauer über humanitäre Hilfe unterstützt werden müssen. Das ist keine schöne Perspektive, aber viele der internationalen Mechanismen – der UN-Sicherheitsrat, die internationale Gemeinschaft – versagen hier und schaffen es nicht, Strukturen in diesen Staaten zu unterstützen, die Stabilität herbeiführen und den Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

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