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Kalt bis in die Lungenbläschen

Was ein Mittelfranke im sibirischen Winter erlebt hat - 02.12.2010 13:47 Uhr

Gerüstet für sibirische Kälte: Reinhardt Wurzel in Jakutien. © R. Wurzel


Dort, in der Region Jakutien, herrschen im Januar durchschnittlich minus 51 Grad. Selbst hat Wurzel in dem jakutischen Dorf schon exakt 61,7 Grad Frost gemessen. Mit einem speziellen Digital-Thermometer: Quecksilber hätte da längst den Geist aufgegeben.

Wie kommt Wurzel darauf, das (meist) kuschelig warme Mittelfranken mit dem mehr als eisigen Jakutien zu tauschen? Schon als Bub war der heute 45-Jährige fasziniert von Raureif, von Schneekristallen, von klarer Kaltluft. Er wollte einmal selbst erleben und auch im Film zeigen, was extreme Kälte wirklich bedeutet.

Der erste Eindruck auf dem Flugplatz von Jakutsk war für den abenteuerlustigen Mittelfranken fast erschlagend. Schon beim Flug in der Propellermaschine erreicht die Kälte 20 Grad — innen, nicht etwa außen. Das Rollfeld ist eine betonharte, gelinde gesagt nicht ganz ebene Eispiste. Und beim Aussteigen trifft einen die extrem kalte Luft wie eine harte Wand. Die Flugplatz-Arbeiter wirken wie dick vermummte, etwas breit gebaute Mondgestalten.



Kein Wunder. Wer hier lebt, braucht von Kopf bis Fuß mindestens vier bis fünf Schichten Kleidung übereinander. Wurzel: „Omas alte Baumwoll-Ware ist am besten, mit der tollsten Hightech-Wäsche kommt man nicht weit.“ Hundeschlitten-Stiefel mit Innenschuhen und diversen Textilschichten übereinander halten die mörderische Kälte weg von den besonders gefährdeten Zehen.

Ungeschützt dürfen die Hände höchstens zwei Minuten bleiben, sonst drohen üble Erfrierungen. Und alles funktioniert nur, weil der jakutische Winter absolut windstill ist. Das stabile sibirische Hoch sorgt dafür. Schneestürme würden die Region unbewohnbar machen.

Erfrierungen hat sich Reinhardt Wurzel in Oimjakon nicht zugezogen. Nur einen Fehler machte er: Man darf nicht laufen oder gar rennen, flach und ruhig atmen ist das Gebot. Der Röthenbacher war zu flott unterwegs und atmete zu tief. Die Folge: Angefrorene Lungenbläschen. Über Tage hatte Wurzel Atembeschwerden.

Sekt wird zur Eiswolke

Einige Legenden über den „Kältepol“ stimmen nicht, weiß Wurzel. Wer auf den Boden spuckt, sieht den Speichel schon noch flüssig auf das Eis fallen, er gefriert nicht in der Luft. Heißer Tee aber, aus der Tasse hoch in die Kälte geschleudert, wird noch in der Luft zur Eiskristallwolke. Und sprudelnder Sekt wird zu schockgefrorenen Eiströpfchen. Wodka fließt in Jakutien reichlich. „Die Winterlethargie wird mit Alkohol bekämpft“, sagt Wurzel. Manche Jakuten schaffen nach einem Gelage den Heimweg nicht mehr und sterben den Kältetod.

Wurzel arbeitet derzeit an einem 45-minütigen Dokumentarfilm über die extreme Kälte in Sibirien. Ein so bisher noch von niemandem realisiertes Projekt. Teile des Materials sind demnächst in der Sendereihe „Planet Wissen“ zu sehen, kombiniert mit Experimenten und Beiträgen rund um das Thema extreme Kälte.

Am Freitag, 10. Dezember tritt Reinhardt Wurzel bei „Planet Wissen“ im Fernsehen auf (15 Uhr WDR, 17.45 Uhr auf Eins plus und 21.45 Uhr auf BR alpha) 

PETER ABSPACHER

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