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Kommentar: Es geht auch ohne Schulpflicht

Eine Bildungspflicht für Kinder passt besser ins 21. Jahrhundert - 10.09.2019 08:47 Uhr

Viele Kinder dürften sich zum Schuljahresbeginn nicht gerade darüber freuen, dass sie per Gesetz in die Schule gehen müssen. Abgeschafft werden sollte die Schulpflicht, findet NN-Redakteurin Stefanie Goebel. © Patrick Pleul, dpa


Im Jahr 2019 können wir auf 100 Jahre Schulpflicht in Deutschland zurückblicken. Dass es vor dieser Zeit in weiten Teilen unseres Landes nur einige wenige Privilegierte gab, denen Bildung zuteilwurde, kann man sich heute gar nicht vorstellen. Bereits Martin Luther forderte eine Schulpflicht, die nur in wenigen Herzogtümern umgesetzt wurde – allerdings nicht für Mädchen. In Preußen bestand zwar bis zum Ende des Ersten Weltkrieges eine Unterrichtspflicht, doch von Bildung für alle konnte man da nicht sprechen. Deshalb war die Einführung der Schulpflicht 1919, niedergeschrieben in der Weimarer Verfassung, eine große Errungenschaft. Die Schulbildung hing von da an nicht mehr von der sozialen Herkunft ab.

Braucht es im 21. Jahrhundert eine Schulpflicht?

Aber braucht es im 21. Jahrhundert diese alte Regelung noch, dass alle Kinder an den Lernort Schule gehen und dort gemeinsam unterrichtet werden? Die Zeiten, in denen nur privilegierte Schichten in den Genuss von Bildung kamen, sind längst vorbei. Es gibt Eltern, welche die Schulpflicht kritisch betrachten und sich sogar darüber hinwegsetzen. Sie wollen nicht vom Staat bevormundet werden, wie sie ihre Kinder lehren. Denn dieser lässt in der jetzigen Form keine Entscheidungsfreiheit zu.

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Heimunterricht und Freilernen werden als Verstöße mit Bußgeldern, Sorgerechtsentzug oder sogar mit Gefängnis geahndet. Kinder sollen auch lernen, wie man sich in Gesellschaft Andersdenkender verhält und mit Kritik von anderen umgeht, lautet die Begründung. Aber geht das nur in der Schule? Dass Kinder, die zu Hause unterrichtet werden, ebenso Kontakt mit anderen Menschen haben, zählt offenbar nicht.

Ortsunabhängiges Lernen

Doch auch die Angst vor Mobbing und Notendruck hält einige Eltern davon ab, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Und einige Schüler entscheiden sich ab einem bestimmten Alter selbst dazu, sich den Lernstoff auf ihre Weise anzueignen – und schaffen ihren angestrebten Abschluss. Warum überlassen wir Schülern und Eltern also nicht die Wahl, wie und wo Bildung stattfinden soll?

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Wissenschaftler sind sich uneins, ob Heimunterricht und Freilernen gut für die Kinder sind, es gibt kaum Langzeitstudien. Durch die Digitalisierung wird ortsunabhängiges Lernen jedenfalls befördert. Schüler vernetzen sich über WhatsApp-Lerngruppen oder trainieren auf Online-Lernplattformen, die den Vorteil haben, dass man gemeinsam übt, aber nicht im selben Raum sein muss.

Und Schulschwänzer sind nicht per se lernfaul: Kinder sind von Natur aus wissbegierig, doch für manche ist die Schule nicht geeignet, weil sie mit dem Druck dort nicht klarkommen.

Es ist Zeit, über eine Bildungs- oder Unterrichtspflicht mit definiertem Lehrplan zu diskutieren, wie sie auch in Nachbarländern wie Österreich, Schweiz und Frankreich praktiziert wird. Die Schulpflicht hat nach 100 Jahren ausgedient. 

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