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Kommentar: Eskalation des Protests legt soziale Ungleichheit offen

Dies zeigt sich auch an der Corona-Pandemie - 02.06.2020 09:25 Uhr

Die Proteste dauern seit Tagen an. 

© JASON REDMOND, AFP


Es war im Jahr 1966, als Martin Luther King einem Fernsehpublikum erklärte, die Randale sei die Sprache derer, die sich anders kein Gehör verschaffen könnten. Wie aktuell der Satz ist, zeigt die Eskalation der Proteste, die mit friedlichen Demonstrationen in Minneapolis begannen und die nun, längst nicht mehr nur friedlich, ausgenutzt von Trittbrettfahrern der Gewalt, das ganze Land erfasst haben. Acht Minuten und 46 Sekunden drückte ein Polizist dem in Handschellen am Boden liegenden George Floyd das Knie auf den Hals, auch dann noch, als der sich schon nicht mehr regte.

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Krawalle in den USA nach Tod von George Floyd

In amerikanischen Städten kam es nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd, der nach einer Polizeikontrolle gestorben war, zu mehrtägigen Ausschreitungen.


Wäre nicht ein Video aufgetaucht, das alles dokumentierte - Floyds verzweifeltes Flehen, die Kaltblütigkeit seines Peinigers, die Appelle von Passanten, die den Officer Derek Chauvin aufforderten, endlich aufzuhören – die örtliche Polizeiführung würde die vier beteiligten Beamten womöglich noch immer schützen.

Ungleichheit wird seit Jahrzehnten thematisiert

Weil Chauvin auf freiem Fuß blieb, kam die Protestwelle ins Rollen. Als er schließlich, vier Tage nach der Tat, angeklagt wurde, war es zu spät. Längst hatte sich der Eindruck verfestigt, dass Seilschaften in blauen Uniformen selbst in diesem eindeutigen Fall mauern und die Institutionen allenfalls zögerlich bereit sind, die Täter zu bestrafen. Weil ja "nur" das Leben eines Schwarzen ausgelöscht wurde.

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Donald Trump: Ein US-Präsident wie keiner vor ihm

Am 20. Januar 2017 wurde der Immobilien-Milliardär Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Längst ist klar: Einen solchen Präsidenten hatten die USA noch nie. Ständig gibt es Show und Selbstlob, während Fehler immer auf die Kappe anderer gehen. Und in der Substanz: Abreißen, was seine Amtsvorgänger in 70 Jahren amerikanischer Außenpolitik aufgebaut haben.


Es ist vieles zusammengekommen in letzter Zeit. Die Pandemie hat Amerikas akutestes Gesellschaftsproblem, die wachsende soziale Ungleichheit, von Politologen seit mindestens drei Jahrzehnten thematisiert, schonungslos offengelegt.


Mehr zum Thema: Sohn von George Floyd meldet sich zu Wort


Das Virus trifft Menschen mit dunkler Haut, im statistischen Durchschnitt, härter als solche mit heller. Die Rate derer, die an Covid-19 sterben, ist unter Schwarzen dreimal so hoch wie unter Weißen. Es liegt daran, dass sie häufiger an Vorerkrankungen leiden, an Diabetes, Herzkrankheiten, Asthma oder Bluthochdruck.

Es liegt an beengten Wohnverhältnissen und daran, dass sie überproportional vertreten sind in Berufen, denen man nicht im Homeoffice nachgehen kann, an der Supermarktkasse oder hinterm Lenkrad eines Busses. Das Konfliktpotenzial hat mit Corona nicht abgenommen.

Öl ins Feuer

Aufgabe des Präsidenten wäre es, die Wogen zu glätten, Defizite zu benennen, Lernbereitschaft zu signalisieren. Donald Trump tut das Gegenteil. Die Unruhen in Minneapolis beantwortete er mit einem Satz, der einst zum Sprachgebrauch rassistischer Südstaatler gehörte.

"Wenn das Plündern beginnt, beginnt das Schießen", twitterte er und wiederholte wortwörtlich, was George Wallace, über lange Jahre Gouverneur Alabamas und einer der verbohrtesten Anhänger der Rassentrennung, androhte, als er im Unruhejahr 1968 fürs Weiße Haus kandidierte.

Ob Trump wusste, wen er zitierte, ist nebensächlich. Er dürfte gewusst haben, wie viel Öl er mit solchen Worten ins Feuer gießt. Und wie er das Land einmal mehr spaltet.

Frank Herrmann

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