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Kommentar: Ruf nach SUV-Verbot ist scheinheilig

Wer etwas ändern möchte, braucht statt einer City-Maut eine Mobilitätswende - 09.09.2019 11:09 Uhr

Ein zerstörter SUV wird auf einen Abschleppwagen gehoben. Im Stadtteil Mitte waren bei einem schweren Verkehrsunfall vier Menschen getötet worden. Der Geländewagen war über einen Gehweg und durch einen Bauzaun in ein Baugrundstück gerast und hatte dabei die Passanten getötet. © Paul Zinken / dpa


Das Wichtigste vorneweg: Dass bei einem Verkehrsunfall vier Menschen sterben, darunter ein Kleinkind, ist eine Tragödie unbeschreiblichen Ausmaßes. Darüber herrscht Einigkeit. Noch ist die Unfallursache nicht geklärt: War es ein Fehlverhalten des Fahrers, oder lag ein medizinischer Notfall der Person am Steuer des SUV vor, der da in Berlin-Mitte über den Gehsteig geschleudert war und die unglücklichen Passanten erfasste?

Umso unverständlicher ist der laute Ruf nach einem SUV-Verbot in den Innenstädten. Mal banal gefragt: Hätte der Berliner Ortsbürgermeister auch ein Bully-Verbot gefordert, wenn ein VW-Bus in die vier Menschen gerast wäre? Oder ein Fiat-Panda-Verbot? Es ist eine physikalisch nachweisbare Tatsache, dass ein SUV wegen seiner größeren Masse bei einem Aufprall potenziell schwereren Schaden anrichtet. Doch mindestens ebenso entscheidend sind Aufprallwinkel und die Geschwindigkeit. Auf Deutsch: Unter ungünstigen Umständen kann auch der Fahrer eines Kleinwagens vier Menschen töten.

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Dass nun von verschiedenen Seiten ein SUV-Verbot in Innenstädten gefordert wird, ist scheinheilig. Seit vielen Jahren sind diese Straßenmonster steuerlich begünstigt (vor allem in der Dienstwagen-Sparte), und die Auto-Konzerne streichen mit ihren Modellen satte Gewinne ein. Damit auch gleichzeitig der Finanzminister - über die Mehrwert- und die Kfz-Steuer, ganz zu schweigen von der Mineralölsteuer, welche durch diese oft PS-starken Spritschlucker munter sprudelt. Mittlerweile ist jeder fünfte zugelassene Neuwagen in Deutschland ein SUV. Nur mal am Rande: Wäre jeder fünfte Neuwagen ein Elektro- oder Hybridauto, würden wir den Pariser Klimazielen weitaus schneller gerecht.

Unfallforscher: SUV nicht unbedingt gefährlicher

Doch statt das politisch Gebotene zu tun und eine Mobilitätswende herbeizuführen, kommen so alberne Vorschläge wie eine City-Maut für SUVs oder erhöhte Parkgebühren. Echt jetzt? Wer sich einen Porsche Cayenne oder einen Mercedes-SUV leisten kann, den jucken solche Maßnahmen sicherlich nicht. Ganz abgesehen davon, dass das rechtlich kaum durchzusetzen wäre. Wieso sollte ein Bundesbürger wegen seiner Kaufentscheidung für einen SUV in seiner Mobilität eingeschränkt werden dürfen? Es dauerte keine vier Wochen, bis die Gerichte Tausende Klagen abzuarbeiten hätten.

Fazit: Wer wirklich etwas gegen SUVs tun möchte, der muss deren Erwerb (z.B. steuerlich) unattraktiver machen, nicht deren Einsatzradius verkleinern.

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