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Kommentar: Zustände bei manchen Großschlächtern nicht haltbar

Die Coronakrise hat Zustand einmal deutlich aufgezeigt - 20.05.2020 15:08 Uhr

Die Verschärfung der Arbeitsschutzmaßnahmen in der Fleischindustrie sollen die Zustände verbessern.

© imago stock&people via www.imago-images.de


Die Bundesregierung will in der Fleischindustrie hart durchgreifen. Wohlgemerkt: nicht bei den Handwerksbetrieben, also all den Metzgereien, und auch nicht bei den lokalen/regionalen Schlachthöfen, sondern bei den überregional tätigen Großschlächtern. Es soll mehr Kontrollen geben, höhere Bußgelder und ein langfristiges Verbot von Werksverträgen.


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Das ist genau der richtige Weg. Es geht nicht darum, einer Branche wie der Fleischindustrie nur deswegen zu schaden, weil sie eine gewisse Größe hat. Das mag man zwar nicht gut finden. Aber das alleine wäre noch nicht zwingend regulierungsbedürftig, wenn die Gesamtumstände stimmen würden.

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Das Problem ist ein anderes: Die Zustände in manchen betroffenen Firmen waren schlicht nicht mehr haltbar, wie die Coronakrise jetzt noch einmal deutlich aufgezeigt hat. Es sind Infektionsherde entstanden, weil unzählige Arbeitnehmer aus Osteuropa beschäftigt und unter unzumutbaren Bedingungen untergebracht wurden.

Das hat erneut gezeigt, was eigentlich alle schon längst wissen mussten: Hier ist dank verschachtelter, kaum noch durchschaubarer Werkverträge ein System entstanden, das arbeitsrechtlich, hygienisch und ethisch häufig nicht unsere sonstigen deutschen Standards erfüllt.


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Es mutet fast schon zynisch an, dass sich von 2008 bis 2018 der zeitliche Abstand zwischen den Arbeitsschutzkontrollen im Bereich Nahrungs- und Genussmittel mehr als verdoppelt hat. Das kann von unseriösen Unternehmen geradezu als Ermunterung verstanden werden, so weiterzumachen und sich nicht um Verbesserungen zu kümmern.

Vielleicht hätten die jetzt angekündigten Schritte nicht so drastisch ausfallen müssen, wenn die Branche zuvor effektiver überwacht worden wäre. Über eines müssen sich jetzt alle Verbraucher klar sein: Wenn die Großschlächter gezwungen werden, teurer (eben nicht mit günstigen Werkverträgen) zu produzieren, dann werden die Preise steigen. Eine andere Möglichkeit gibt es in der Marktwirtschaft nicht.

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Der schlechteste Weg wäre es übrigens, wenn dank der neuen, verschärften Gesetze und Verordnungen die Produktion noch mehr ins Ausland verlagert wird. Dann würden wir künftig zwar billigere, aber unter noch mieseren Bedingungen entstandene Fleisch- und Wurstprodukte erhalten. Damit wäre niemandem gedient.


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Letztlich dürfte ein Kompromiss aus staatlicherseits erzwungenen Investitionen auf Seiten der Hersteller, höheren Kosten für die Verbraucher und einer Bekämpfung von Preisdumping aus dem Ausland mit allen marktwirtschaftlichen und rechtlichen Mitteln herauskommen. Nur dann kann sich etwas ändern, auch wenn sich alle Beteiligten über die Veränderungen aufregen werden. Dass ausgerechnet jetzt manche Discounter die Preise für Fleisch noch einmal deutlich senken, zeigt deutlich, wie viel auf dem Sektor immer noch schief läuft.

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