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Nach dem Abi in die Wüste

Von einer heißen Sahara-Tour mit einem 44 PS starken Käfer - 17.08.2018 08:00 Uhr

Mörderische Hitze, Sand, Atlasgebirge und ein – leider – orangefarbener Käfer aus der nördlichen Oberpfalz. © Michael Grüner


Das mit der Wüste darf man wörtlich nehmen. Es ging um die Sahara in Afrika. Sie hatte damals – 1979 – eine magische Anziehungskraft. Und dann war da noch der Käfer. VW 1302, satte 44 PS, sieben Jahre alt. Er war mein erstes Auto, verlieh mir Freiheit: Nie mehr Bus fahren ins zwölf Kilometer entfernte Gymnasium. Wir haben eine gewisse Liebe zueinander entwickelt. Zusatzscheinwerfer, Spoiler, breite Reifen. Gut, orangefarben hätte er nicht unbedingt sein müssen . . .

Die Sache mit der Sahara kam so ungefähr ein halbes Jahr vor der Abiturprüfung auf. Ein Mitschüler feilte mit an dieser Idee. Zum Käfer kam jetzt auch noch eine Ente, ein 2 CV von Citroën.

Im Freundeskreis wurde unser Unternehmen mit Kopfschütteln quittiert, mindestens aber mit Stirnrunzeln. Auf dem Landweg in die Sahara. Wir aber waren fest davon überzeugt und trugen das auch nach außen. Der Käfer erhielt auf der Haube den Schriftzug "North Sahara, June 1979". Und Helmut, mein Begleiter, strich seine Ente doch glatt im Zebramuster schwarz und weiß.

Ersatzteile auf Vorrat

Meine Werkstatt meinte zunächst, ich wolle sie veralbern. Sahara – mit dem Käfer? Mühsam überzeugte ich sie von der Ernsthaftigkeit des Vorhabens. Was an einem Käfer-Motor kaputtgehen konnte, bekam ich quasi auf Vorrat mit. Lichtmaschine, Verteilerfinger, Keilriemen, Zündkerzen. Der Motor damals war kein Hexenwerk. Und die Teile hätte sicherlich jeder marokkanische Dorfschrauber einbauen können, wenn ich sie im Gepäck mit dabei hatte.

Apropos Gepäck. Da wurde der VW 1302 jetzt doch etwas klein. Helmut und ich hatten jeder eine Begleiterin dabei. Es gab kein Wenn und Aber: Die Rücksitzbank musste raus. Aus Sperrholz wurde eine Kiste mit Fächern eingesetzt. Für die Ersatzteile, für Werkzeug und für Motoröl. Ein zweites Reserverad wanderte auf den Dachgepäckträger. Dazu kamen zwei Kanister für Benzin und ein Kanister für Trinkwasser. Das Zuhause während der Tour sollte sich in einem kleinen Zelt und auf zwei Stühlen an einem Campingtisch abspielen.

Die Fahrtroute war zwar festgelegt, aber wo wir übernachten wollten, das ließen wir auf uns zukommen. Der Weg sollte das Ziel dieser Reise sein. Genau vier Wochen blieben Zeit. Von der Abiturprüfung bis zur Verabschiedung aus dem Gymnasium.

Die erste Nacht fuhren wir durch. Bis ins Delta der Rhone bei Marseille. Dort trafen wir auf dem Campingplatz die beiden Begleiter mit der Ente. Von dort ging es über Perpingnan immer die spanische Mittelmeerküste entlang nach Süden.

Wir zwickten uns durch das Verkehrsgewühl in Barcelona und passten immer schön auf, dass wir uns nicht verloren. Richtig heiß wurde es dann an der spanischen Südküste vor der Sierra Nevada in der Nähe von Granada. Rechts und links der Straße mehr Steppe als Grünland. Wir übernachteten neben den Autos ohne Zelt. In Algeciras ging es auf die Fähre über die Straße von Gibraltar. Wir erreichten Ceuta, die Exklave Spaniens auf dem afrikanischen Kontinent. Acht Tage waren wir jetzt unterwegs.

Über das marokkanische Tanger ging es am Atlantik entlang Richtung Rabat und Casablanca. Der Gaudi halber kauften wir uns jeder einen Kaftan – ein langes Seidenhemd, das über den Hüften geschnürt wurde - und posierten mit Langstielpfeife fürs Erinnerungsfoto.

Nach Casablanca bog die Route nach Osten in Richtung Marrakesch ab. Jetzt gab es am Straßenrand nicht einmal mehr die mannshohen Kakteen. Der Sand war plötzlich da. Und eine unbeschreibliche Hitze. Im Käfer gab es natürlich keine Klimaanlage und das Fenster habe ich schnell wieder hochgekurbelt, weil nichts als heiße Luft hereinströmte. Aus einer Dusche wurde am Abend auch nichts. Die sanitäre Ausstattung der Campingplätze ging nahezu gegen null.

Wir erreichten Marrakesch. Markant reckte sich uns der Turm der Koutoubia-Moschee entgegen. Erfurchtsvoll standen wir vor der trutzigen Mauer, die im Abendlicht sandfarben leuchtete und die Altstadt umgab. Mir persönlich war nicht recht wohl in dem Wirrwarr der Gassen, in der jeder zweite Einheimische versuchte, uns auf Arabisch auf einen Tee einzuladen. Süßlicher Duft waberte durch die heiße Abendluft. Ich drückte meinen Brustbeutel mit Ausweis und Reiseschecks noch näher an mich ran.

In Marrakesch trennten sich die Wege von Käfer und Ente. Helmut fuhr noch ein Stück ins Landesinnere zur Oase Quarzazate. Ich nahm die Tour entlang des Mittleren Atlasgebirges nach Norden. Die Hitze reichte. Gemäßigter wurden die Temperaturen, als wir das Rif-Gebirge erreichten. Dort gab es wieder Wasser und Vegetation, und hinter den Gipfeln war das Mittelmeer nicht mehr weit.

Michael Grüner, Jahrgang 1959, ist Leiter der Lokalredaktion Pegnitz. © privat


Innerlich machte sich Erleichterung breit, als wir in Ceuta wieder auf spanischen Boden rollten. Doch das war ein wenig voreilig. Ohne jede Vorwarnung nahmen Zöllner meinen schönen Käfer auseinander. Selbst die Türverkleidungen wurden aus den Halterungen gerissen. Nein – wir hatten in Marrakesch keine Drogen gekauft.

Eine Woche hatten wir noch Zeit. In Spanien gelang es uns, mit einem Berg Münzen endlich mal nach Hause zu telefonieren. Abi bestanden. Ich ließ die Abifeier aber sausen und machte lieber einige Tage Urlaub in Marbella und an der ligurischen Küste. Begossen wurde die Tour zum Schluss im Brauhaus am Tegernsee. Der Käfer hatte es geschafft – ganz ohne Ersatzteile.

Michael Grüner

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